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Schnell gemachtes Sauergemüse

Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 · Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln · 1475

BeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit150 Min.Portionen4-6 PersonenBuchKölner Küchenmeisterei (~1475)

Nimm einen sauberen Topf. Lege Spross-Hölzchen eine Handbreit hoch auf den Boden. Gieß guten Rotwein hinein, ganz nah bis an die Hölzchen.

Dann nimm einen gut gesäuberten Kohlkopf und spalte ihn an vier Stellen bis zum Strunk, sodass er aber ganz bleibt. Lege dann ein weiteres Krautblatt dahinter hinein, das vorne offen aufreißt. Stürze den Kohlkopf so auf die Hölzchen in den Topf, richte ihn ganz eben aus und dichte ihn mit einer Masse ab.

Setze den Topf auf einen Dreifuß und mache ein gleichmäßiges Feuer darunter, nicht zu groß, und lass es so lange stehen, bis ein Kraut sonst gar gekocht werden kann. Dann nimm es heraus und lass es kalt werden.

Nimm den Rotwein aus dem Topf, gib ihn in ein Pfännchen und siede Kümmel, Schlehen und Wacholder darin. Schütte es in den Kohlkopf. Verteile es gut ringsum und lass es zufallen. Spalte es dann ganz auf. Gieß Essig oder Senf darüber und serviere es so kalt.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Sprusz holtzlin Spross-Hölzchen - Wald Holzspieße oder Reisig
guten roden win Rotwein - - -
des kruds houbt 1 Kohlkopf 1 Stück - -
eyn ander pellyn kruds Kohlblätter - - lose Blätter eines zweiten Kohlkopfs
muszen Masse zum Abdichten - Supermarkt (Mehl und Wasser) Mehl-Wasser-Teig
kummell Kümmel - - -
Slehen Schlehen - Wochenmarkt, Wildsammlung (Herbst) getrocknete Schlehen oder Brombeeren
wachholter Wacholderbeeren - - -
essig Essig (optional) - - -
Senff Senf (optional) - - -

Was ist das?

Compest ist eingelegtes bzw. fermentiertes Wintergemüse - hier ein ganzer Kohlkopf, gegart nicht im Wasser, sondern im Dunst von Rotwein. Der Wein dient als Gar- und Aromamedium, nicht als Getränk: Er wird vor dem Garen zugegossen, danach abgeschöpft, mit Kümmel, Schlehen und Wacholder aufgekocht und über den bereits kalten Kohl zurückgegossen. Serviert wird kalt, mit Essig oder Senf dazu. Lebende Verwandtschaft: Kohl kurz gegart und dann in einem gewürzten Wein-Essig-Sud durchgezogen, ist ein Vorläufer heute schnell eingelegter, marinierter Krautgerichte.

Wie fest wird der Topf verschlossen?

"versturtz den gar eben vnd verkleibe" heißt wörtlich "richte ihn ganz eben aus und dichte ihn mit einer Masse ab" - es geht darum, den umgestürzten Kohlkopf gerade auf die Hölzchen zu setzen, nicht darum, ihn besonders fest hineinzudrücken. Eine Parallelfassung in der Solothurner Küchenmeisterei bestätigt an derselben Stelle dieselbe Lesart.

Wie stark brennt das Feuer?

Im Original steht "loiszs" - das ist "lass" plus das angehängte Wörtchen "es", keine "lose Glut": Weder diese Fassung noch ihre zwei Parallelfassungen kennen ein eigenständiges Wort für eine besonders lockere Glut. Gemeint ist schlicht ein gleichmäßiges, nicht zu großes Feuer, das so lange brennt, bis ein Kohlkopf sonst auch gar gekocht wäre.

Einziehen oder zufallen?

"lois zu vallenn" wird hier als "lass es zufallen" gelesen, nicht als "einziehen lassen": Beide bekannten Parallelfassungen übersetzen dieselbe Stelle ebenfalls mit "zufallen" (schließen). Das passt auch zum nächsten Schritt, bei dem der Kohlkopf wieder ganz aufgespalten wird - aufgespalten wird, was zuvor zugefallen war, nicht etwas, das durchtränkt war.

