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Haferbüschel ins Bier hängen

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 7/10
BuchEin new Kochbuch (~1581)

Eine andere Kunst.

Ebenso: Nimm Hafer samt Stroh, wenn der Hafer in der Gelbreife ist. Dann nimm und schneide kleine Büschel und hänge sie hinein. So stößt das Bier wieder auf und verhält sich wie ein Bier, das noch jung ist.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Habern mit eim stro Hafer mit Stroh, in der Gelbreife - Landwirt -
Bier Bier - - -

Was ist das? Kein Gericht, sondern eine Behandlung für Bier im Gebinde. Ganze Haferpflanzen, in der Gilb samt Halm geschnitten und zu kleinen Büscheln gebunden, werden ins Bier gehängt. Danach soll das Bier wieder aufstoßen und sich wie junges Bier verhalten. Mehr sagt der Text nicht.

In der Gilb. Der Hafer wird geschnitten, wenn er gelb geworden ist. Geschnitten wird die ganze Pflanze mit Stroh, nicht das gedroschene Korn.

Hineinhängen. „hencks doͤrein“ ist dieselbe Formel wie im Nachbarrezept rum-2010. Wo die Büschel hängen und wie tief, steht nicht da; ein Fass wird nicht genannt.

Wieder aufstoßen. Das Ergebnis beschreibt Rumpolt nur durch den Vergleich mit jungem Bier: es kommt wieder in Bewegung. Wie lange das dauert, sagt er nicht.

Praxis. Gebinde nicht festlegen; wer es nachstellt, hängt die Büschel durch das Spundloch ins Fass. Menge und Dauer nicht erfinden: hängen lassen, bis sich etwas tut. Ungewaschene Feldpflanzen bringen fremde Keime ins Bier, ein Bier kann dadurch auch verderben statt sich zu erholen.

Was heißt „in der Gilb“ beim Hafer?

Gilbe ist die gelbe Färbung. Der Hafer soll geschnitten werden, wenn er gelb geworden ist; wir geben das als Gelbreife wieder. Das ist eine Lesart aus dem Zusammenhang, ein eigener Fachbeleg für Hafer liegt nicht vor.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Es ist eine Bierbehandlung im Gebinde und kein Gericht. Ob und wann das Bier wieder aufstößt, sagt der Text nicht.

Wie viel Hafer und wie lange muss er im Bier hängen?

Der Text gibt dazu nichts an. Er spricht nur von „buͤschelein“ und davon, dass das Bier danach wieder aufstößt. Ungewaschene Feldpflanzen bringen fremde Keime ins Bier; ein Bier kann dadurch auch verderben.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 2.000 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.

Ein andere Kunst. Jtem nim̃ Habern mit eim stro, wann der haber ist in der gilb, so nim̃ vnd schneid buͤschelein, vnd hencks doͤrein, so stoͤsset das Bier wider auff vnd thu wie ein Bier, das noch jung ist.
Ein andere Kunst

„Kunst“ meint hier ein Verfahren oder einen Kunstgriff, nicht Kunst im heutigen Sinn. „Ein andere“ heißt: eine weitere Möglichkeit, dasselbe Ziel zu erreichen.

Jtem

Lateinisches item (ebenso, ferner), in alten Rezepten eine übliche Einleitung für einen neuen Absatz. Im Text mit „Ebenso“ wiedergegeben.

Habern

Haber, oberdeutsche Form für Hafer. „Mit eim stro“ heißt: samt dem Halm, also die ganze Pflanze.

in der gilb

Gilbe ist die gelbe Färbung (Frühneuhochdeutsches Wörterbuch: „gelbe Färbung; Fahlheit, Blässe“; Schmeller: „Zustand des Gelbseins“). „Der Haber ist in der Gilb“ heißt also: der Hafer ist gelb geworden. Die Wiedergabe als Gelbreife ist eine Sachlesart aus dem Zusammenhang; ein eigener Fachbeleg für Hafer liegt nicht vor.

hencks doͤrein

Hänge sie hinein. Dieselbe Formel steht im Nachbarrezept rum-2010 („henck darein“), wo Benediktenwurz ins Bier gehängt wird.

stoͤsset das Bier wider auff

Hier gelesen als: das Bier kommt wieder in Bewegung. Gestützt wird das allein durch den Folgesatz „wie ein Bier, das noch jung ist“; die Wörterbücher kennen „aufstoßen“ für Bier nicht.

