Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490 · Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn · 1487
Willst du schnell ein gutes, kaltes Kraut-Kumpost machen, das Kraut im Herbst gut gewürzt, aus Kumpst-Köpfen: Dann nimm einen reinen Topf und lege kleine Holzstäbchen etwa eine Handbreit hoch auf den Boden. Gieße guten Rotwein bis zu den Holzstäbchen hinein, aber nicht ganz voll.
Nimm dann den Krautkopf, der zuvor gut gesotten wurde, und spalte ihn in vier Teile bis zum Strunk, sodass er aber ganz bleibt. Lege ein weiteres Krautblatt dahinter, sodass es vorne offen zerreißt. Stürze den Krautkopf so auf die Holzstäbchen in den Topf und richte ihn ganz eben aus. Dichte ihn sehr gut mit Mus ab und setze den Topf auf einen Dreifuß. Mache ein gleichmäßiges, nicht zu großes Feuer darunter und lass es so lange stehen, wie Kraut sonst zum Sieden braucht.
Nimm es dann heraus und lass es kalt werden. Nimm den Rotwein aus dem Topf und gib ihn in eine kleine Pfanne. Siede Kümmel, Schlehen und Wacholderbeeren darin und gieße es dann in den Krautkopf. Verteile es gut ringsum und lass es zufallen. Spalte den Krautkopf dann ganz, gieße Essig oder Senf darüber und trage es auf.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| rottenn guottenn win | Rotwein | - | - | - |
| krutz houppt | Krautkopf | - | Supermarkt, Wochenmarkt | - |
| sprus holtzlin | Kleine Holzstäbchen | - | Wald | Holzspieße |
| bellenn krutt | Krautblatt | - | Supermarkt, Wochenmarkt | - |
| muos | Mehl-Wasser-Teigpaste (zum Abdichten) | - | selbst angerührt | Alufolie zum Abdichten (moderner Ersatz); ältere, unsichere Lesart: Moos |
| kumel | Kümmel | - | - | - |
| schlechenn | Schlehen | - | Wochenmarkt (saisonal), Wildsammlung | Brombeeren oder Heidelbeeren (für ähnliche Säure/Fruchtigkeit) |
| wachalter | Wacholderbeeren | - | - | - |
| essig oder senff | Essig oder Senf | - | - | Senf |
Welches Gericht ist das? Ein rasch zubereitetes, kalt serviertes Kraut-Kumpost: Ein ganzer, vorgekochter Krautkopf wird geviertelt, bleibt aber am Strunk zusammenhängend, gart im dampfenden Weinsud, wird dann mit einem Kümmel-Schlehen-Wacholder-Sud aus demselben Wein übergossen und mit Essig oder Senf kalt aufgetragen. Kein fermentiertes Sauerkraut, sondern eher ein Vorfahr des essigmarinierten Krautsalats - der Text selbst betont die Schnelligkeit ("wiltu bald"), und CoReMA führt das Rezept in den eigenen Glossen unter dem Titel "Pickles, how to rapidly sour".
Die Konstruktion mit Holzstäbchen und Dreifuß ist keine Konservierungstechnik, sondern reines Dampfgaren: Der Krautkopf sitzt auf einem Rost aus Holzstäbchen knapp über, nicht im Rotwein, und gart am aufsteigenden Weindampf statt zu sieden - das schont die geviertelte, aber intakte Form.
Womit genau abgedichtet wurde, ist unklar (siehe interpretive_choices zu "muos"). Klar ist nur die Funktion: ein möglichst luftdichter Verschluss für gleichmäßiges, anbrennfreies Garen bei mäßiger, gleichbleibender Glut über die reguläre Kraut-Garzeit.
Praxis. Krautkopf vorkochen, bis er mürbe, aber noch formstabil ist, dann vierteln, ohne den Strunk ganz durchzutrennen. Im Topf einen Rost aus Holzspießen bauen, Rotwein knapp darunter einfüllen, Kopf kopfüber daraufsetzen und gerade ausrichten. Deckel oder Rand mit einer Mehl-Wasser-Teigpaste abdichten (praktikabler Ersatz für die unsichere historische Lesart), auf einen Dreifuß über mäßiger, gleichmäßiger Glut so lange garen wie sonst Kraut braucht. Vollständig auskühlen lassen, bevor der abgegossene Wein mit Kümmel, Schlehen und Wacholder aufgekocht und zurückgegossen wird - sonst zerfällt der Kopf beim Übergießen mit heißer Flüssigkeit. Kalt mit Essig oder Senf servieren. Zwei getrennte Hitzephasen mit vollständigem Auskühlen dazwischen - gut planbar an einem durchgehend betreuten Feuer, aber nichts für spontan-schnell.
Im mittelalterlichen Kontext bezeichnet 'Kumpost' (von lateinisch 'compositum') eingelegtes oder fermentiertes Gemüse, ähnlich unserem Sauerkraut oder eingelegten Rüben. Es ist keine süße Speise, sondern eine herzhafte, oft säuerliche Beilage oder Konserve.
Ja, gut geeignet. Nötig sind nur ein Topf, ein Rost aus Holzstäbchen, ein Dreifuß und ein Feuer - robuste Zutaten (Kraut, Wein, Trockengewürze), keine Kühlung nötig. Einzige Einschränkung: Es gibt zwei getrennte Hitzephasen (erst das Dampfgaren im verschlossenen Topf, dann getrennt das Aufkochen des Gewürzweins) mit vollständigem Auskühlen dazwischen - gut planbar an einem durchgehend betreuten Lagerfeuer, aber nichts für spontan-schnell.
