Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460
Für den Senf die Senfsaat im Mörser stoßen. Sobald das geschehen ist, siedendes Wasser darübergießen und die Masse wie einen Teig durchkneten. Das drei Tage lang wiederholen: jeden Morgen das Wasser abgießen und die Masse erneut mit frischem, siedendem Wasser durchkneten.
Am dritten Morgen die Masse mit Bieressig einreiben.
Dann fein geschnittene Nüsse nehmen, dazu gestoßene Petersilie mitsamt ihrer Wurzel, gekochte Birnen und gestoßenen Koriander, durch ein Sieb passiert, dazu italienische Rosinen, geschälte Mandeln und Honigseim. Diese Mischung auf die Petersilien-Masse geben und in jede Lage des Senfs einrühren. Von Rechts wegen sollte man ihn mit Silber aufwiegen - so gesund ist er.
Zum Senf immer Zimt hinzugeben.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| seniff | Senfsaat | - | - | - |
| siedennt wasser | Siedendes Wasser | - | Leitung | - |
| pier essich | Bieressig | - | Feinkostladen, Online-Gewürzhandel | Milder Apfel- oder Weißweinessig, wenn Bieressig nicht erhältlich ist |
| keren die klain geschniten sind | Nüsse, klein geschnitten | - | - | Walnüsse oder Haselnüsse |
| gestossen peter=sill mitsampt der wurcz | Petersilie mitsamt ihrer Wurzel, gestoßen | - | - | - |
| gesoten Regelpieren | Birnen, gekocht | - | - | Feste, säuerliche Birnensorte (z.B. Conference oder eine alte Mostbirne) statt süßer moderner Sorten |
| Coriannder gestossen | Koriander, gemahlen | - | - | - |
| waelisch weinper | Italienische Rosinen | - | - | - |
| geschelten mandel | Mandeln, geschält | - | - | - |
| hoenig samen | Honigseim (flüssiger Honig) | - | - | - |
| zynamonium | Zimt | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein früher Fruchtsenf im Mostarda-Stil: dreitägig gezogene Senfsaat wird mit gekochten Birnen, Nüssen, Mandeln, Rosinen, Koriander, Petersilienwurzel, Honigseim und Zimt zu einer süß-scharfen Würzpaste verarbeitet. Strukturell der Vorläufer des heutigen deutschen Birnen-/Fruchtsenfs und der italienischen Mostarda di Cremona - beide leben von derselben Kombination aus Senfschärfe, Frucht und Honig.
Der dreitägige Senfansatz. Die Senfsaat wird im Mörser gestoßen und an drei aufeinanderfolgenden Tagen mit täglich frischem, siedendem Wasser übergossen und wie ein Teig durchgeknetet; jeden Morgen wird das alte Wasser abgegossen. Dieses wiederholte Heißwasser-Ziehen mildert die anfängliche Schärfe der rohen Senfpaste - eine sinnvolle Vorstufe für einen süßen Frucht-Senf.
Petersilie und Wurzel. 'Der wurcz' bezieht sich grammatisch auf die unmittelbar zuvor genannte Petersilie, nicht auf eine zusätzliche, unbenannte Gewürzzutat: gemeint ist gestoßene Petersilie mitsamt ihrer Wurzel (Petersilienwurzel).
Die Schlusspassage mit Silber. Der Text endet fragmentarisch: „das man vnnder weilen von recht mit silber Also gesunt ist es auch". Ein Verb fehlt an dieser Stelle im Transkript. Der eng verwandte Zwilling mon-244 (Mondseer Kochbuch) überliefert dieselbe Formel vollständiger: „das sol man mit silber wider wegen als gesunt ist es" - eine Wert-/Wäge-Redewendung („man soll es mit Silber aufwiegen, so gesund ist es"), keine Anweisung, mit einem silbernen Löffel zu rühren. Weder ein Wort für Löffel noch ein Rühr-Verb steht an dieser Stelle im Original.
