Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 · Wien, vermutlich Augustiner-Chorherrenstift St. Dorothea (Besitzvermerke 15. Jh. auf Bl. 1r, 15r, 28v, 54v, 91v) · 1450
Nimm einen weiteren Hecht und schneide ihn oben am Nackenbereich ab. Räume das Fleisch zwischen dem Fisch und der Haut heraus; das sollst du nicht vergessen und die Haut dabei nicht zerbrechen.
Fasse auf beiden Seiten unter den Magen, wie bei Leber und Magen eines jungen Hündchens. Nimm den Magen heraus, drehe ihn um und fülle ihn sauber. Nimm zwei oder drei Stücke vom Hechtfleisch und hacke sie klein.
Gib das Hechtblut dazu, so wird die Füllung braun. Gib Nelken dazu, so wird sie schwarz. Fülle den Magen damit und lass ihn sieden, bis er gar ist. Wenn der Magen gar gekocht ist, gib ihn zum Hecht und würze ihn richtig mit Salz.
Fülle den Hecht überall mit dieser Füllung, aber nicht zu voll, damit die Haut nicht platzt.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain andern hecht | Hecht | 1 | Fischhändler | - |
| ij stukch oder iij | 2-3 Stücke Hechtfleisch | 2 Stück | - | - |
| magen | Hechtmagen | 1 | Fischhändler (auf Anfrage) | - |
| swais | Hechtblut | - | Fischhändler (auf Anfrage) | Rinderblut (Metzger) |
| neglein | Nelken | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| salcz | Salz | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein enthäuteter Hecht wird mit einer Farce aus dem eigenen, gehackten Fleisch neu gefüllt und in seine eigene Haut zurückgestopft; zusätzlich wird der Magen des Fisches separat als kleine Hülle mit derselben Füllung bestückt und mitgegart - ein aufwendiges Präsentationsgericht, kein Alltagsessen. Die Technik - Fischhaut mit Fischfarce gefüllt, wieder in Fischform gegart - ist bis heute lebendig, etwa im gefilte fish der aschkenasischen Küche oder in moderner Fischfarce für Klößchen; ein durchgehender Kontinuitätsnachweis zu diesem konkreten Rezept lässt sich daraus nicht ableiten, nur eine gemeinsame Grundtechnik.
Die Magen-Füllung. Der Hechtmagen wird wie eine kleine Wursthülle behandelt: herausgenommen, gewendet (von innen nach außen gekehrt, wie beim Reinigen eines Naturdarms) und mit einem Teil der gehackten Fischfarce gefüllt. Er wird separat gesotten, bevor er zusammen mit der restlichen Füllung zurück in den Hecht kommt.
Blut und Nelken als Farbmittel. Das Hechtblut färbt die Füllung braun und bindet beim Erhitzen durch Gerinnung mit - eine einfache, unspekulative Wirkung, keine Mehlschwitze. Die Nelken sollen die Füllung laut Text zusätzlich schwarz färben; das ist eine Behauptung des Originaltexts selbst, keine eigene Ergänzung - küchenpraktisch dürfte das Ergebnis eher dunkelbraun als tiefschwarz ausfallen.
Wo genau wird geschnitten? Der Text setzt beim Enthäuten an der 'kewu' an - wörtlich unklar, meist als Nackenbereich gelesen. Eine verwandte Form ('kew') findet sich im selben CoReMA-Glossen-Korpus in einem Kalbskopf-Rezept eindeutig als Kiefer-/Kinnbereich belegt; ob dieselbe Bedeutung hier zutrifft, bleibt wegen der abweichenden Endung offen. Auch der textnahe Zwilling (Berlin, Ms. germ. qu. 1187, dort 'kchew') liest die Parallelstelle uneinheitlich - die Stelle bleibt ein ungeklärtes Hapax.
Offener Punkt: das Ende des Rezepts. Der Text nennt für den fertig wieder befüllten, ganzen Hecht keinen eigenen Garschritt - nur der Magen wird ausdrücklich gesotten. Möglich, dass ein weiterer Garschritt als selbstverständlich vorausgesetzt und deshalb nicht ausgeschrieben wurde; sicher belegt ist das nicht.