Die Stelle ist unsicher: Die ältere Lesart 'Moos' gilt inzwischen als unwahrscheinlich - CoReMA selbst führt sie als ungeklärt, und Vergleichstexte derselben Drucktradition sprechen an der analogen Stelle von einer Mehl-Wasser-Teigpaste ('Teig/Lehm verkleiben'). Klar ist die Funktion: Der Topf wurde möglichst luftdicht verschlossen, damit der Krautkopf gleichmäßig im aufsteigenden Weindampf gart. Das dient dem gleichmäßigen Garen, nicht der Langzeitkonservierung - das Gericht wird kurzfristig zubereitet und kalt serviert.
Dieses Rezept stammt aus dem Solothurner Küchenmeisterei (um 1487). CoReMA-Handschrift So1: 152 Rezepte der Solothurner Abschrift der "Küchenmeisterei" - dem ersten gedruckten deutschen Kochbuch (Peter Schöffer, Mainz, um 1485) und damit einer ganz anderen Texttradition als die bisherigen höfischen Rezeptsammlungen im Korpus. Systematisch in fünf nummerierte Teile gegliedert statt loser Rezeptfolge: u.a. Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig- und Kräuterwein-Herstellung, ein Diätetik-Kapitel zur Magen-Komplexion. Enthält einen Brombeer-Honigwein (§133) und mehrere Kräuterwein-Rezepturen als medizinische Stärkungsmittel sowie eine volkstümliche Gift-Probe mit einem eingekreisten Wurm (Spinne/Eidechse/Schlange, §134).
Im Mittelalter bezeichnete ‚Kumpost‘ (von lateinisch ‚compositum‘) eingelegtes oder fermentiertes Gemüse, ähnlich unserem Sauerkraut oder eingelegten Rüben, und nicht ein süßes Obstkompott.
Kleine Holzstäbchen, die auf den Topfboden gelegt werden, um den Krautkopf zu erhöhen und ein Anbrennen zu verhindern sowie eine gleichmäßige Garung im Weindampf zu ermöglichen.
Diese Anweisung bedeutet vermutlich, den Krautkopf bis zum Strunk oder Kern zu spalten, sodass er zwar in Teile geteilt ist, aber an der Basis noch zusammenhält. Das Wort selbst ist im Korpus nur dünn belegt (siehe interpretive_choices).
Ein Krautblatt, hier vermutlich ein äußeres Blatt des Kohlkopfs, das hinter die gespaltenen Teile gelegt wird, um die Struktur zu stützen und die Flüssigkeit besser zirkulieren zu lassen.
Vermutlich eine Mehl-Wasser-Teigpaste, mit der der Topf abgedichtet wurde, damit beim langen Garen kein Dampf entweicht - eine im Korpus auch anderswo belegte Verschlusstechnik (vgl. kkm-110: „Teig/Lehm verkleiben“). Die ältere Lesart „Moos“ gilt inzwischen als unsicher; CoReMA selbst führt die Stelle als ungeklärt (siehe interpretive_choices).
Ein Dreifuß ist ein dreibeiniger Ständer, auf den ein Topf gestellt wird, um ihn über einem offenen Feuer oder Glut zu erhitzen.
Ein gleichmäßiges, moderates Feuer, das eine langsame und schonende Garung ermöglicht, ohne dass das Gericht anbrennt.
Die Früchte des Schlehdorns, die einen herben, säuerlichen Geschmack haben und oft in der mittelalterlichen Küche zum Würzen oder für Saucen verwendet wurden.
Wacholderbeeren, die dem Gericht ein harzig-würziges Aroma verleihen.
Das Rezept bietet die Wahl zwischen Essig und Senf als abschließende säuerliche oder scharfe Komponente, um den Geschmack des Kumposts abzurunden.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| rottenn guottenn win | red wine Q1827 |
| krutz houppt | cabbage Q35051 |
| kumel | caraway Q22978145 |
| schlechenn | sloe Q12059685 |
| wachalter | juniper berry Q3251025 |
| essig oder senff | vinegar or mustard seed Q41354 · Q1937700 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
§ xxviij ... geschmacht machenn (Rezeptanfang)
Gewählte Lesart: Die gewählte Lesung folgt der CoReMA-Transkription: Rubrik, Paragraphenzahl und Rezeptanfang bis „kumpost kaltz“ wie im JSON wiedergegeben.
Andere mögliche Lesart:
geschmacht
Gewählte Lesart: Die Lesart „gut gewürzt“ wurde gewählt.
Andere mögliche Lesart:
krutz houppt vor wol gesottenn
Gewählte Lesart: Der Krautkopf, der zuvor gut gesotten (gekocht) wurde - wie transkribiert.
Andere mögliche Lesart:
muos
Gewählte Lesart: Die Lesart „Mus“/Teigpaste (Mehl-Wasser-Masse) als Dichtungsmaterial wird gewählt.
Andere mögliche Lesart:
verkleinbe
Gewählte Lesart: Die Lesart „dichte es ab“ / „versiegele es“ wurde gewählt.
Andere mögliche Lesart:
pfanelin
Gewählte Lesart: Die Lesart „kleine Pfanne“ wurde gewählt.
Andere mögliche Lesart:
vntz an denn droffen
Gewählte Lesart: „bis zum Strunk/Kern“ - funktional plausibel im Kontext des Spaltens.
Andere mögliche Lesart:
als row von kumpst hoipter
Gewählte Lesart: „aus Kumpst-Köpfen“ - neutral übersetzt, ohne Festlegung auf roh oder gekocht.
Andere mögliche Lesart:
las es zuo fallenn
Gewählte Lesart: „lass es zufallen“ - die gespaltenen Krautviertel schließen sich wieder.
Andere mögliche Lesart:
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.
Stand dieser Fassung: 15.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.