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Gepresster Fisch mit ganzer Haut

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit60 Min.Portionen2-4 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Noch etwas von Fischen. Nimm Fisch und siede ihn sauber. Löse die Gräten heraus, auch die kleinen, das ist wahrlich am besten. Entschuppe den Fisch dabei und teile ihn in vier Stücke, koche ihn aber nicht zu lange. So kann man die Haut ganz erhalten.

Eine flache Platte soll man auch mit in den Sud legen, wenn man die Brühe ganz haben will. Wenn der Fisch gegart ist, nimm ihn heraus und lege ihn auf eine Anrichte.

Will man ihn mit den Händen zerteilen, das versteht sich von selbst. Willst du ihn hacken, mach die Stücke nicht zu klein, so bleibt die Presse sauber. Gutes Gewürz muss man dazu haben. Zuletzt soll man die Haut glatt streichen.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
visch Fisch - Fischhändler Ein festfleischiger Süßwasserfisch wie Hecht oder Zander lässt sich gut entgräten und pressen.
gewurcz Gewürz - - -

Welches Gericht ist das?

Ein entgräteter, in der Haut belassener Fisch wird gesotten, in Stücke geteilt oder grob gehackt, gewürzt und in einer Fischpresse zu einem festen, aufschneidbaren Block gepresst - dieselbe Kalt-Press-Logik wie bei einem Presskopf oder einer Sülze, nur mit Fisch statt Schweinekopf. Lebende Verwandte sind die kalte Fischsulze und die Fischterrine, in Ansätzen auch die Galantine-Technik: die Haut bleibt außen erhalten, das Innere wird gebunden und kalt in Scheiben aufgeschnitten serviert.

Warum ein Brett mit in den Sud kommt.

Das im Text erwähnte flache Brett (‚plat') wird zusammen mit dem Fisch gesotten. Das macht praktisch Sinn: Nach dem Entgräten sind die Stücke fragil, und das Brett hält sie ruhig unter Wasser, damit die dünn gewordene Haut beim leichten Köcheln nicht aufplatzt und die Brühe klar bleibt - genau das, was der Text mit ‚die prue ganncz haben' verlangt.

Ein Sud oder zwei?

Der Text lässt offen, ob es ein einziges, durchgehendes Sieden ist oder zwei Phasen - erst ein kräftigeres Vorgaren, das Gräten löst und Schuppen lockert, dann nach dem Vierteln ein zweites, schonenderes Sieden, auf das sich die Warnung ‚verseud sy nicht' (nicht übergaren) bezöge. Beide Lesarten sind mit dem Wortlaut vereinbar, keine ist im Text entschieden.

Praxis.

Einen festfleischigen Süßwasserfisch wie Hecht oder Zander im Ganzen in leicht gesalzenem, gewürztem Wasser sieden und das flache Brett mit hineinlegen, damit der Fisch flach unter Wasser bleibt und die Brühe klar bleibt. Nach dem Garen herausnehmen, sorgfältig entgräten (auch die kleinen Gräten), dabei die Haut möglichst ganz lassen, entschuppen und in vier Stücke teilen. Danach entweder von Hand in Stücke brechen oder grob hacken - nicht zu klein, sonst verschmiert Fleisch und Saft die Presse. Kräftig würzen, warm in eine Form oder zwischen zwei Bretter mit Gewicht pressen und unter der Presse auskühlen lassen. Ein Bindemittel wie Ei oder Semmel nennt der Text nicht; dass der warme, gegarte Fisch beim Pressen von selbst zusammenhält, ist plausibel (Eigengelatine der Haut, gerinnendes Eiweiß), aber eine Einordnung unsererseits, keine Aussage des Rezepts. Zum Schluss die Haut glattstreichen und in Scheiben aufschneiden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, mit kleinen Einschränkungen: das Garen im Topf und das Pressen mit Brett und Gewicht sind im Lager gut machbar, nur das behutsame Entgräten bei ganzer Haut braucht Übung und ein scharfes Messer. Frischen Fisch am besten morgens besorgen und noch am selben Tag verarbeiten.

Was ist mit der 'Presse' im Rezept gemeint?

Gemeint ist eine Fischpresse, ein Gerät, mit dem der entgrätete, noch warme Fisch in eine feste, kompakte Form gepresst wurde, ähnlich einer Terrine. Modern lässt sich das mit einer Kastenform samt beschwertem Deckel oder einem flachen Brett mit Gewicht nachbilden.

Was bedeutet der Titel 'Aber etwas von Fischen'?

‚Aber' steht hier nicht für das moderne 'jedoch', sondern ist eine formelhafte Übergangswendung im Sinn von 'noch etwas, ein weiteres'. Der Titel kündigt schlicht ein weiteres Fischrezept im selben Kapitel an.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Aber etwas von vischen . Item Nym visch vnd seud die Rain vnd loesz die graet dauon klain waren aller pest dar zue nym die schuppen vnd schlahe die visch zue vier stucken vnd verseud sy nicht . So mag man die haut ganncz han vnd ain plat sol man auch darInne sieden wil er die prue ganncz haben wann es dann ge= soten ist So nym vnd legs vf ain AneRicht wil man sy prechen mit der hennde das horstu wol wiltu es hacken So mach es nit zue klain So beleibt die press rain Du muost guot gewurcz dar zue haben So sol er die haut schlein streichen .
graet

Fischgräte, die vor dem Formen sorgfältig entfernt wird, klein wie groß.