Das Krautblatt vorn (pellyn kruds / zcarre)

"pellyn kruds" bleibt lexikalisch ungeklärt - keines der bekannten Wörterbücher kennt das Wort. Sicher ist: Es ist ein einzelnes Blatt (Singular im Original), das hinter den gespaltenen Kohlkopf gelegt wird und ihn vorn offenhält ("zcarre", vermutlich eine Form von "zerren" - reißt auf/hält offen). Eine Parallelfassung deutet dieselbe Stelle stattdessen als kleinen Krautballen mit derselben Funktion - beide Lesarten sind mit dem Text vereinbar, welche zutrifft, bleibt offen.

Gereinigt oder gekocht?

Ob der Kohlkopf vor dem Dampfgaren nur gereinigt oder bereits vorgekocht wird, ist zwischen den drei bekannten Fassungen uneinheitlich überliefert: Zwei Fassungen (darunter diese) sagen unabhängig voneinander "gereinigt", eine sagt "gekocht". Die Mehrheit spricht dafür, dass der Kohl hier roh in den Topf kommt und erst darin gart - was auch besser zur Anweisung passt, ihn so lange zu garen, wie ein Kraut sonst zum Kochen braucht.

Praxis.

Reisig oder dünne Hölzchen eine Handbreit hoch in einen Topf legen, mit Rotwein bis knapp an die Hölzchen auffüllen. Einen gereinigten Kohlkopf kreuzweise bis zum Strunk einschneiden (er bleibt zusammenhängend), ein Krautblatt einlegen, das ihn vorn offenhält, dann kopfüber auf die Hölzchen stürzen. Topf mit einem Mehl-Wasser-Teig luftdicht verschließen, auf einen Dreifuß setzen und bei gleichmäßigem, nicht zu großem Feuer so lange garen, wie ein Kohlkopf sonst zum Kochen braucht. Kalt stellen. Den abgeschöpften Wein mit Kümmel, Schlehen und Wacholder aufkochen, über den kalten Kohl gießen, gut verteilen und durchziehen (zufallen) lassen. Aufspalten, mit Essig oder Senf beträufeln und kalt servieren.

Was ist ein ‚Compest‘?

Ein ‚Compest‘ ist im mittelalterlichen Kontext kein süßes Kompott, sondern eine Zubereitung aus eingelegtem oder fermentiertem Gemüse, vergleichbar mit Sauerkraut oder anderen sauren Einmachgemüsen. Es diente oft als Beilage zu Fleisch oder Fisch.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, gut geeignet. Die Zutaten sind robust und benötigen keine Kühlung. Das langsame Garen im abgedichteten Topf erfordert zwar Aufmerksamkeit beim Feuermanagement, ist aber mit einem Dreifuß und einem Topf gut umsetzbar. Die Vorbereitung kann am Vortag erfolgen, da das Gericht kalt serviert wird.

Was bedeuten ‚Sprusz holtzlin‘ und ‚muszen‘ im Rezept?

‚Sprusz holtzlin‘ sind kleine Äste oder Reisig, die als eine Art Rost auf den Topfboden gelegt werden, um das Gargut vor direktem Kontakt mit dem Topfboden zu schützen. ‚Muszen‘ bezeichnet eine Masse, meist aus Mehl und Wasser, die zum luftdichten Abdichten des Topfes verwendet wird, um einen Dampfgar-Effekt zu erzielen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kölner Küchenmeisterei (2. Hälfte 15. Jh. oder 16. Jh. - umstritten). CoReMA-Handschrift K1: 182 Rezepte der Kölner Abschrift der "Küchenmeisterei" - derselben Drucktradition wie So1 (Solothurn), aber textlich vollständiger erhalten. Systematisch in fünf Teile gegliedert wie So1: Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig-/Kräuterwein-Herstellung, ein ausführliches lateinisch-deutsches Diätetik-Kapitel. Enthält denselben Brombeer-Honigwein wie So1 (dort §133), hier unter dem lateinischen Titel "Vinum de morisrubi" (k1-167) - K1 überliefert an dieser Stelle einen Rezepttitel, den So1 nicht hat.

