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Gewürzsenf mit Birnen und Nüssen

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen1 Glas (ca. 750 ml Senf)BuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Für den Senf die Senfsaat im Mörser stoßen. Sobald das geschehen ist, siedendes Wasser darübergießen und die Masse wie einen Teig durchkneten. Das drei Tage lang wiederholen: jeden Morgen das Wasser abgießen und die Masse erneut mit frischem, siedendem Wasser durchkneten.

Am dritten Morgen die Masse mit Bieressig einreiben.

Dann fein geschnittene Nüsse nehmen, dazu gestoßene Petersilie mitsamt ihrer Wurzel, gekochte Birnen und gestoßenen Koriander, durch ein Sieb passiert, dazu italienische Rosinen, geschälte Mandeln und Honigseim. Diese Mischung auf die Petersilien-Masse geben und in jede Lage des Senfs einrühren. Von Rechts wegen sollte man ihn mit Silber aufwiegen - so gesund ist er.

Zum Senf immer Zimt hinzugeben.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
seniff Senfsaat - - -
siedennt wasser Siedendes Wasser - Leitung -
pier essich Bieressig - Feinkostladen, Online-Gewürzhandel Milder Apfel- oder Weißweinessig, wenn Bieressig nicht erhältlich ist
keren die klain geschniten sind Nüsse, klein geschnitten - - Walnüsse oder Haselnüsse
gestossen peter=sill mitsampt der wurcz Petersilie mitsamt ihrer Wurzel, gestoßen - - -
gesoten Regelpieren Birnen, gekocht - - Feste, säuerliche Birnensorte (z.B. Conference oder eine alte Mostbirne) statt süßer moderner Sorten
Coriannder gestossen Koriander, gemahlen - - -
waelisch weinper Italienische Rosinen - - -
geschelten mandel Mandeln, geschält - - -
hoenig samen Honigseim (flüssiger Honig) - - -
zynamonium Zimt - - -

Welches Gericht ist das? Ein früher Fruchtsenf im Mostarda-Stil: dreitägig gezogene Senfsaat wird mit gekochten Birnen, Nüssen, Mandeln, Rosinen, Koriander, Petersilienwurzel, Honigseim und Zimt zu einer süß-scharfen Würzpaste verarbeitet. Strukturell der Vorläufer des heutigen deutschen Birnen-/Fruchtsenfs und der italienischen Mostarda di Cremona - beide leben von derselben Kombination aus Senfschärfe, Frucht und Honig.

Der dreitägige Senfansatz. Die Senfsaat wird im Mörser gestoßen und an drei aufeinanderfolgenden Tagen mit täglich frischem, siedendem Wasser übergossen und wie ein Teig durchgeknetet; jeden Morgen wird das alte Wasser abgegossen. Dieses wiederholte Heißwasser-Ziehen mildert die anfängliche Schärfe der rohen Senfpaste - eine sinnvolle Vorstufe für einen süßen Frucht-Senf.

Petersilie und Wurzel. 'Der wurcz' bezieht sich grammatisch auf die unmittelbar zuvor genannte Petersilie, nicht auf eine zusätzliche, unbenannte Gewürzzutat: gemeint ist gestoßene Petersilie mitsamt ihrer Wurzel (Petersilienwurzel).

Die Schlusspassage mit Silber. Der Text endet fragmentarisch: „das man vnnder weilen von recht mit silber Also gesunt ist es auch". Ein Verb fehlt an dieser Stelle im Transkript. Der eng verwandte Zwilling mon-244 (Mondseer Kochbuch) überliefert dieselbe Formel vollständiger: „das sol man mit silber wider wegen als gesunt ist es" - eine Wert-/Wäge-Redewendung („man soll es mit Silber aufwiegen, so gesund ist es"), keine Anweisung, mit einem silbernen Löffel zu rühren. Weder ein Wort für Löffel noch ein Rühr-Verb steht an dieser Stelle im Original.

Praxis. Am Marktstand bleibt die dreitägige Wasserlaugung reine Vorarbeit zu Hause oder am Vortag. Vor Publikum wird nur die Schlussmontage gezeigt: die gezogene Senfmasse mit Bieressig einreiben, dann Nüsse, Petersilienwurzel, gekochte Birnen, gesiebten Koriander, Rosinen, Mandeln und Honigseim einrühren, zuletzt Zimt zugeben. Mengenangaben fehlen im Original vollständig - hier ist Augenmaß gefragt: die Balance zwischen Senfschärfe, Frucht/Süße und Säure lässt sich nur über probierendes Abschmecken finden.

Wo bekomme ich Bieressig für dieses Rezept?

Bieressig ist im Feinkosthandel oder Online-Gewürzhandel erhältlich, wird aber nicht überall im Supermarkt geführt. Ersatzweise funktioniert ein milder Apfel- oder Weißweinessig genauso gut, ohne den Charakter des Senfs stark zu verändern.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Als Schaugericht ja: der dreitägige Senfansatz mit täglichem Wasserwechsel wird zu Hause oder am Vortag angesetzt, am Markt selbst findet dann die sichtbare Endmontage mit Nüssen, Birnen, Gewürzen und Zimt statt - eine gut vorführbare, kompakte Aktion von rund einer Stunde.

Was bedeutet die Schlussbemerkung 'so gesund ist es' beim Silber?

