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Umgeschlagenes Bier: heißes Gerstenbrot auf den Spund

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
BuchEin new Kochbuch (~1581)

Wenn sich ein Bier verkehrt hat, so nimm heißes Gerstenbrot aus dem Ofen, brich es auseinander und lege es auf den Spund. Das tu oft, bis das Bier wieder in Ordnung kommt.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Bier ein Bier, das sich verkehrt hat - - -
heiß Gerstenbrot auß dem Ofen Gerstenbrot, heiß aus dem Ofen - Bäcker -

Welches Gericht ist das? Kein Gericht, sondern ein Kellerhausmittel aus Rumpolts Bierabschnitt: Ein Bierfass, dessen Inhalt sich „verkehrt“ hat, wird mit heißem Gerstenbrot auf dem Spund behandelt. Mehr als vier Handgriffe nennt der Text nicht: Brot heiß aus dem Ofen nehmen, auseinanderbrechen, auf den Spund legen, das oft wiederholen.

Was ist „verkehrt“? Bei Rumpolt ist es das Kellerwort für Wein, der umschlägt und an Farbe und Geschmack verdirbt (rum-1953, rum-1954, rum-1964). Welcher Fehler beim Bier gemeint ist, bleibt offen. Heute würde man an ein sauer oder infiziert gewordenes Bier denken; saures und trübes Bier behandelt Rumpolt aber in eigenen Einträgen (rum-2011, rum-2009).

Brot und Spund. Welches Gerstenbrot und wie viel davon, sagt der Text nicht; in der Praxis nimmt man einen Laib. Der Spund ist der Zapfen des Fasses, das Wort steht aber auch für das Spundloch. Naheliegend ist das Spundloch des liegenden Fasses, mit dem Brot obenauf; ob der Zapfen dafür gezogen wird, steht nicht da.

Wie oft? „Offt“ und „biß es wider kompt“ geben weder Abstand noch Ende an. Rumpolts Weinrezepte mit demselben Mittel lassen das Brot liegen, bis es kalt ist, und legen dann ein neues heißes auf (rum-1948, rum-1963, rum-1966). Dass er es beim Bier ebenso meint, liegt nahe, steht hier aber nicht.

Praxis. Nachstellen lässt sich das nur am eigenen Fass. Einen Zweck nennt der Text nicht; die Weinrezepte sagen, das Brot ziehe den schlechten Geschmack an sich. Nach heutigem Wissen lässt sich ein sauer oder infiziert gewordenes Bier auf diesem Weg nicht wiederherstellen; denkbar ist allenfalls, dass ein Geruch überdeckt wird.

Was soll das heiße Brot auf dem Spund bewirken?

Hier nennt Rumpolt keinen Zweck. In seinen Weinrezepten mit demselben Mittel steht er: Das Brot „zeucht den Geschmack an sich“ (rum-1948), es zieht auf, „was dem Wein schädlich ist“ (rum-1963), und soll „allen bösen Gestank“ herausziehen (rum-1966). Dass er beim Bier dasselbe meint, liegt nahe. Ob es wirkt, ist nicht belegt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Es ist kein Gericht, sondern eine Anweisung für den Bierkeller. Es braucht ein Fass mit Spund und ein Bier, das schon fehlerhaft ist.

Was heißt „brichs voneinander“?

„Brich es auseinander.“ Das heiße Brot wird geteilt und so auf den Spund gelegt. Dieselbe Wendung steht in Rumpolts Weinrezepten (rum-1948, rum-1963).

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 2.000 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.

Wie man gut Bier sol machen vnd behalten. WEnn sich ein Bier verkehrt hat, so nim̃ heiß Gerstenbrot auß dem Ofen, vnd brichs voneinander, vnd leg es auff den Spundten, vnd das offt, biß es wider kompt.
verkehrt

Eigentlich „ins Gegenteil verwandeln“. In den Kellerbüchern heißt es: Das Getränk schlägt um und verdirbt. Rumpolt gebraucht es beim Wein für Verderb an Farbe und Geschmack („verkehrt sich nimmermehr/ weder an Farb/ noch an dem geschmack“, rum-1954; ebenso rum-1953, rum-1964). Welchen Fehler er beim Bier meint, sagt er nicht.

