Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5. Aug. 4° · Entstehungsort unbekannt · 1543
Wenn du einen Hausen (Stör) in einer Pastete machen willst: Nimm einen gesottenen Hausen und bestreue ihn gut mit Salz und mit Pfeffer, und lege ihn in den Hafen, dazu ein gutes Teil Butterschmalz, Zimtröhrchen, Nelken, Weinbeeren und Zibeben. Lege den Boden darauf und backe es eine Stunde.
Willst du eine Brühe dazu haben, so nimm einen guten Wein und gib Safran hinein, und gieße es durch ein kleines Trichterlein hinein, und lass es länger backen als andere Pasteten.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ein gesotten hausen | ein ganzer, vorgesottener Hausen (Stör) - Menge im Original nicht beziffert | - | Spezialisierter Fischhändler (Zuchtstör) | Der historische Hausen (Huso huso) ist heute streng geschützt (CITES) und nicht im Handel erhältlich. Der buchübergreifende Zwilling mon-107 nennt für seine einfachere Variante Hecht, Karpfen oder Wels als Ersatzfisch. |
| saltz | Salz | - | - | - |
| pfeffer | Pfeffer | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| potterschmaltz | ein gutes Teil Butterschmalz - Menge im Original nicht beziffert | - | - | anderes Schmalz |
| Rorlen | Zimtröhrchen (Menge im Original nicht angegeben) | - | Supermarkt (als Zimtstangen) | - |
| negelen | Nelken | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| weinber | Weinbeeren | - | Supermarkt (Trockenfrüchte) | - |
| zibiben | Zibeben | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | große Rosinen oder Sultaninen |
| den boden | Pastetenteig (Boden/Deckel) | - | Supermarkt (Kühlregal) oder selbstgemacht | - |
| ein gutten wein | Wein | - | - | - |
| Saffran | Safran | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
Welches Gericht ist das?
Eine festliche Fischpastete: Ein ganzer, vorgesottener Hausen (Stör) wird mit Salz und Pfeffer gewürzt, in eine mit Teig geformte Pastetenhülle gelegt, dazu Butterschmalz, Zimtröhrchen, Nelken, Weinbeeren und Zibeben, mit einem Teigboden verschlossen und eine Stunde gebacken. Wahlweise wird danach durch ein kleines Trichterlein eine Safranwein-Brühe nachgegossen und die Pastete weitergebacken. Der Zwilling mon-107 teilt genau dieses Kerngericht - Hausen in einer Pastete, dazu eine eigens angesetzte Brühe -, dort mit einer Apfel-Gewürz-Sauce statt Safranwein. Beide gehören zur selben, in der spätmittelalterlichen Küche verbreiteten Rezeptfamilie „Stör in der Pastete mit separat zugesetzter Brühe“, deren Grundprinzip in der pâté-en-croûte-Tradition bis heute fortlebt.
Butterschmalz, kein rätselhaftes Fett.
„Potterschmaltz“ steht als zusammengeschriebenes Wort im Korpus nur hier, ist aber trotzdem kein echtes Rätsel: Dieselbe Handschrift schreibt Butter an vielen weiteren Stellen „botter“ oder „potter“ (unter anderem als „Botter schmaltz“ in einem anderen Rezept desselben Buchs), und dieselbe b/p-Verschiebung ist auch im Kochbuch der Sabina Welserin und in zeitgenössischen Wörterbüchern belegt. Gemeint ist Butterschmalz.
Ein „Hafen“ aus Teig, kein zweiter Topf.
Der Fisch wird „in den hafen“ gelegt - das klingt nach einem zusätzlichen Kochgefäß, ist hier aber wahrscheinlich die mit Teig geformte, topfähnliche Pastetenhülle selbst: Ein anderes Rezept desselben Buchs benutzt „hafen“ ausdrücklich für eine aus Pastetenteig geformte Form. Für die Zubereitung macht das keinen Unterschied - der Fisch kommt so oder so in die vorbereitete Hülle.
Zwei Trockenfrüchte, keine Dublette.
