Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 · Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln · 1475
Zuerst nimm die allersauersten Weintrauben, drücke sie aus und seihe sie durch ein Tuch.
Gieße guten alten Essig dazu und lass es stehen, bis es sich gesetzt hat. Dann seihe es von den Hefen ab und gib mehr der ausgedrückten sauren Weintrauben dazu.
Lass es wieder stehen und seihe es gut ab. Tue das so oft, wie du davon viel haben willst.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| die aller suersten wienbere | Sehr saure Weintrauben | - | Wochenmarkt, gut sortierter Supermarkt (unreife Trauben) | Verjus (unreifer Traubensaft) als Basis, dann mit Essig mischen |
| ein tuch | Ein Tuch | - | Supermarkt, Haushaltswaren | - |
| guten alten essig | Guter alter Essig | - | - | Apfelessig oder Weißweinessig |
Was ist das? Ein Verfahren, um aus überreif-sauren (unreifen) Weintrauben und bereits vorhandenem altem Essig fortlaufend mehr scharfen Essig zu gewinnen: ausgepresster Traubensaft und Essig werden vermischt, absetzen gelassen, von den Hefen abgeseiht, mit neuem ausgepresstem Traubensaft nachgefüttert - und der Zyklus so oft wiederholt, wie gewünscht. Strukturell entspricht das dem, was in der heutigen handwerklichen Essigherstellung als Backslopping oder Orléans-Methode bekannt ist (moderner Vergleichsbegriff, im Text selbst kommt kein solcher vor).
Bodensatz, nicht Topf. „heffen“ bedeutet hier Bodensatz oder Hefen - die Sedimente, die sich beim Ruhen absetzen -, nicht das bairische „Hafen“ für Topf/Kochgefäß. Der Satz „seihe es von den Heffen ab“ ergibt nur mit der Sediment-Lesart Sinn; die Handschrift selbst trägt an dieser Stelle eine Randnotiz („heffen ?!“), die die Stelle als klärungsbedürftig markiert - der unabhängige Zwillingstext so1-117 (derselbe Wortlaut „von den heffenn“) bestätigt die Sediment-Lesart.
Weintrauben, nicht Rosinen. „wienbere“/„wimbere“ bezeichnet frische Weintrauben, nicht getrocknete Rosinen: Die Qualifizierung „allersauerste“ ergäbe bei Rosinen keinen Sinn, und das CoReMA-Glossenkorpus verlinkt den Beleg selbst auf „grape“.
Stehen bleiben, nicht fest werden. Im zweiten Satzteil steht „Lois aber gestehen“ - dasselbe Wort, das in anderen k1-Rezepten (etwa bei Aspik oder Mandelmilch) „fest werden/erstarren“ bedeutet. Hier fehlt aber jedes Geliermittel; gemeint ist „stehen bleiben/ruhen“ (mhd. gestân). Der Zwilling so1-117 bestätigt das: an derselben Stelle steht dort „las aber gestann“, von der Solothurner Fassung selbst mit „stehen“ übersetzt.
Der Zeugenvergleich mit so1-117. Die Solothurner Fassung eröffnet mit einem Rahmensatz, der in der Kölner Abschrift ganz fehlt („der Essig wird auf vielfältige Weise gemacht, zuerst...“); die Kölner Fassung beginnt direkt mit der Anweisung - eine echte Textdivergenz der Abschriften. Umgekehrt klärt die Kölner Fassung eine wassergeschädigte, unsichere Stelle der Solothurner Handschrift: dort steht am beschädigten Blattrand „der vs ze trinckenn suren win ber“, hier unbeschädigt „der vsz getruckten suer wimbere“ (der ausgedrückten sauren Weintrauben) - das bestätigt, dass „ze trinckenn“ in der Solothurner Handschrift eine Verschreibung für „getruckten“ ist, kein „zu trinken“.
Praxis. Die sauersten (unreifsten) Weintrauben auspressen und den Saft durch ein Tuch seihen. Guten alten Essig dazugießen und stehen lassen, bis sich der Bodensatz gesetzt hat, dann abseihen. Erneut ausgepressten sauren Traubensaft dazugeben, wieder stehen und sich setzen lassen, gut abseihen - diesen Zyklus so oft wiederholen, wie man Essig haben möchte. Die eigentliche Wartezeit liegt beim Absetzen (mehrere Tage je Durchgang), nicht bei der Handarbeit.