Spundten

Schreibform von „Spund“ mit Dativ-Endung, kein Mundartwort; vgl. „Spundt“ in rum-1963. Der Spund ist der Zapfen, der ein Fass verschließt, das Wort steht aber auch für die Öffnung selbst, das Spundloch. Ob das Brot auf das offene Loch oder auf den Zapfen kommt, sagt der Text nicht.

Gerstenbrot

Brot aus Gerstenmehl oder mit Gerstenanteil. Dasselbe heiße Gerstenbrot auf dem Spund kehrt bei Rumpolt für Wein wieder (rum-1963, rum-1966).

brichs voneinander

„Brich es auseinander“: Das Brot wird geteilt. Rumpolt sagt dasselbe in den Weinrezepten („brich das voneinander“, rum-1948, rum-1963; „brichs in zwey stück“, rum-1966).

wider kompt

Wörtlich „wieder kommt“, also wieder in seinen rechten Zustand kommt. Vgl. rum-1964 vom Wein: „den macht sie wider gerecht“.

Druck
Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle
Teil
Anhang: Wie man Bier macht und behält
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Frankfurter Druckersprache mit oberdeutscher Schreibung, südwestdeutsch/rhein-mainischer Küchenwortschatz, 1581)
Entstehung
Frankfurt am Main, 1581

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Bierbeer Q44

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartverkehrt

Gewählte Lesart: Das Bier ist umgeschlagen und an Farbe oder Geschmack verdorben. So gebraucht Rumpolt „sich verkehren“ beim Wein (rum-1953, rum-1954, rum-1964); wbd-014 („sich nit verkeren“) stützt die Lesart. Die genaue Fehlerart bleibt offen.

Andere mögliche Lesarten:

  • Das Bier ist sauer geworden oder infiziert. - Naheliegend nach heutigem Verständnis, aber Rumpolt behandelt saures Bier mit eigenem Wort („saur“) in einem eigenen Eintrag (rum-2011).
  • Das Bier ist trüb geworden. - Wenig wahrscheinlich: Trübes Bier führt Rumpolt im Folgeeintrag eigens („daß es trüb ist worden“, rum-2009).

Lesartauff den Spundten

Gewählte Lesart: Das Brot kommt auf den Spund, wobei „Spund“ den Zapfen wie das Spundloch meinen kann (Lexer spunt, spuntloch; Fischer Bierspund). Ob der Zapfen gezogen wird, sagt der Text nicht.

Andere mögliche Lesart:

  • Auf das offene Spundloch des liegenden Fasses. - Praktische Annahme für das Nachstellen; soll das Brot etwas aus dem Fass aufnehmen, liegt die Öffnung näher. Das ist eine Folgerung, kein Wortlaut.

LesartGerstenbrot (Art und Menge)

Gewählte Lesart: Gerstenbrot ohne Mengenangabe; es kann reines Gerstenbrot oder ein Brot mit Gerstenanteil sein. Der Text nennt keine Menge.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein Laib Gerstenbrot. - Praxis-Annahme für das Nachstellen, im Text nicht genannt.

Lesartvnd das offt/ biß es wider kompt

Gewählte Lesart: Das Auflegen wird wiederholt, bis das Bier wieder gut ist. Weder Abstand noch Ende sind genannt; Rumpolts Weinrezepte lassen das Brot jeweils liegen, bis es kalt ist, und legen dann ein neues heißes auf (rum-1948, rum-1963, rum-1966).

Andere mögliche Lesart:

  • Täglich ein frisches Brot, über eine feste Zahl von Tagen. - Moderne Ordnungsannahme; der Text nennt keine Zahl, die Weinrezepte ebenfalls nicht (rum-1948 nur „ein mal oder drey“ je nach Fassgröße).

Originalwerk (~1581) gemeinfrei.

Bildquelle
Bl. CXCVIIIa, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PPN824825497 Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Transkription Justus-Liebig-Universität Gießen 2013 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rum-2008
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern ein Kellerhausmittel für ein umgeschlagenes Bierfass. Es braucht ein Fass mit Spund und ein Bier, das schon fehlerhaft ist; nichts davon ist am Lagerfeuer vorführbar oder essbar.
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Stand dieser Fassung: 21.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.