Weinbeeren und Zibeben stehen im Text nebeneinander und sind bewusst zwei verschiedene Zutaten: Weinbeeren sind hier eher Trauben oder kleine Rosinen, Zibeben die größere Rosinensorte. Beim Nachkochen also wirklich beide besorgen, nicht nur eine Sorte doppelt verwenden.
Länger backen oder milder backen?
Der Schlusssatz ist nicht sicher zu entscheiden: „leniger“ könnte „lenger“ (länger) oder „linder“ (milder, bei niedrigerer Hitze) meinen. Beides ergäbe küchenpraktisch Sinn - nach dem Eingießen der Safranwein-Brühe muss die Flüssigkeit noch durchziehen, sei es durch mehr Zeit oder durch schonendere Hitze. Wer nachkocht, sollte während dieser zweiten Backphase deshalb regelmäßig prüfen, ob die Brühe eingezogen und der Fisch durch ist, statt sich auf eine feste Zeit- oder Temperaturangabe zu verlassen - der Text selbst gibt keine.
Praxis.
Den vorgesottenen (durchgegarten) Hausen außen mit Salz und Pfeffer würzen. Eine Pastetenhülle aus Teig formen, den Fisch hineinlegen, Butterschmalz, Zimtröhrchen, Nelken, Weinbeeren und Zibeben dazugeben, mit einem Teigboden verschließen und rund eine Stunde backen. Wer die Safranwein-Brühe möchte: guten Wein mit Safran vermischen und nach dieser ersten Stunde durch ein kleines Loch im Deckel eingießen, ohne die Pastete vollständig zu öffnen. Danach weiterbacken, bis die Brühe eingezogen ist - das dauert länger als bei einer gewöhnlichen Pastete, ob durch mehr Zeit oder mildere Hitze lässt der Text offen. Mengen für Butterschmalz, Gewürze und Trockenfrüchte sind im Original nicht beziffert („ein gutt theil“) - hier hilft nur Augenmaß, orientiert an einer kräftigen, aber nicht überladenen Gewürz-Trockenfrucht-Note.
Nein, das ist eher ein Schaugericht für die festliche Tafel: Ein ganzer, teurer Stör wird gesalzen, gepfeffert und in einer aufwendigen Teigpastete mit Butterschmalz, Gewürzen und Trockenfrüchten eine Stunde und länger gebacken. Das braucht einen Ofen und Zeit für die Teigarbeit - kein Rezept für Feuer oder Markttag.
Den historischen Hausen (Huso huso) nicht: Die Art ist heute streng geschützt (CITES) und nicht im Handel erhältlich. Zuchtstör findet sich manchmal bei spezialisierten Fischhändlern; als Ersatz eignet sich auch ein anderer fetter Fisch, wie es der buchübergreifende Zwilling mon-107 für seine einfachere Variante mit Hecht, Karpfen oder Wels vorschlägt.
Rorlen sind Zimtröhrchen - so verwendet dieses Buch das Wort durchgängig, auch in vielen anderen Rezepten. Weinbeeren und Zibeben sind hier zwei unterschiedliche Trockenfrüchte, keine Dublette: Weinbeeren meint Trauben oder kleine Rosinen, Zibeben die größere Rosinensorte.
Dieses Rezept stammt aus dem Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5. Aug. 4° (Entstehungsort unbekannt). CoReMA-Handschrift Wo10 (Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5 Aug. 4°): "Kunst- und Artzneibuch von Ludwigen Neer zusamengetragenn. Anno 1543" - ein 1543 datiertes Kunst- und Arzneibuch mit Kochrezept-Anteil. Enthält ein gewürztes Met-Rezept ("Wie man ain Met sieden soll") mit ganzer Muskatnuss und Zimtstangen, im Wasser eingekocht und mit geläutertem Honig fertiggestellt.
Hausen (Stör, Huso huso) war ein großer, teurer Speisefisch mit fettem Fleisch, oft an vornehmen Tafeln serviert. Heute ist die Art streng geschützt (CITES) und nicht mehr im Handel erhältlich.