Praxis. Am Marktstand bleibt die dreitägige Wasserlaugung reine Vorarbeit zu Hause oder am Vortag. Vor Publikum wird nur die Schlussmontage gezeigt: die gezogene Senfmasse mit Bieressig einreiben, dann Nüsse, Petersilienwurzel, gekochte Birnen, gesiebten Koriander, Rosinen, Mandeln und Honigseim einrühren, zuletzt Zimt zugeben. Mengenangaben fehlen im Original vollständig - hier ist Augenmaß gefragt: die Balance zwischen Senfschärfe, Frucht/Süße und Säure lässt sich nur über probierendes Abschmecken finden.
Bieressig ist im Feinkosthandel oder Online-Gewürzhandel erhältlich, wird aber nicht überall im Supermarkt geführt. Ersatzweise funktioniert ein milder Apfel- oder Weißweinessig genauso gut, ohne den Charakter des Senfs stark zu verändern.
Als Schaugericht ja: der dreitägige Senfansatz mit täglichem Wasserwechsel wird zu Hause oder am Vortag angesetzt, am Markt selbst findet dann die sichtbare Endmontage mit Nüssen, Birnen, Gewürzen und Zimt statt - eine gut vorführbare, kompakte Aktion von rund einer Stunde.
Der fragmentarische Schlusssatz vergleicht das Gericht mit dem Gewicht von Silber - eine im Mittelalter geläufige Redewendung, die Kostbarkeit und gesundheitlichen Nutzen ausdrückt ('so gesund ist es'), keine Anweisung, mit einem silbernen Löffel zu rühren. Der eng verwandte Zwilling mon-244 überliefert die Formel vollständiger: 'mit silber wider wegen' - mit Silber aufwiegen.
Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.
Sowohl der Name der fertigen Speise ('Senf') als auch die Grundzutat ('Senfsaat') werden im Text mit demselben Wort bezeichnet - typisch für mittelalterliche Rezepttitel, die Gericht und Hauptzutat nicht trennen.
Bezieht sich grammatisch auf die unmittelbar zuvor genannte Petersilie (fem.), nicht auf eine eigenständige Gewürzzutat: gemeint ist die Petersilienwurzel. Der Zwilling mon-244 löst dieselbe Stelle bereits als eigenes Ingredienz 'Petersilienwurzel, gestoßen' auf.
Im Original nirgends sonst belegtes Wort. Die CoReMA-Sachglosse verlinkt es eindeutig zu 'Birne' - vermutlich eine bestimmte, heute nicht mehr benannte Birnensorte.
Die fragmentarische Schlusspassage vergleicht das Gericht mit dem Gewicht von Silber ('so gesund ist es') - eine im Mittelalter geläufige Wert-Redewendung, keine Anweisung, mit einem silbernen Löffel zu rühren. Der eng verwandte Zwilling mon-244 überliefert die vollständigere Formel 'mit silber wider wegen' (mit Silber aufwiegen).
Latinisierte Schreibweise für Zimt, wie sie in Apotheker- und Gelehrtenkreisen üblich war - ein kleiner Hinweis auf den gebildeten Hintergrund des Rezeptschreibers.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Regelpieren
Gewählte Lesart: Gekochte Birnen, gestützt durch die CoReMA-Wikidata-Verlinkung zu 'pear'.
Andere mögliche Lesart:
gefaeet
Gewählte Lesart: Gesiebt beziehungsweise passiert, im direkten Zusammenhang mit dem anschließenden 'durch ain sib'.
Andere mögliche Lesart:
mit silber ... gesunt ist es
Gewählte Lesart: Wert-/Wäge-Redewendung ('mit Silber aufwiegen, so gesund ist es'), gestützt durch die nahezu wortgleiche, vollständigere Parallelstelle im Zwilling mon-244 ('das sol man mit silber wider wegen als gesunt ist es').
Andere mögliche Lesart:
zynamonium
Gewählte Lesart: Zimt, in einer latinisierten Apotheker-Schreibweise, gestützt durch die CoReMA-Verlinkung zu 'cinnamon'.
Andere mögliche Lesart:
hoenig samen
Gewählte Lesart: Honigseim, also flüssiger reiner Honig - so von der CoReMA-Sachglosse als 'nectar' verlinkt.
Andere mögliche Lesart:
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