Praxis. Löse die Haut vom Fleisch, ohne sie zu beschädigen - sie dient später als Hülle für die Rückbefüllung. Fasse von beiden Seiten unter den Magen, nimm ihn heraus, wende ihn und reinige ihn wie eine Wursthülle. Hacke Fleisch von einem zweiten Hecht klein, vermenge es mit Blut und Nelken und fülle damit den Magen; lass ihn separat gar sieden. Gib den gegarten Magen zurück in den ausgehöhlten Hecht und fülle ihn mit dem Rest der Farce auf - nicht zu prall, sonst platzt die Haut. Da der Text für den fertigen, ganzen Hecht keinen eigenen Garschritt nennt, gare ihn vor dem Servieren vollständig durch (zum Beispiel pochiert oder im Ofen) - roher Fisch mit roher Füllung darf nicht ungegart serviert werden. Für die Lagerküche nur eingeschränkt geeignet: frischer Fisch und Blut brauchen eine durchgehende Kühlkette, und das Enthäuten ohne Reißen der Haut ist feinmotorisch anspruchsvoll.
Eingeschränkt: Frischer Hecht, Hechtblut und Magen brauchen eine durchgehende Kühlkette, und das Enthäuten ohne Reißen der Haut ist feinmotorisch anspruchsvoll. Am offenen Feuer im Topf machbar, aber eher ein Vorführstück für Geübte als ein Alltagsgericht im Lager.
'Swais' ist das Blut des Hechts. Es wird hier verwendet, um die Füllung braun zu färben. Frisches Fischblut ist heute schwer zu bekommen; frisches Rinderblut vom Metzger ist eine mögliche Alternative, die ebenfalls färbt und bindet.
Das Füllen des Magens und der Haut bringt den Hecht optisch wieder in seine ursprüngliche Form, während innen eine gewürzte Fischfarce steckt - ein aufwendiges Präsentationsgericht. Dieselbe Grundtechnik findet sich nicht nur im textnahen Zwilling dieses Rezepts, sondern auch in einer unabhängigen dritten Überlieferung aus einer anderen Handschriftenfamilie (Meister Hans) - ein Hinweis, dass es sich nicht um eine Einzelerscheinung handelt, auch wenn sich daraus keine Aussage über die tatsächliche Verbreitung im Mittelalter ableiten lässt. Die Technik selbst (Fischhaut mit Fischfarce gefüllt) ist bis heute lebendig, etwa im gefilte fish der aschkenasischen Küche.
Dieses Rezept stammt aus dem Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 (Mitte 15. Jh. - Teil I). CoReMA-Handschrift W1 (Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897): dreiteilige Sammelhandschrift, Teil I (Kochrezepte, Bl. 1r-53v) aus der Mitte des 15. Jh., Teil III älter (Mitte 14. Jh.). Textlicher Zwilling von B4 (Berlin, Ms. germ. qu. 1187) - beide überliefern u.a. dasselbe "grün Met"-Rezeptpaar fast wortgleich.
Bezeichnet den Bereich am Nacken oder Kopf des Fisches, wo die Haut für das Enthäuten angeschnitten wird.
Das Verb ‚räumen‘ bedeutet hier, das Fleisch vorsichtig von der Haut zu lösen und zu entfernen.
Die Haut des Hechts, die intakt bleiben soll, um später wieder gefüllt zu werden.
Der Magen des Hechts, der gereinigt und gefüllt wird.
Dieser Vergleich dient der Beschreibung der Größe oder des Aussehens des Hechtmagens, nicht als Zutat.
Das Blut des Hechts, das der Füllung eine braune Farbe verleihen soll.
Gewürznelken, die hier nicht nur zum Würzen, sondern auch zur dunklen Färbung der Füllung eingesetzt werden.
Gar gekocht oder gesotten.
Die Füllung für den Hecht und seinen Magen.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ain andern hecht | northern pike Q83363026 |
| swais | blood Q494268 |
| neglein | clove Q15622897 |
| salcz | table salt Q11254 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
kewu
Gewählte Lesart: Nackenbereich des Fisches, wo die Haut angeschnitten wird.
Andere mögliche Lesart:
Garschritt für den fertig befüllten, ganzen Hecht
Gewählte Lesart: Der Text nennt für den ganzen, wieder befüllten Hecht keinen eigenen Garschritt - nur der Magen wird ausdrücklich gesotten.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 15.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.