Compest balde zu machenn Suer Nym einen Reinen hafen Sprusz holtzlin vnden dar Inne einer handt hoich Gusz guten roden win dar Inne gar nahe bisz an dy hultzlin So nym dan des kruds houbt vor woil gesubert vnd spaltzs an vier bisz an den dorsen vnd doch gantz blieb Leghe dan eyn ander pellyn kruds do hinden Inne das isz vornn vffen zcarre Sturtz das houbt also vff die hultzlin In hafen vnd versturtz den gar eben vnd verkleibe Ine mit muszen Setz Ine vff ein dryfussz vnd mach ein gelich fuer dar vnder nit zu grois loiszs stehen also lange bisz sust ein krued gesieden mag Dan thu isz vsz vnd lois kalten vnd nym des roden wins Im hafen den thu In eyn phenlin vnd sued kummell Slehen vnd wachholter dar Inne vnd schuds In das houbt Teile isz wol vmb vnd vmb vnd lois zu vallenn Erspalt isz dan gar Gusz essig ader Senff dar ane vnd trags fur also kalt
Compest

Im Mittelalter bezeichnete ‚Compest‘ (von lateinisch compositum) eingelegtes oder fermentiertes Gemüse, ähnlich unserem Sauerkraut oder eingelegten Rüben, und nicht ein süßes Obstkompott.

Sprusz holtzlin

Kleine Äste oder Reisig, die als eine Art Rost auf den Topfboden gelegt werden, um das Gargut vor direktem Kontakt mit dem Topfboden zu schützen und ein Anbrennen zu verhindern.

Dorsen

Bezeichnet hier den Strunk des Kohlkopfes.

muszen

Eine Masse, meist aus Mehl und Wasser, die zum Abdichten des Topfes verwendet wird. Dies schafft einen luftdichten Raum, der das Garen im eigenen Saft oder Dampf ermöglicht und Aromen einschließt.

gelich fuer

Ein gleichmäßiges, nicht zu starkes Feuer, das ideal für langes, schonendes Garen ist, oft nur aus Glut bestehend.

krued

Hier als allgemeiner Begriff für ‚Kraut‘ oder ‚Pflanze‘ verwendet, um die Garzeit des Kohlkopfes zu referenzieren.

Slehen

Die Früchte des Schlehdorns, die einen herben, säuerlichen Geschmack haben und oft in der mittelalterlichen Küche zum Würzen oder Einlegen verwendet wurden.

Handschrift
Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27
Folio
Fol. 027v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ripuarisch/westmitteldeutsch, Köln) - Datierung umstritten: Menne (1931/1937) 2. Hälfte 15. Jh., Finger et al. (1993) 16. Jh. ohne Begründung; Wasserzeichen/Inhalt liefern laut TEI keine sichere Datierung
Entstehung
Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln, 1475
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

guten roden winred wine Q1827
kummellcaraway Q22978145
Slehensloe Q12059685
wachholterjuniper berry Q3251025
essigvinegar Q41354
Senffmustard seed Q1937700

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartSprusz holtzlin

Gewählte Lesart: Spross-Hölzchen oder Reisig, die als eine Art Rost auf den Topfboden gelegt werden.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine spezifische Holzart, die als ‚Sprossenholz‘ bezeichnet wird. - Die Formulierung ‚Sprusz holtzlin‘ könnte auf eine bestimmte Holzart hindeuten. Jedoch ist die Funktion als Unterlage im Topf wichtiger als die genaue Holzart, und ‚Spross-Hölzchen‘ oder ‚Reisig‘ passt besser zur praktischen Anwendung.

Lesartpellyn kruds

Gewählte Lesart: Ein weiteres Krautblatt (Singular), das hinter den gespaltenen Kohlkopf gelegt wird und ihn vorn offenhält.