Am besten eignen sich unreife Weintrauben, die man im Spätsommer auf dem Wochenmarkt oder direkt beim Winzer finden kann. Alternativ kann man auch fertigen Verjus (unreifer Traubensaft) als Basis verwenden und diesen dann mit Essig mischen.
Am besten als Schaugericht: Das Auspressen der sauersten Trauben und das Abseihen durch ein Tuch sind schnelle, anschauliche Schritte ohne Feuer - genau richtig für eine Vorführung am Stand. Die eigentliche Essigbildung braucht dagegen mehrere Tage bis Wochen Standzeit, die sich nicht live zeigen lässt; dafür kann man einen bereits laufenden Ansatz aus einem früheren Zyklus mitbringen und verkosten lassen.
Im Kontext dieses Rezepts bedeutet 'heffen' den Bodensatz oder die Hefen, die sich in der Flüssigkeit absetzen - nicht das bairische 'Hafen' für Topf. Das Abseihen von den 'heffen' ist ein Schritt zur Klärung des Essigs.
Dieses Rezept stammt aus dem Kölner Küchenmeisterei (2. Hälfte 15. Jh. oder 16. Jh. - umstritten). CoReMA-Handschrift K1: 182 Rezepte der Kölner Abschrift der "Küchenmeisterei" - derselben Drucktradition wie So1 (Solothurn), aber textlich vollständiger erhalten. Systematisch in fünf Teile gegliedert wie So1: Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig-/Kräuterwein-Herstellung, ein ausführliches lateinisch-deutsches Diätetik-Kapitel. Enthält denselben Brombeer-Honigwein wie So1 (dort §133), hier unter dem lateinischen Titel "Vinum de morisrubi" (k1-167) - K1 überliefert an dieser Stelle einen Rezepttitel, den So1 nicht hat.
Bezeichnet hier frische, saure Weintrauben, die ausgepresst werden - nicht getrocknete Rosinen, bei denen die Qualifizierung „allersauerste“ keinen Sinn ergäbe. Im Mittelalter wurden unreife Trauben oft für saure Würzmittel wie Verjus verwendet (moderner Vergleichsbegriff).
Ein feines Leinentuch, das zum Abseihen und Klären von Flüssigkeiten verwendet wurde, ähnlich einem modernen Passiertuch oder Käsetuch.
Bezeichnet den Bodensatz oder die Hefen, die sich in Flüssigkeiten wie Wein, Most oder Essig absetzen - nicht das bairische „Hafen“ für Topf/Kochgefäß, das hier keinen Sinn ergäbe. Der Zwilling so1-117 bestätigt dieselbe Stelle wortgleich (,von den heffenn').
Die Anweisung bedeutet, die Flüssigkeit ruhen zu lassen, bis sich feste Bestandteile am Boden abgesetzt haben und die Flüssigkeit klarer wird.
„gestehen“ ist hier ein anderes Wort als das „stehen“ im ersten Satz - es bedeutet in anderen k1-Rezepten (etwa bei Aspik oder Mandelmilch) meist „fest werden/erstarren“. Im Essig-Zusammenhang gibt es aber kein Geliermittel; gemeint ist „stehen bleiben/ruhen“. Der Zwilling so1-117 bestätigt das: dieselbe Stelle lautet dort „gestann“ und wird dort selbst mit „stehen“ übersetzt.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| guten alten essig | vinegar Q41354 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Gewählte Lesart: „Bodensatz“ oder „Hefen“ (Sedimente). Die Anweisung „seihe es von den heffen“ macht nur Sinn, wenn es sich um die Trennung von festen Ablagerungen handelt, nicht von einem Gefäß.
Andere mögliche Lesart:
wienbere / wimbere
Gewählte Lesart: „Weintrauben“. Die Ergänzung „aller suersten“ (sauersten) deutet auf frische, unreife Trauben hin, die für saure Würzmittel verwendet wurden. CoReMA glossiert den Begriff ebenfalls als „grape“.
Andere mögliche Lesart:
Lois aber gestehen
Gewählte Lesart: „gestehen“ im Sinn von „stehen bleiben/ruhen“ (mhd. gestân), nicht „fest werden/erstarren“. Im k1-Korpus wird „gestehen“ sonst regelmäßig für „fest werden“ verwendet (Aspik-/Mandelmilch-Kontexte), aber hier gibt es kein Geliermittel - der Essig-/Traubenmost-Kontext lässt nur die Ruhe-Lesart zu.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 02.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.