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Tragbarer Essig: Weinsteinpulver für den Wein

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
BuchEin new Kochbuch (~1581)

Essig machen, den man bei sich tragen kann.

Item: Nimm Weinstein und lege ihn neun oder zehn Tage in guten Essig. Wenn du ihn herausgenommen hast, dörre ihn an der Sonne. Ist er gut trocken, lege ihn wieder zehn Tage in guten Essig. Danach trockne ihn abermals und stoße ihn klein zu Mehl. Gib ein wenig davon in ein Glas voll Wein, so hast du guten Essig.

Tut man gedörrte Meerrettichwurzeln, zu Pulver gemacht, in Essig, so macht es ihn bald scharf.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Weinstein Weinstein - Weinbedarf-Handel, Online-Handel -
guten Essig guten Essig - - -
ein Glaß voll Wein ein Glas voll Wein - - -
gedoͤrrten Merrettichwurtzeln gedörrte Meerrettichwurzeln - - Frischer Meerrettich, selbst getrocknet

Was ist das? Kein Gericht, sondern ein Kellerverfahren aus Rumpolts Essigreihe: ein trockenes Weinsteinpulver, das man mitführen kann und das ein Glas Wein zu Essig machen soll. Angehängt ist ein Zweizeiler, nach dem Pulver aus gedörrten Meerrettichwurzeln Essig bald scharf macht.

Das Verfahren. Weinstein liegt neun bis zehn Tage in gutem Essig, trocknet an der Sonne, liegt noch einmal zehn Tage in Essig, trocknet abermals und wird zu Mehl gestoßen. Davon kommt ein wenig in ein Glas Wein. Mengen nennt der Text nicht; für einen Versuch bedeckt man den Weinstein knapp mit Essig und trocknet ihn, bis er durch und durch trocken ist. Gestoßen wird am einfachsten im Mörser.

Warum soll das wirken? Rumpolt erklärt es nicht. Historisch liegt ein Trockenstarter nahe: Das Tränken belädt den Weinstein mit Essig und dem, was darin lebt, das Trocknen macht ihn tragbar, das zweite Tränken verstärkt die Beladung, das Mehl macht ihn dosierbar. Heute weiß man, dass Weinstein selbst kein Essigbildner ist und sich schwer löst; eine Wirkung käme nur über anhaftenden Essig, und ob der die Sonnentrocknung übersteht, ist ungewiss.

Wann ist es Essig? Rumpolt nennt keine Wartezeit. Nach heutigem Verständnis braucht Wein zur Essigbildung Tage bis Wochen und Luft. Welcher Wein gemeint ist, sagt der Text ebenfalls nicht.

Praxis. Ein Versuch braucht rund drei Wochen Vorlauf, der eigentliche Arbeitsaufwand ist gering. Ob am Ende guter Essig entsteht, ist nicht nachgeprüft. Für den Meerrettich-Zusatz genügt gedörrte, fein gemahlene Wurzel in Essig.

Wo bekomme ich Weinstein?

Reiner Weinstein (Kaliumhydrogentartrat, im Handel oft als Cremor Tartari) ist im Weinbedarf-Handel und im Online-Handel erhältlich. Gemeint ist reiner Weinstein, nicht Weinsteinbackpulver, das Natron und Stärke enthält.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Das Verfahren braucht rund drei Wochen mit zwei Einweichphasen und Sonnentrocknung dazwischen. Am Lager ist nur der letzte Schritt möglich, ein wenig Pulver in ein Glas Wein zu geben, und das ist ein Handgriff, kein Gericht.

Was bedeutet „Essig, den man bei sich tragen kann“?

Rumpolt sagt nur „daß einer jn bey sich kan tragen“. Statt Essig als Flüssigkeit mitzuführen, hat man ein trockenes Pulver, das im Wein zu Essig werden soll. Ob das Ergebnis einem gewöhnlichen Essig gleichkommt, sagt Rumpolt nicht.

Was soll der Zusatz mit den Meerrettichwurzeln?

Er gehört nicht zum Weinstein-Verfahren, sondern ist ein eigener kurzer Hinweis: Pulver aus gedörrten Meerrettichwurzeln in Essig macht ihn bald scharf. Wozu man diesen Essig nimmt, sagt der Text nicht.

Gibt es dasselbe Verfahren auch in anderen Quellen?

Ja, in k1-163 und so1-126. Dort wird der Weinstein dreimal mit starkem Essig getränkt und zu Kügelchen geformt, von denen man ein oder zwei in einen Becher Wein gibt. Die beiden Fassungen hängen eng zusammen und zählen als ein Überlieferungszweig.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 2.000 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.

