Fürhess-Sauce für Fisch
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 · Unteres Inntal (Mühldorf am Inn), Bayern · 1445
Für diesen Fürhess zu Fisch das Mehl in einer Pfanne ganz ohne Wasser und ohne Wein trocken rösten.
Ist das Mehl geröstet, mit Wein oder Essig ablöschen und glattrühren. Mit gutem Gewürz abschmecken und anrichten.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| mel | Mehl | - | - | - |
| wein oder essich | Wein | - | - | Essig |
| gewurcz | Gewürze | - | - | - |
| vischen | Fisch | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Eine trocken in der Pfanne geröstete Mehlsauce, mit Wein oder Essig abgelöscht und gewürzt - strukturell eine frühe Verwandte der mehl- oder röstgebundenen Sauce, wie sie in einfacherer Form noch heute zu gebratenem Fisch gereicht wird. Im eigenen Korpus ist sie die mehlgebundene, fleischlose Schwester der sonst üblichen Fürhess-Saucen aus Innereien und Blut (vgl. ka1-014, ka1-015): gleicher Name, gleiches Säure-Würz-Prinzip, aber anderes Bindemittel und ein anderer Trägergang.
Die Röst-Technik. Statt geriebener Semmel oder Mandeln wird hier Mehl ganz ohne Flüssigkeit trocken in der Pfanne geröstet. Das entwickelt Röstaromen, schwächt aber zugleich die Bindekraft der Stärke - geröstetes Mehl bindet weniger stark als rohes. Das Ergebnis ist daher eher eine dünnflüssige, aromatische Würzsauce als eine dicke Bindesauce. Mengenverhältnis von Mehl zu Flüssigkeit und gewünschte Konsistenz nennt der Text nicht, das bleibt offen. Ob dem Rezept dabei Fett zugesetzt wurde, verrät der Text ebenfalls nicht - im Original ist nur von der Abwesenheit von Wasser und Wein die Rede, Fett wird gar nicht erwähnt.
Praxis. Mehl in einer trockenen Pfanne bei mittlerer Hitze rösten, bis es sichtbar Farbe annimmt, dabei ständig rühren, damit es nicht anbrennt. Mit Wein oder Essig ablöschen und kräftig verrühren ("durchschlagen"), bis die Masse glatt ist - das verhindert Klumpen, die beim Ablöschen von geröstetem Mehl leicht entstehen. Mit gutem Gewürz abschmecken und zu gebratenem oder pochiertem Fisch anrichten.
Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?
Ja, sehr gut. Mehl in der Pfanne trocken anrösten, mit Wein oder Essig ablöschen, würzen, fertig - unter 15 Minuten mit nur einer Pfanne. Wird die Sauce tatsächlich zu frischem Fisch gereicht, braucht nur der Fisch selbst die übliche Kühlung.
Was bedeutet 'Fürhess' im Rezept?
Fürhess ist ein eigener Speisetyp des Spätmittelalters: eine kräftig gewürzte, dunkle Sauce. Meist wurde sie zu Innereien serviert, hier aber ausdrücklich als Beigabe zu Fisch beschrieben.
Warum steht im Originaltext 'ohne Wasser und ohne Wein', wenn später doch Wein hinzukommt?
Die erste Anweisung meint das trockene Rösten des Mehls in der Pfanne, ganz ohne jede Flüssigkeit. Erst danach, wenn das Mehl Farbe angenommen hat, wird mit Wein oder Essig abgelöscht - das ist ein zweiter, separater Schritt.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Haus- und Arzneibuch (Ka2) (15. Jh., Unteres Inntal - Mühldorf am Inn, Bayern). CoReMA-Handschrift Ka2: Rezeptteil (fol. 27v-28v + 94r-98r, zwei getrennte Lagen) des "Haus- und Arzneibuch" genannten Sammelbandes, Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 793 - 56 Rezepte, mittelbairisch (unteres Inntal/Mühldorf am Inn), ca. 1445-1470. Anders als das alemannische Ka1 (Reichenauer Kochbuch) aus derselben Bibliothek - Cross-Link-Potential zu den anderen mittelbairischen CoReMA-Büchern (ri15632/Rott am Inn, m5919/Regensburg).
- fürhess
Bezeichnet im Spätmittelalter einen Speise-Typ: eine dunkle, würzige Sauce, häufig zu Innereien gereicht. Hier wird die Bezeichnung auf eine Fisch-Variante übertragen.
- an Wasser vnd an wein
'an' bedeutet in diesem mittelbairischen Dialekt 'ohne' - das Mehl wird also ganz ohne Flüssigkeit trocken angeröstet, nicht etwa in Wasser und Wein gekocht.
- slachs durch
Von mhd. 'slahen' (schlagen). Gemeint ist kräftiges Verrühren, bis die abgelöschte Röstmasse glatt ist.
- richcz an
'anrichten' im Sinn von auf der Schüssel oder dem Teller anordnen und servieren.
- machs ab mit gutem gewurcz
Mhd. 'abmachen' bedeutet hier 'fertigstellen, abschmecken' (auch in ka2-020, ka2-027 belegt) - nicht das moderne 'abmachen' im Sinn von vereinbaren oder lösen.
Normdaten der Zutaten
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| mel | flour Q36465 |
| wein oder essich | wine or vinegar Q282 · Q41354 |
| gewurcz | spice Q42527 |
| vischen | fish Q600396 |
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
an Wasser vnd an wein
Gewählte Lesart: 'an' als mittelbairisches 'ohne' gelesen: das Mehl wird ohne jede Flüssigkeit trocken geröstet, bevor im zweiten Schritt Wein oder Essig zugegeben wird.
Andere mögliche Lesart:
- 'an' als 'in/mit' gelesen, sodass das Mehl direkt in Wasser und Wein angerührt würde. - Moderne Leser assoziieren 'an' zunächst mit 'an/bei', doch im Kontext ergibt nur die Negation 'ohne' technischen Sinn: nur trockenes Mehl lässt sich in einer Pfanne 'rösten' (prennen); mit Flüssigkeit würde es kochen, nicht bräunen.
Gewählte Lesart: Als Speise-/Saucenkategorie gelesen (dunkle, kräftig gewürzte Sauce), hier in einer Fisch-Variante, wie im Korpus an anderer Stelle für Innereien belegt.
Andere mögliche Lesart:
- Wörtliche Deutung als 'Vor-Essen' im Sinn eines Gangs vor der Hauptspeise. - Die Wortbildung könnte auch als 'das, was vorgesetzt wird' gedeutet werden, doch die belegte Verwendung im Korpus stützt die Lesart als feste Saucen-Gattung.
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Stand dieser Fassung: 03.09.2026 - 3-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