Der fragmentarische Schlusssatz vergleicht das Gericht mit dem Gewicht von Silber - eine im Mittelalter geläufige Redewendung, die Kostbarkeit und gesundheitlichen Nutzen ausdrückt ('so gesund ist es'), keine Anweisung, mit einem silbernen Löffel zu rühren. Der eng verwandte Zwilling mon-244 überliefert die Formel vollständiger: 'mit silber wider wegen' - mit Silber aufwiegen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Seniff ze machen Item Nym vnd stampff den also . seniff . Wann das geschicht . So geuss siedennt wasser doran vnd cwier In als ainen taig . Das thue drej tag nacheinannder vnd geus das wasser darab des morgens Vnd czwier In mit ainem siedigen wasser wideran vnd an dem dritten morgen So reib In mit pier essich So nym keren die klain geschniten sind vnd gestossen peter= sill mitsampt der wurcz vnd gesoten Regelpieren vnd Coriannder gestossen gefaeet durch ain sib waelisch weinper vnd geschelten mandel vnd hoenig samen das thue vf das kraut vnd thue zue yeglicher legk das man vnnder weilen von recht mit silber Also ge sunt ist es auch thue albeg zue dem Seniff zynamonium .
Seniff

Sowohl der Name der fertigen Speise ('Senf') als auch die Grundzutat ('Senfsaat') werden im Text mit demselben Wort bezeichnet - typisch für mittelalterliche Rezepttitel, die Gericht und Hauptzutat nicht trennen.

der wurcz

Bezieht sich grammatisch auf die unmittelbar zuvor genannte Petersilie (fem.), nicht auf eine eigenständige Gewürzzutat: gemeint ist die Petersilienwurzel. Der Zwilling mon-244 löst dieselbe Stelle bereits als eigenes Ingredienz 'Petersilienwurzel, gestoßen' auf.

Regelpieren

Im Original nirgends sonst belegtes Wort. Die CoReMA-Sachglosse verlinkt es eindeutig zu 'Birne' - vermutlich eine bestimmte, heute nicht mehr benannte Birnensorte.

silber

Die fragmentarische Schlusspassage vergleicht das Gericht mit dem Gewicht von Silber ('so gesund ist es') - eine im Mittelalter geläufige Wert-Redewendung, keine Anweisung, mit einem silbernen Löffel zu rühren. Der eng verwandte Zwilling mon-244 überliefert die vollständigere Formel 'mit silber wider wegen' (mit Silber aufwiegen).

zynamonium

Latinisierte Schreibweise für Zimt, wie sie in Apotheker- und Gelehrtenkreisen üblich war - ein kleiner Hinweis auf den gebildeten Hintergrund des Rezeptschreibers.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 055r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartRegelpieren

Gewählte Lesart: Gekochte Birnen, gestützt durch die CoReMA-Wikidata-Verlinkung zu 'pear'.

Andere mögliche Lesart:

  • Allgemeiner Sammelbegriff für Kernobst - Das Wort ist außerhalb dieser Stelle in keinem Wörterbuch belegt, ohne die Sachglosse wäre eine offenere Lesart als Kernobst denkbar.

Lesartgefaeet

Gewählte Lesart: Gesiebt beziehungsweise passiert, im direkten Zusammenhang mit dem anschließenden 'durch ain sib'.

Andere mögliche Lesart:

  • Verwandt mit mhd. 'vahen' (fangen), im Sinne von 'aufgefangen/gesammelt' - Lautlich denkbare Herleitung, würde aber praktisch zum gleichen Vorgang (Sieben) führen.

Lesartmit silber ... gesunt ist es

Gewählte Lesart: Wert-/Wäge-Redewendung ('mit Silber aufwiegen, so gesund ist es'), gestützt durch die nahezu wortgleiche, vollständigere Parallelstelle im Zwilling mon-244 ('das sol man mit silber wider wegen als gesunt ist es').

Andere mögliche Lesart:

  • Eine wörtliche Rühr- oder Berührungsanweisung mit einem silbernen Gegenstand - Im bs1.146-Transkript selbst fehlt ein Verb an dieser Stelle ('das man vnnder weilen von recht mit silber Also gesunt ist es auch'); ohne den Zwilling ließe sich die Lücke auch als Rühr- oder Berührungsgeste lesen, wofür der Text allein aber kein Verb hergibt.

Lesartzynamonium

Gewählte Lesart: Zimt, in einer latinisierten Apotheker-Schreibweise, gestützt durch die CoReMA-Verlinkung zu 'cinnamon'.

Andere mögliche Lesart:

  • Zimtblüte statt Zimtrinde/-pulver - Manche Rezepte unterscheiden beide Formen, hier gibt der Text aber keinen Hinweis auf eine Blüten-Variante.

Lesarthoenig samen

Gewählte Lesart: Honigseim, also flüssiger reiner Honig - so von der CoReMA-Sachglosse als 'nectar' verlinkt.

Andere mögliche Lesart:

  • Blütenpollen oder Bienenbrot - Das Wort 'samen' könnte wörtlich auf Pollenkörner hindeuten, im Zusammenhang mit Honig als Süßungsmittel ist flüssiger Honig aber die praktikablere Lesart.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 055r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Der dreitägige Senfansatz mit täglichem Wasserwechsel läuft zu Hause oder am Vortag im Lager, das ist reine Wartezeit ohne Publikum. Am Markt selbst wird die fertige Senfsaat mit Nüssen, Birnen, Koriander, Rosinen, Mandeln, Honig und Zimt vermischt - eine kompakte, gut sichtbare Vorführung von etwa einer Stunde.
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