Zimtröhrchen - im selben Buch durchgängig für Zimtstangen verwendet (u. a. wo10-006, 018, 021, 022, 023, 027, 028), teils als Vollform 'zimetrorlen' (wo10-003, 005, 019).
Zwei unterschiedliche Trockenfrüchte, keine Dublette: 'Weinber' meint Weinbeeren/Trauben bzw. kleine Rosinen (korpusweit als 'grape' geglosst, Wikidata Q10978), 'Zibiben' sind die größere Rosinensorte (Grimm: „zibiben (rosinen)“). Kein anderes wo10-Rezept kombiniert beide Wörter - hier stehen sie bewusst nebeneinander.
Wahrscheinlich nicht ein separates Kochgefäß, sondern die mit Teig geformte, topfähnliche Pastetenhülle selbst - im selben Buch belegt in wo10-044 ('mach darnach ain hafen daraus', vom Pastetenteig gesagt). Zum Vergleich: In wo10-036, außerhalb eines Pastetenkontexts, meint 'hafen' dagegen ein echtes Kochgefäß - die Bedeutung folgt dem Kontext.
Kleines Trichterlein, durch das nach der ersten Backphase eine Brühe nachgegossen wird, ohne die Pastete zu öffnen - dieselbe Technik findet sich im Buch auch in wo10-046, 048, 049 und 066 sowie im Zwilling saw-086 ('Straubentrichterlein').
Butterschmalz - 'potter'/'botter' ist im ganzen Buch die gängige Schreibung für Butter (u. a. 'Botter schmaltz' und 'botter schmaltz' in zwei anderen Rezepten desselben Buchs), eine dialektale b/p-Verschiebung, die auch im Kochbuch der Sabina Welserin ('pútterschmaltz') und bei Goetze ('putter') belegt ist.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ein gesotten hausen | huso Q83363024 |
| saltz | table salt Q11254 |
| pfeffer | pepper Q3143131 |
| potterschmaltz | animal fat Q1423543 |
| negelen | clove Q15622897 |
| weinber | grape or raisin Q13186 · Q10978 |
| ein gutten wein | wine Q282 |
| Saffran | saffron Q25434 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
potterschmaltz
Gewählte Lesart: Butterschmalz. Die p/b-Verschiebung für 'Butter' ist im selben Buch breit belegt (u. a. 'vmb 4 pfening Botter schmaltz' und 'ain pfund botter schmaltz' in zwei anderen Rezepten, außerdem 'botter'/'potter' allein in rund einem Dutzend weiterer Stellen desselben Buchs), zusätzlich im Kochbuch der Sabina Welserin ('pútterschmaltz', 'púterschmaltz') und bei Goetze ('putter maibutter').
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: Die mit Teig geformte Pastetenhülle selbst, nicht ein zusätzliches Kochgefäß - gestützt durch ein anderes Rezept derselben Handschrift (wo10-044), wo 'hafen' ausdrücklich für die aus dem Pastetenteig geformte, topfähnliche Form steht ('mach darnach ain hafen daraus'). Für die Zubereitung ändert sich dadurch nichts: der Fisch kommt so oder so in die vorbereitete Teighülle.
Andere mögliche Lesart:
leniger bachen dann ander pasteten
Gewählte Lesart: Vermutlich 'lenger' (länger): Die Pastete soll nach dem Eingießen der Safranwein-Brühe länger weiterbacken als andere Pasteten, damit die nachträglich zugesetzte Flüssigkeit noch durchzieht und durchgart. Dafür sprechen zwei Beobachtungen: Praktisch ergibt eine LÄNGERE Backzeit nach dem Übergießen mit Flüssigkeit mehr Sinn als eine mildere Hitze, und der Wortstamm 'len-' in 'leniger' liegt näher am belegten 'leng-' aus 'lenger' als am Stamm 'lind-' aus 'lind'/'lind werden' (mehrfach im selben Buch belegt) - dessen Vokal 'i' in 'leniger' gar nicht auftaucht.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 24.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.