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Gefüllte, gebratene Eier mit Salbei

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

VorspeiseVorspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.2/10
Zubereitungszeit50 Min.Portionen4 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Von gefüllten Eiern, die gebraten sind: Nimm Eier und schlage sie an beiden Spitzen auf. Blase hinein, sodass der Dotter herausläuft.

Hacke Salbei und menge ihn unter die Dotter. Fülle die leeren Schalen wieder damit. Wirf die gefüllten Eier in heißes Wasser - hier bricht der Satz ab -, und brate sie danach.

Beschlage sie mit Eiern, mit Kräutern und mit Safran, und gib sie dann hin.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
ayer Eier - - -
saluan Salbei - - -
haiss wasser heißes Wasser - Leitung -
ayren Eier, für den Überzug - - -
krautteren Kräuter - - -
saffran Safran - Gewürzhandel -

Welches Gericht ist das? Ein spätmittelalterliches Kunststück-Ei aus der Familie der gefüllten Eier: Ein rohes Ei wird an beiden Spitzen angestochen und leergeblasen, die intakte Schale mit einer Salbei-Dotter-Masse wiederbefüllt, im Ganzen in heißem Wasser gegart und danach in einem Ei-Kräuter-Safran-Überzug gebraten. Die Ausblastechnik ist bis heute vom Ostereier-Auspusten bekannt; als lebende Verwandte lassen sich gefüllte Eier (deviled eggs) nennen - hier nur technisch aufwendiger gelöst, weil die Schale ganz erhalten bleibt statt nachträglich halbiert zu werden.

Die Textlücke bei „scholl die ayr". Nach dem Wurf ins heiße Wasser bricht der Satz im Manuskript ab: „scholl" ist das Modalverb „sollen", das eigentliche Verb - was die Eier im Wasser tun sollen - fehlt. Die engste Verfahrensparallele im Korpus, m384-049 („wirf die Eier in heißes Wasser und lass sie sieden, bis sie fest werden"), legt nahe, dass es ums Festwerden der Füllung ging, ist aber keine wörtliche Bestätigung, sondern nur eine Parallelstelle.

Die fehlende Schalenentfernung. Das Rezept erwähnt an keiner Stelle, dass die Eierschale nach dem Wasserbad entfernt wird, bevor die Eier in Ei, Kräutern und Safran gewendet und gebraten werden - ohne diesen Schritt ergibt das Beschlagen aber keinen Sinn, da ein Überzug nicht sinnvoll auf einer intakten Schale haftet. Der Text setzt diesen Handgriff stillschweigend voraus.

Praxis. Eier an beiden Spitzen mit einer Nadel anstechen und leerblasen. Gehackten Salbei unter den rohen Dotter mengen und die Masse zurück in die leeren Schalen füllen. Die gefüllten Eier in heißes, nicht kochendes Wasser geben und kurz ziehen lassen, bis die Füllung gerade eben angestockt und fest genug zum Weiterverarbeiten ist. Danach die Schale vorsichtig abpellen, die Eier in aufgeschlagenem Ei wenden, mit Kräutern und Safran bestreuen und in der Pfanne braten, bis der Überzug goldgelb ist.

Wie bläst man ein rohes Ei aus der Schale, ohne sie zu zerbrechen?

Mit einer Nadel oder einem dünnen Messer je ein kleines Loch an beiden Spitzen des Eis stechen, das untere Loch etwas größer. Dann kräftig durch das obere Loch pusten, bis Eiklar und Dotter unten herauslaufen. Die leere Schale bleibt intakt und kann anschließend befüllt werden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, gut machbar. Man braucht nur einen Topf für das heiße Wasser und eine Pfanne zum Braten, keine Kühlung nötig. Die einzige Hürde ist etwas Fingerspitzengefühl beim Ausblasen der Eier, das lohnt sich aber auch als kleine Vorführung vor Publikum.

Was bedeutet 'scholl die ayr' im Rezept?