Andere mögliche Lesarten:

  • Ein kleiner Krautballen bzw. -wickel mit derselben Stützfunktion, kein einzelnes Blatt. - Die Parallelfassung in der Koch- und Kellermeisterei liest dieselbe Wortform inzwischen als Ballen/Wickel statt als Blatt. Diese Abschrift und die zweite Parallelfassung (Solothurner Küchenmeisterei) lesen dieselbe Stelle aber beide weiterhin als einzelnes Blatt - zwei von drei Zeugen widersprechen dieser Lesart. Bleibt offen.
  • Eine unbekannte, eigenständige Kohl-/Krautsorte namens ‚Pellin-Kraut‘. - ‚pellyn‘ ist in keinem Wörterbuch belegt. Die Funktion im Satz - ein Stück Kraut, das offenhält - spricht aber stärker für ein Kraut-Stück als für eine eigene Sorte.

Lesartzcarre

Gewählte Lesart: Reißt vorn auf / hält offen (vermutlich eine flektierte Form von ‚zerren‘).

Andere mögliche Lesarten:

  • Scharf, spitz. - Lautlich naheliegend, passt aber schlechter zum Bild eines Kohlkopfblatts, das ‚vorn offen‘ ist, als eine Form von ‚zerren‘.
  • Bloß offenhalten, ohne die Konnotation von Reißen/Zerren. - Die Parallelfassung in der Koch- und Kellermeisterei umschreibt dieselbe Stelle mit einer reinen Funktionsangabe (‚hält offen‘) statt eines eigenen Worts für ‚zcarre‘ - das deutet eher auf eine moderate Lesart als auf gewaltsames Zerreißen, widerlegt Letzteres aber nicht.

Lesartmuszen

Gewählte Lesart: Eine Masse, meist aus Mehl und Wasser, zum luftdichten Abdichten des Topfes.

Andere mögliche Lesart:

  • Moos, das zum Abdichten verwendet wird. - Theoretisch möglich, aber durch die Übereinstimmung aller drei bekannten Fassungen (diese Abschrift sowie Parallelfassungen in der Solothurner Küchenmeisterei und der Koch- und Kellermeisterei) für eine Teig-/Mehl-Wasser-Masse inzwischen unwahrscheinlich - die Frage gilt als weitgehend geklärt.

Lesartloiszs

Gewählte Lesart: ‚Lass‘ + enklitisches ‚es‘ (‚loiszs‘ = ‚lass es‘), bezogen auf das Stehenlassen des Topfes am Feuer.

Andere mögliche Lesart:

  • Adjektiv ‚lose‘ (Glut). - So zuvor gelesen, aber ohne eigenständigen Beleg: Weder diese Fassung noch ihre zwei Parallelfassungen kennen eine ‚lose Glut‘, und im selben Rezept ist dieselbe Wortbildung an anderer Stelle (‚lois kalten‘ = ‚lass kalt werden‘) eindeutig als ‚lass es‘ aufgelöst. Gilt als korrigiert.

Lesartvallenn

Gewählte Lesart: ‚Zufallen‘, im Sinne von sich schließen - nicht ‚einziehen‘.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Einziehen lassen‘, im Sinne von aufsaugen. - So zuvor gelesen, aber ohne Beleg: Beide Parallelfassungen übersetzen dieselbe Stelle ebenfalls mit ‚zufallen‘. Passt zudem besser zum Folgeschritt, bei dem der Kohlkopf wieder aufgespalten wird - aufgespalten wird, was zuvor geschlossen war. Gilt als korrigiert.

Originalwerk (~1475) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 027v, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 ("Küchenmeisterei"-Abschrift, ripuarisch, Datierung umstritten) - CC BY-NC-SA 4.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), K1 (Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Gut geeignet. Die Zutaten sind robust und benötigen keine Kühlung. Das langsame Garen im abgedichteten Topf erfordert zwar Aufmerksamkeit beim Feuermanagement, ist aber mit einem Dreifuß und einem Topf gut umsetzbar. Die Vorbereitung kann am Vortag erfolgen, da das Gericht kalt serviert wird.
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Stand dieser Fassung: 02.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.