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Wasser vom Wein scheiden: Most bei Gärbeginn ablassen

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
BuchEin new Kochbuch (~1581)

Willst du das Wasser vom Wein scheiden, damit der Wein nicht krank wird und davon umschlägt, dann mach es so: Wenn der Most gelegen hat, in sein Fass gekommen ist und jetzt gären will, dann lass ihn gleich in ein anderes Fass ab.

So bleibt das Wasser unten am Grund, wegen seiner Schwere.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Most Most - - -

Welches Gericht ist das? Kein Gericht, sondern eine Kellerregel aus dem Anhang. Ist Wasser in den Most geraten, soll man ihn zu Beginn der Gärung in ein zweites Fass ablassen; das Wasser bleibt nach Rumpolt wegen seiner Schwere im ersten Fass am Boden zurück.

Wann ablassen? Rumpolt nennt drei Bedingungen: Der Most hat gelegen, ist im Fass und will jetzt gären; dann soll es bald, also ohne Verzug, geschehen. Heute würde man das als Ablassen beim ersten Schäumen lesen. Andere Stellen im Anhang setzen den Zeitpunkt später an, nach der ersten Gärung.

Wie viel bleibt zurück? Der Text sagt es nicht. Heute zieht man den klaren Most ab und lässt den groben Bodensatz stehen. Eine Parallelstelle im Anhang lässt biß auff zweyer Haͤndt hoch ab, also nicht bis zum Boden.

Womit? Auch das Gerät nennt Rumpolt nicht. Heute geht das mit Schlauch oder Hahn; ein Zapfen am Fass ist für die Zeit naheliegend, aber nicht belegt.

Praxis. Wasser lässt sich so nicht abtrennen, denn Most und Wasser mischen sich vollständig (heutiges Wissen). Was der Handgriff tatsächlich leistet, ist ein Ablassen vom Bodensatz in ein sauberes Fass. Nachmachen lässt er sich nur in diesem Sinn, nicht als Mittel gegen gewässerten Most.

Trennt das Ablassen wirklich das Wasser vom Wein?

Nein. Wasser und Most mischen sich vollständig und setzen sich nicht nach Gewicht ab; das ist heutiges Wissen, nicht Rumpolts. Beim Ablassen bleibt nur der Bodensatz zurück.

Ist das etwas für die Lagerküche?

Nein. Es ist Kellerhandwerk: Man braucht Most zu Gärbeginn und zwei Fässer, gekocht wird nichts.

Was heißt, der Wein wird „krank“ oder „verstößt sich“?

Bei Rumpolt heißt ein Wein krank, wenn er einen Fehler hat; „sich verstossen“ steht bei ihm neben „verkeren“ für einen Wein, der umschlägt oder verdirbt. Einen Wörterbuchbeleg für diesen Weinsinn gibt es nicht, die Bedeutung ergibt sich aus seinem eigenen Gebrauch im Anhang.

Steht diese Regel noch an anderer Stelle im Buch?

Ja. Im Kapitel über Wasser im Wein steht sie fast wortgleich für Wasser, das im Herbst in den Wein kommt, dort mit dem Zusatz, nur bis zwei Hand hoch über dem Boden abzulassen. Bei Wein, auf den beim Lesen zu viel Regen gefallen ist, soll man ihn „gleich nach der ersten vergerung“ umfüllen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 2.000 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.

Wasser vom Wein zu scheiden. Wiltu Wasser von dem Wein scheiden, daß der Wein nit kranck werde, vnd sich davon verstosse, so thu jm also, wenn der Most gelegt ist, vnnd in sein Faß kommen, vnnd jetzundt geren wil, so laß jn bald in ein ander Faß, so bleibet das Wasser vnden im Grundt, vmb seiner schwere willen.
kranck

Ein fehlerhafter Wein. Rumpolt spricht im Anhang von schwachen vnd krancken Wein; welche Fehler er im Einzelnen meint, sagt er hier nicht.

sich davon verstosse

Rumpolts Wort dafür, dass ein Wein umschlägt oder verdirbt. Er gebraucht es auch in ob sich der Wein verstossen oder verkeren woͤll und im Kapitel Wenn sich der Wein verstossen wolt, wo der Wein danach wieder lauter, frisch vnd gut werden soll.

gelegt

Der Most hat gelegen, ist zur Ruhe gekommen. Die fast wortgleiche Parallelstelle schreibt geliget.

geren

Lautform von gären, im Anhang durchgehend so geschrieben (geret, dem geren).

bald

Alsbald, ohne Verzug; nicht im heutigen Sinn von „demnächst“.

Faß

Das Holzfass, in dem der Most liegt. Das Umfüllen in ein zweites Fass heißt bei Rumpolt ablassen; heute spricht man vom Abstich.

