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Rinderzunge mit Zwiebel-Weinsauce

Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291 · Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg · 1492

RindHauptspeise · RindLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit180 Min.Portionen4-6 PersonenBuchAlemannisches Büchlein von guter Speise (N1) (~1492)

Willst du ein gutes Gericht aus einer Rinderzunge zubereiten, so nimm eine gute Rinderzunge. Schneide sie am hinteren Ende ab und siede sie sehr gut. Wenn sie gar ist, nimm sie heraus und lasse sie erkalten. Schäle sie dann sehr sauber und gut.

Nimm die Zunge anschließend und schneide sie in kleine Stücke. Lege diese Stücke auf einen Rost und lasse sie darauf trocknen. Achte darauf, dass du Schmalz oder Butter in einer Pfanne hast, und röste darin Zwiebeln sehr gut an. Gib dann Wein und Essig hinzu und würze es mit guten Gewürzen.

Lege die gebratenen Zungenstücke auf eine Platte und gieße die gewürzte Sauce darüber. Serviere es dann.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain guot rinder zung Rinderzunge 1 Metzger, gut sortierter Supermarkt -
ancken Schmalz oder Butter - - Pflanzenöl
zibelen Zwiebeln - - -
win Wein - - -
esich Essig - - -
guoter specerig Gute Gewürze - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken

Welches Gericht ist das? Gesottene, gehäutete Rinderzunge in Scheiben, auf dem Rost angetrocknet und mit einer separat angesetzten Zwiebel-Wein-Essig-Sauce übergossen serviert. Das Grundprinzip - Zunge sieden, häuten, in Scheiben schneiden, mit einer separat gekochten säuerlichen Sauce servieren - trägt bis heute die deutsch-österreichische Wirtshausküche mit ihrer Ochsenzunge in Madeirasauce, und lebt mit anderen Saucen auch in der französischen langue de boeuf und der spanischen lengua estofada weiter. Rinderzunge war im Mittelalter ein Schlachtnebenprodukt, das - anders als in der modernen Küche oft angenommen - keineswegs als minderwertig galt, sondern eine eigene, mehrstufige Zubereitung (Sieden, Häuten, Trocknen, separates Ansetzen der Sauce) verlangte.

Antrocknen oder Dörren? Nach dem Sieden, Erkalten und Häuten werden die Zungenstücke auf einen Rost gelegt und dort trocknen gelassen (‚ertrucknen'). Wie weit dieser Trocknungsprozess geht, lässt der Text offen: ein kurzes Antrocknen der Oberfläche - damit die Stücke später besser bräunen statt zu dämpfen - ist ebenso möglich wie ein intensiveres Dörren zur Haltbarmachung. Da das Rezept die Zunge erkennbar zum sofortigen Verzehr bestimmt und nicht zur Vorratshaltung, ist ein kurzes Antrocknen die naheliegendere Praxis-Lesart.

Wo werden die Scheiben gebraten? Für die Zungenstücke selbst nennt der Text nur den Rost-Schritt zum Trocknen; ein gesonderter Schritt, der sie danach zu den Zwiebeln in die Pfanne legt, wird nicht ausdrücklich beschrieben - die Pfanne dient im Text zunächst nur der Zwiebel-Wein-Essig-Sauce. Möglich ist daher sowohl, dass das Trocknen auf dem Rost nah genug am Feuer geschieht, um die Stücke zugleich anzurösten (worauf ‚gebraten' am Ende zurückverweist), als auch ein kurzes, im Text nicht eigens erwähntes Nachbraten in der Pfanne mit den Zwiebeln. Für die Praxis funktionieren beide Wege gleich gut.

Praxis. Rinderzunge am Ansatz zurechtschneiden und in reichlich Wasser mehrere Stunden weich sieden, bis sie sich mühelos einstechen lässt. Herausnehmen, erkalten lassen und die derbe Außenhaut abziehen. Die Zunge in kleine Stücke schneiden, auf einen Rost legen und antrocknen lassen. Zwiebeln in Schmalz oder Butter gut anrösten, mit Wein und Essig ablöschen und mit guten Gewürzen (Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken) abschmecken. Die angetrockneten Zungenstücke - nach Wahl auf dem Rost nachgeröstet oder kurz in der Pfanne mitgebraten - auf einer Platte anrichten, die Sauce darübergießen und servieren.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, mit Vorlaufzeit. Das Rezept braucht weder Ofen noch Kühlung - nur einen großen Kessel über offenem Feuer, wie er in jeder Lagerküche für Eintöpfe und Suppen ohnehin vorhanden ist. Das mehrstündige Sieden der Zunge ist eine Zeit- und Feuerpflege-Frage, keine Infrastrukturfrage. Wer im Lager Zeit sparen will, kocht die Zunge zu Hause vor, häutet sie und bringt sie fertig gegart mit; die restlichen Schritte (Zwiebeln rösten, Sauce ansetzen) sind auch am offenen Feuer schnell erledigt.