Druck
Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle
Teil
Anhang: Wie man Bier macht und behält
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Frankfurter Druckersprache mit oberdeutscher Schreibung, südwestdeutsch/rhein-mainischer Küchenwortschatz, 1581)
Entstehung
Frankfurt am Main, 1581

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Bierbeer Q44

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartstoͤsset das Bier wider auff

Gewählte Lesart: Das Bier kommt wieder in Bewegung, schäumt oder arbeitet wie junges Bier. Der Vergleich „wie ein Bier, das noch jung ist“ trägt diese Lesart.

Andere mögliche Lesart:

  • Das Bier wird aufgewühlt, der Bodensatz wird wieder hochgetrieben. - „Aufstoßen“ kann auch ein Aufwirbeln meinen. Der Vergleich mit jungem Bier passt aber besser zu neuer Bewegung im Bier als zu bloßer Trübung.

Lesartthu wie ein Bier/ das noch jung ist

Gewählte Lesart: Das Bier verhält sich wie junges Bier. Subjekt bleibt „das Bier“ aus dem vorangehenden „so stoͤsset das Bier wider auff“.

Andere mögliche Lesart:

  • Behandle es wie ein Bier, das noch jung ist („thu“ als Aufforderung an den Leser). - „thu“ kann auch Imperativ sein. Dann wäre eine Anweisung zur weiteren Behandlung gemeint; der Text sagt aber nicht, worin die bestünde.

LesartGebinde und Lage der Büschel

Gewählte Lesart: Die Büschel werden ins Bier im Fass gehängt, wie die Benediktenwurz im Nachbarrezept rum-2010 („henck darein“). Ein Gefäß nennt der Text nicht.

Andere mögliche Lesart:

  • Das Bier steht noch im Bottich. - Das vorangehende Rezept rum-2011 behandelt Bier „auff dem Puttich“. Ob sich „Ein andere Kunst“ darauf bezieht, lässt sich nicht sicher sagen.

LesartMenge des Hafers und Verweildauer

Gewählte Lesart: Der Text nennt weder Menge noch Dauer. Gemeint ist wohl: hängen lassen, bis das Bier wieder aufstößt, wie im Nachbarrezept rum-2008 („biß es wider kompt“).

Andere mögliche Lesart:

  • Keine Angabe; beim Nachstellen nichts festlegen. - Jede Zahl wäre erfunden.

LesartZustand des Biers vorher

Gewählte Lesart: Nicht genannt. Das Rezept steht in einer Reihe von Mitteln gegen verkehrtes, trübes und saures Bier; gemeint ist ein Bier, das nicht mehr „arbeitet“.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein sauer gewordenes Bier wie im unmittelbar vorangehenden rum-2011. - „Ein andere Kunst“ setzt ein vorangehendes Verfahren voraus; rum-2011 käme in Frage, die Zuordnung bleibt aber offen.

Originalwerk (~1581) gemeinfrei.

Bildquelle
Bl. CXCVIIIb, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PPN824825497 Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Transkription Justus-Liebig-Universität Gießen 2013 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rum-2012
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern eine Bierbehandlung im Gebinde; ob und wann das Bier wieder anspringt, lässt sich im Lager nicht planen und am Stand nicht vorführen. Frischer Hafer in der Gilb ist zudem nur in einem kurzen Zeitfenster vor der Ernte zu haben.
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Stand dieser Fassung: 21.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.