Grundt

Der Boden des Fasses. Dort soll nach Rumpolt das schwerere Wasser zurückbleiben.

Druck
Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle
Teil
Anhang: Wie man Wein macht, pflegt und bessert
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Frankfurter Druckersprache mit oberdeutscher Schreibung, südwestdeutsch/rhein-mainischer Küchenwortschatz, 1581)
Entstehung
Frankfurt am Main, 1581

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Mostfruit juice Q20932605

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartvnd sich davon verstosse

Gewählte Lesart: „und davon umschlägt“: der Wein soll durch das Wasser nicht fehlerhaft werden. Gestützt durch Rumpolts eigenen Gebrauch im Anhang (ob sich der Wein verstossen oder verkeren woͤll; Kapitel Wenn sich der Wein verstossen wolt; Rauch im Keller, daß sie nachmals gern verstossen). Die Wörterbücher bieten keinen Weinbeleg.

Andere mögliche Lesart:

  • „und sich davon (vom Wasser) abstößt, ausscheidet“ - Über die Grundbedeutung ‚ausstoßen‘ möglich und passend zum Titel scheiden; gegen sie spricht, dass Rumpolt sich verstossen an allen anderen Stellen für einen Weinfehler gebraucht.

Lesartwenn der Most gelegt ist

Gewählte Lesart: „wenn der Most gelegen hat“, also zur Ruhe gekommen ist. Die fast wortgleiche Parallelstelle schreibt wenn der Most geliget.

Andere mögliche Lesart:

  • „wenn der Most sich gesetzt hat“ (Partizip zu sich legen, beruhigt, Bodensatz abgesunken) - Sprachlich ebenso möglich; von Bodensatz sagt der Text aber nichts, und die Parallelstelle mit geliget spricht für ‚gelegen‘. Wie sich das zeitlich zum Gärbeginn verhält, bleibt zwischen den Parallelstellen uneins.

Lesartbald … jetzundt geren wil (Zeitpunkt)

Gewählte Lesart: Ohne Verzug ablassen, sobald der Most im Fass zu gären beginnen will, so der Wortlaut hier.

Andere mögliche Lesarten:

  • Erst nach der ersten Gärung bzw. eine Zeit nach dem Gären - So setzen andere Stellen im Anhang denselben Handgriff an (gleich nach der ersten vergerung; ein zeit nach dem geren). Hier steht ausdrücklich der Gärbeginn.
  • Heute: beim ersten Schäumen abziehen - Moderne Umsetzung des Wortlauts, keine Angabe Rumpolts.

Lesartin ein ander Faß (wie tief ablassen)

Gewählte Lesart: Keine Angabe im Text, wie viel im ersten Fass zurückbleibt.

Andere mögliche Lesarten:

  • Nur biß auff zweyer Haͤndt hoch ablassen - So die Parallelstelle; hier nicht genannt und deshalb nicht in die Übersetzung übernommen.
  • Heute: den klaren Most abziehen, den groben Bodensatz stehen lassen - Moderne Kellerpraxis, keine Angabe Rumpolts.

Lesartlaß jn (Gerät)

Gewählte Lesart: Womit abgelassen wird, sagt der Text nicht.

Andere mögliche Lesarten:

  • Über einen Zapfen am Fass - Für die Zeit naheliegend, aber nur Annahme.
  • Heute: Schlauch oder Hahn - Moderne Umsetzung.

LesartMost (Art und Farbe)

Gewählte Lesart: Rumpolt nennt weder Farbe noch Sorte; die Regel gilt für Most allgemein.

Andere mögliche Lesart:

  • Heute: weißer Most, vor der Gärung gepresst - Naheliegende moderne Annahme, im Text nicht gesagt.

LesartWasser (Herkunft)

Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Ursache, wie das Wasser in den Most kommt.

Andere mögliche Lesarten:

  • Regen bei der Lese - Andere Stellen im Anhang nennen Regen beim Lesen bzw. Wasser, das im Herbst in den Wein kommt.
  • Absichtlich zugesetztes Wasser - Der Anhang kennt Proben auf gewässerten Wein; für diese Stelle nicht gesagt.

Originalwerk (~1581) gemeinfrei.

Bildquelle
Bl. CLXXXVb, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PPN824825497 Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Transkription Justus-Liebig-Universität Gießen 2013 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rum-1927
LagerkücheLagerküche
Kellerhandwerk, kein Kochrezept: Es braucht Most zu Gärbeginn, ein Fass und ein zweites zum Ablassen, und das Ergebnis zeigt sich erst nach Tagen. Kein Garschritt, keine Kochstelle.
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Stand dieser Fassung: 19.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.