Essig zu machen, daß einer jn bey sich kan tragen. Jtem, nim̃ Weinstein, vnd leg den neun oder zehen tag in ein guten Essig, darnach wenn du jn herauß hast gethan, so duͤrr jn an der Sonnen, vnd wenn er wol duͤrr ist, so leg jn wider zehen tag in guten Essig, darnach truͤckne jhn aber, vnd stoß jn aber klein zu Mehl, vnnd thu ein wenig in ein Glaß voll Wein, so hastu guten Essig. Wenn man gedoͤrrten Merrettichwurtzeln puluerisiert in Essig thut, macht jn bald scharpff.
Weinstein

Lateinisch tartarus (FWB, Lexer): der kristalline Niederschlag, der sich beim Gären und Lagern von Wein an der Fasswand absetzt, chemisch Kaliumhydrogentartrat.

Druck
Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle
Teil
Anhang: Wie man Essig macht
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Frankfurter Druckersprache mit oberdeutscher Schreibung, südwestdeutsch/rhein-mainischer Küchenwortschatz, 1581)
Entstehung
Frankfurt am Main, 1581

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Weinsteinpotassium bitartrate Q18745
guten Essigvinegar Q41354

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartso hastu guten Essig

Gewählte Lesart: Wörtlich: Aus dem Glas Wein wird guter Essig. Wie das geschehen soll, sagt Rumpolt nicht. Die verwandten Fassungen in so1-126 und k1-163 sagen ebenso schlicht „als balde wirt essig vsz dem win“. Historisch naheliegend ist ein Trockenstarter: Der Weinstein wird mit Essig beladen, getrocknet, damit man ihn mitführen kann, und impft dann den Wein. Das ist erschlossen, nicht im Text gesagt, und die Wirkung ist ungeprüft.

Andere mögliche Lesart:

  • Das Pulver säuert den Wein nur an, ohne dass er zu Essig vergärt. - Keiner der drei Texte spricht von Ansäuern, alle sagen, es werde Essig. Möglich bleibt die Lesart als moderne Vermutung über die tatsächliche Wirkung, nicht als Aussage der Quelle.

Lesartscharpff

Gewählte Lesart: „scharf“ wörtlich belassen. Da der Zusatz Meerrettich ist, liegt würzig-beißende Schärfe nahe.

Andere mögliche Lesart:

  • „sauer, stechend“, also kräftiger Essig - „scharf“ heißt von Speisen und Essig auch „beißend“ (PfWB, RhWB). Der Text grenzt das nicht ab, deshalb bleibt die Übersetzung beim offenen „scharf“.

LesartMengen (Weinstein, Essig, „ein wenig“ Pulver)

Gewählte Lesart: Nicht überliefert. Rumpolt nennt weder die Menge Weinstein noch die Menge Essig, beim Wein nur „ein wenig“ Pulver auf „ein Glaß voll“. so1-126 nimmt „starckem essig“ und gibt ein bis zwei Kügelchen in einen Becher Wein; das ist ein anderes Verfahren und nur Vergleich, keine Mengenangabe für Rumpolts Pulver.

Andere mögliche Lesart:

  • Weinstein knapp mit Essig bedecken, vom Pulver keine Zahl festlegen - Moderner Arbeitsansatz für einen Versuch, ohne Textgrundlage.

Lesartwol duͤrr

Gewählte Lesart: „bis er gut trocken ist“: Rumpolt nennt keine Dauer und keine Unterlage, nur die Sonne.

Andere mögliche Lesart:

  • Trocknen, bis der Weinstein durch und durch trocken und rieselfähig ist - Moderner Maßstab für das Ende des Trocknens; der Text gibt nur das Ziel, nicht die Prüfung.

Lesartstoß jn aber klein zu Mehl

Gewählte Lesart: Fein stoßen, bis es mehlfein ist. Ein Gerät nennt der Text nicht.

Andere mögliche Lesart:

  • Im Mörser - Naheliegendes Gerät für „stoßen“, aber nicht genannt.

LesartWartezeit bis zum Essig

Gewählte Lesart: Rumpolt nennt keine. Die verwandten Fassungen sagen „als balde“. Eine Zeit wird nicht ergänzt.

Andere mögliche Lesart:

  • Tage bis Wochen, mit Luftzutritt - So lange braucht Essigbildung aus Wein nach heutigem Verständnis; im Text steht davon nichts.

LesartWein

Gewählte Lesart: Art und Säure des Weins bestimmt der Text nicht.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein dünner, säurebetonter Landwein - Nördlich der Alpen war Wein meist so; das ist eine unausgesprochene Annahme, die Rumpolt nicht macht.

Originalwerk (~1581) gemeinfrei.

Bildquelle
Bl. CXCVIIb, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PPN824825497 Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Transkription Justus-Liebig-Universität Gießen 2013 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rum-2003
LagerkücheLagerküche
Zwei Einweichphasen zu je neun bis zehn Tagen mit Sonnentrocknung dazwischen, also rund drei Wochen Vorlauf für ein Pulver. Am Lager ist davon nur der letzte Handgriff möglich, ein wenig Pulver in ein Glas Wein zu geben.
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Stand dieser Fassung: 20.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.