schuppen

Nomen-Objekt zu ‚nym' (nimm): ‚nym die schuppen' heißt ‚entferne die Schuppen'. CoReMA glossiert ‚schueppen' für diese Stelle (bs1.236) als Zutat ‚Fischschuppe', markiert mit dem Zusatz [excl] - das heißt: eine Zutat, die ausdrücklich entfernt und nicht mitgegessen wird, so wie bei ‚graet' (Gräte), ebenfalls [excl].

verseud

Versieden heißt zu lange oder zu stark kochen, den Fisch übergaren.

rain

‚seud die Rain' - Schreibvariante von ‚reine' (rein, sauber): ‚siede ihn sauber'. Für dieselbe Schreibung sind im Frühneuhochdeutschen auch ‚Rain' (Ackergrenze) und ‚herein' belegt, doch nur die Adjektiv-Lesart ‚rein' ergibt hier Sinn.

plat

Vermutlich eine flache Platte oder ein Brett, das mit ins Kochwasser gelegt wird, um den Fisch flach zu halten.

AneRicht

Anrichte, eine Servierplatte oder ein Anrichtetisch, auf den der gegarte Fisch gelegt wird.

press

Eine Fischpresse, ein Gerät, mit dem der entgrätete Fisch zu einer festen Form gepresst wird, ähnlich einer Terrinenform.

schlein

Alte Form für ‚glatt, eben' (nicht ‚schlecht' im modernen Sinn) - die Haut wird glattgestrichen. Im selben Korpus (bs1) ist ‚schlein' an drei anderen Stellen als Fischname ‚Schleie' belegt, hier aber ohne CoReMA-Ingredienz-Glosse; auch das Schweizerische Idiotikon führt ein Dialektverb ‚schleinen' im Sinn von ‚glätten, schmeicheln', was die Adverb-Lesart zusätzlich stützt.

gewurcz

Gewürz allgemein, Zusammensetzung nicht spezifiziert, typischerweise Pfeffer, Ingwer oder Safran je nach Rezeptkontext.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 091r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartaber

Gewählte Lesart: Formelhafte Kapitelüberschrift, ‚Aber' im Sinne von ‚noch, ein weiteres' - leitet einen weiteren Fischgang ein, nicht das moderne Adverb ‚aber' (jedoch).

Andere mögliche Lesart:

  • Modernes 'aber' (jedoch) - Der Klang verleitet zur modernen Lesart, aber im Rezeptbuch-Kontext ist 'aber' als Reihungs-Formel für weitere Rezepte eines Themenblocks belegt.

Lesartklain waren aller pest

Gewählte Lesart: Paraphrasiert als ‚das ist wahrlich am besten' - Verstärkung, dass auch die kleinen Gräten mit entfernt werden sollen.

Andere mögliche Lesart:

  • Korpus-übliches Muster ‚aller pest' + Substantiv (z. B. ‚der aller pesten wein', ‚das aller pest kraut') - An anderen Stellen im Korpus (mha-160, mha-184, mha-227) folgt auf ‚aller pest' meist direkt ein Substantiv; hier fehlt ein solches Bezugswort, die Syntax bleibt unklar. Die gewählte Glättung ist eine vertretbare Paraphrase, aber keine sichere Auflösung.

Lesartplat

Gewählte Lesart: Eine flache Platte oder ein Brett, das während des Siedens mit ins Wasser gelegt wird, um den Fisch flach und die Haut unversehrt zu halten, passend zum späteren Pressen und Glattstreichen der Haut.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein in der Pfanne gebackener Eierkuchen (Fladen) - Das Wort 'plat' ist im Korpus auch für Pfanneneierkuchen belegt; CoReMA führt die Stelle selbst als ungelöst. Ein Eierkuchen im Sud ergibt hier aber weniger Sinn als eine Press-Platte.

Lesartschlein

Gewählte Lesart: Alte Form von ‚schlecht/schleht' im Sinn von ‚glatt, eben' - die Haut wird am Ende glattgestrichen. Für bs1.236 selbst führt CoReMA keine Ingredienz-Glosse zu ‚schlein', was diese Lesart stützt.

Andere mögliche Lesart:

  • Schleie (Fischart, Wikidata Q83363035) - Im selben Korpus (bs1) ist ‚schlein' an drei anderen Stellen (mha-038, mha-255, mha-277) durch CoReMA-Sachglosse ausdrücklich als Fischname ‚Schleie/tench' belegt - ein echter Homograph. Für bs1.236 fehlt jedoch eine solche Glosse, und syntaktisch passt ‚die haut schlein streichen' ohnehin nicht zu einem Fischnamen an dieser Stelle.

Lesarthorstu

Gewählte Lesart: Zusammengezogen aus 'hörst du', eine rhetorische Wendung im Sinn von 'das verstehst du ja / das ist selbstverständlich'.

Andere mögliche Lesart:

  • Getrennte Zerlegung 'hor' (Imperativ von hören) plus 'stu' (Kontraktion von 'so du') - Alternative Wortfugen-Zerlegung, inhaltlich nahezu gleichbedeutend, aber die einfache Kontraktions-Lesart passt besser in den Satzfluss.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 091r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Topf gegart und mit einem Brett samt Gewicht improvisiert gepresst, kein Spezialgerät nötig. Frischer Fisch sollte morgens besorgt werden, das vorsichtige Entgräten bei ganzer Haut braucht etwas Übung.
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