Welche Gewürze sind mit 'guoter specerig' gemeint?

‚Guoter specerig‘ (gute Gewürze) ist eine allgemeine Formulierung. Typische Gewürze der Zeit, die hier passen würden, sind Pfeffer, Ingwer, Zimt und Nelken. Du kannst eine Mischung dieser Gewürze nach eigenem Geschmack verwenden.

Was ist ein 'Rost' und wie verwende ich ihn?

Ein ‚Rost‘ war im Mittelalter ein Gitter aus Holz oder Metall, das zum Braten, Trocknen oder Warmhalten von Speisen über dem Feuer oder der Glut verwendet wurde. In diesem Rezept dient er zum Trocknen der Zungenstücke, was über milder Hitze oder einfach an der Luft geschehen kann. Für eine authentische Darstellung kann ein frisch geschnittener Holzrost aus Hartholz verwendet werden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Alemannisches Büchlein von guter Speise (N1) (Schwäbischer Sprachraum - Entstehungsort unbekannt). CoReMA-Handschrift N1: die 26 Kochrezepte (fol. 17r-24r) der Sammelhandschrift Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291, schwäbisch, 1492-1494. Anton Birlinger hat sie 1865 als "Alemannisches Büchlein von guter Speise" gedruckt - die einzige gemeinfreie wissenschaftliche Edition zu einer CoReMA-Handschrift und damit ein vollwertiger Gegencheck neben dem TEI-Text. Jedes Rezept trägt im Original eine rote Überschrift. Textlich am Ende der Traditionslinie des "Buoch von guoter Spise" (bgs, um 1350) und des Meister Eberhard (meb); direkte Motiv-Parallelen zu ka1 (Krosaier), zum Holdermus-Cluster (ka1/kkm/m384/meb/rfk) und zum heidnischen Pfannkuchen (ka2/m5919/mha/mon).

wiltu ain guot esen machen Wiltu ain guot essen machen von ainer rinder zungen so nim ain guot rinder zung vnd schnid sy vff hinden ab vnd nim vnd sud sy recht wol vnd wenn sy recht wol ges= oten Ist so nim sy her vs vnd las sy erkalten vnd schel sy denn recht suber vnd wol vnd nim sy denn vnd schnid sy denn zuo klainen stu= cklin vnd leg sy vff ain rost vnd las sy ertrucknen darvff vnd lueg das du habest ancken In ainer pfanen vnd rost zibelen darin rech wol vnd tuo denn win vnd esich dar In vnd wurtz es denn mit guoter specerig vnd leg denn die gebraten schniten In ain blaten vnd gus das gewurtz daruber vnd gib es dar
specerig

Eine allgemeine Bezeichnung für Gewürze. Im Mittelalter waren dies oft Mischungen aus Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken oder Galgant, je nach Verfügbarkeit und Anlass.

rost

Ein Rost konnte ein einfaches Holzgitter oder ein Metallrost sein. Für das Trocknen der Zungenstücke ist ein Holzrost über milder Restwärme oder ein Lufttrocknen denkbar. Siehe auch Der hölzerne Rost.

ancken

Bezeichnet tierisches Fett, meist Schmalz (Schweinefett) oder Butter. In diesem Kontext ist beides denkbar.

Handschrift
Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291
Folio
Fol. 023v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch, südwestdeutscher Sprachraum, 1492-1494)
Entstehung
Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, 1492
CoReMA-Handschrift

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

zibelenonion Q3406628
winwine Q282
esichvinegar Q41354
guoter specerigspice Q42527

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartertrucknen

Gewählte Lesart: ‚trocknen lassen‘ - ein sanfter Prozess, um die Oberfläche der Zungenstücke anzutrocknen.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚dörren‘ - ein intensiverer Trocknungsprozess zur Konservierung. - Der Kontext des Rezepts, das eine sofortige Zubereitung und Servierung vorsieht, spricht gegen ein langes Dörren. Ein leichtes Antrocknen der Oberfläche ist plausibler, um eine bessere Textur beim späteren Braten zu erzielen.

Originalwerk (~1492) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 023v, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Hs 20291 ("Alemannisches Büchlein von guter Speise", schwäbisch, 1492-1494), Rezeptteil fol. 17r-24r - CC BY-NC-SA 3.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), N1 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Ja, mit Vorlaufzeit: Das Rezept braucht weder Ofen noch Kühlung - nur einen großen Kessel über offenem Feuer, wie er in jeder Lagerküche für Eintöpfe und Suppen ohnehin vorhanden ist. Das mehrstündige Sieden der Zunge ist eine Zeit- und Feuerpflege-Frage, keine Infrastrukturfrage. Wer im Lager Zeit sparen will, kocht die Zunge zu Hause vor, häutet sie und bringt sie fertig gegart mit.
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Stand dieser Fassung: 28.07.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.