'Scholl' ist hier eine Form des Modalverbs 'sollen', nicht 'schälen', wie man auf den ersten Blick vermuten könnte. Der Satz scheint an dieser Stelle eine Lücke zu haben, vermutlich fehlt eine Angabe, wie lange die gefüllten Eier im heißen Wasser ziehen sollen, bevor sie gebraten werden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

von gefullten ayren die ge= Item nymm ayer vnd praten sind . schlah sy an peden spiczen auf plas dar ein das der totter heraus far . hack saluan meng sy d zue den tottern vnd fulle die wider ein vnd wurff sy In ain haiss wasser vnd scholl die ayr vnd prat sy vnd beschlahe sie mit ayren vnd mit krautteren vnd mit saffran vnd gib sy dann hin .
peden spiczen

Beide Spitzen des Eis, also das stumpfe und das spitze Ende der Schale.

plas dar ein

Blase hinein, damit der Dotter durch die beiden Löcher herausläuft (das Transkript nennt nur den Dotter; dass dabei auch Eiklar mitläuft, ist eine naheliegende Sachergänzung, keine Aussage des Textes selbst). Klassische Technik zum Leeren von Eierschalen, auch heute noch beim Ostereier-Ausblasen gebräuchlich.

saluan

Salbei (Salvia officinalis), hier gehackt und unter den Dotter gemengt.

meng sy d zue den tottern

Das einzelne 'd' zwischen 'sy' und 'zue den tottern' ist im Transkript nicht sicher aufgelöst - möglich ist eine Abkürzung für 'das'/'der' oder ein Schreibfehler. text_modern übersetzt sinngemäß als 'ihn unter die Dotter', die genaue Lesart bleibt offen.

scholl die ayr

'scholl' ist hier vermutlich das Modalverb 'sollen' in der 3. Person, NICHT eine Form von 'schälen', auch wenn die Ähnlichkeit verlockt. Der Satz wirkt unvollständig, ein Verb (was die Eier im Wasser tun sollen) fehlt im Manuskript.

beschlahe

Von 'beschlagen': mit einer Ei-Kräuter-Safran-Masse überziehen, ähnlich einem modernen Panierüberzug.

krautteren

Allgemeiner Begriff für Kräuter, hier ohne genaue Sorte genannt, im Unterschied zum vorher namentlich erwähnten Salbei.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 042v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgefullten ayren die ge= ... praten sind

Gewählte Lesart: Die Überschrift ist durch einen Zeilenumbruch im Manuskript zerrissen und wird hier zu 'Von gefüllten Eiern, die gebraten sind' rekonstruiert, mit dem eingeschobenen 'Item nymm ayer vnd' als Rezeptbeginn dazwischen.

Andere mögliche Lesart:

  • Zwei getrennte, unabhängige Sätze ohne Zusammenhang - Grammatisch weniger plausibel, da 'die ge=' ohne Fortsetzung sinnlos bliebe. Das Muster gebrochener Überschriften ist für diese Handschrift bereits dokumentiert.

Lesartscholl die ayr

Gewählte Lesart: 'Scholl' ist das Modalverb 'sollen' (3. Person), der Satz hat vermutlich eine Textlücke, das eigentliche Verb (was die Eier im Wasser tun sollen) fehlt.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Schälen' der Eier vor dem Braten - Kulinarisch naheliegend, ist aber im Korpus-Glossar ausdrücklich als falsche Lesart markiert und durch weitere Korpus-Belege (u. a. mon-147) bestätigt widerlegt - keine offene Alternative mehr.

Lesartkrautteren

Gewählte Lesart: Allgemeine, unspezifische Kräuter für den Ei-Überzug, zusätzlich zum bereits namentlich genannten Salbei.

Andere mögliche Lesart:

  • Erneut Salbei gemeint - Möglich, da Salbei schon vorher benutzt wurde, aber der Text nennt bewusst einen anderen, allgemeineren Begriff, was auf zusätzliche oder andere Kräuter hindeutet.

LesartSchalenentfernung vor dem Beschlagen

Gewählte Lesart: Das Rezept setzt stillschweigend voraus, dass die Eierschale nach dem Wasserbad entfernt wird, bevor die Eier in Ei, Kräutern und Safran gewendet und gebraten werden - der Text erwähnt diesen Schritt nicht ausdrücklich, aber ohne ihn ergibt das Beschlagen keinen praktischen Sinn.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Schale bleibt bis zum Servieren an den Eiern - Im Text nicht ausgeschlossen, aber küchenpraktisch fragwürdig: Ein Überzug aus Ei, Kräutern und Safran haftet nicht sinnvoll auf einer intakten Schale.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 042v, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf und in der Pfanne machbar, die einzige Herausforderung ist das vorsichtige Leerblasen der rohen Eier durch zwei kleine Löcher an den Spitzen, mit etwas Übung in 45-60 Minuten am Feuer fertig.
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