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Stockfisch in Kalklauge, mit Butter und Senf

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm zuerst Wasser und Asche und setze daraus eine Kalklauge an, die ordentlich scharf sein soll. Lege den Stockfisch hinein und lass ihn eine Nacht und einen Tag darin weichen.

Danach nimm ihn heraus und setze aus dem vorigen Kalk wieder eine Lauge an. Lass den Fisch darin noch einmal einen Tag und eine Nacht weichen.

Anschließend gib ihn in einen Topf und wasche ihn in zwei oder drei Wechseln Wasser, damit der Stockfisch nicht mehr nach der Lauge schmeckt.

Setze ihn danach wieder in einen Topf, gieße Wasser darüber und lass ihn ganz sacht sieden, damit er nicht überkocht. Lass ihn wirklich nur gemächlich köcheln, sonst wird er hart. Etwa eine gute Stunde lang sieden lassen.

Richte ihn danach an, salze ihn und gieße gesalzene Butter darüber, dann trag ihn auf. Setze außerdem an drei Stellen rings um den Fisch guten Senf. Man muss den Stockfisch auch gut klopfen, bevor man ihn einwässert.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain lechwasser Wasser für die Lauge - Leitung -
ain eschen Holzasche - Kaminasche vom eigenen Feuer oder Gartenbedarf Fertige Lauge (Natronlauge, stark verdünnt, mit großer Vorsicht) aus dem Fachhandel
ain kalckes an/ des zimlich resß seý Kalk, ordentlich scharf angesetzt - Baustoffhandel oder Online-Handel (lebensmittelechter Kalk) -
den stockfisch Stockfisch - Fischhändler, Skandinavien-Importe oder Feinkosthandel Bereits vorgeweichten Stockfisch oder Klippfisch verwenden, um den gefährlichen Laugen-Schritt zu umgehen
2 oder 3 wasser Wasser, mehrfach gewechselt - Leitung -
ain wasser Wasser zum Sieden - Leitung -
saltzt jn Salz - - -
ain gesaltzen púter Gesalzene Butter - - -
gúten senff Guter Senf - - -

Welches Gericht ist das? Ein zweistufig behandeltes Stockfischgericht: knochenharter, luftgetrockneter Kabeljau wird zunächst in einer Asche-Kalk-Lauge weich gemacht, dann gewässert, sanft pochiert und mit gesalzener Butter sowie einer Senf-Garnitur aufgetragen. Dieselbe Grundmethode - Lauge weicht auf, dann Sieden, dann Butter/Senf - kennt man bis heute in zwei getrennten Linien: dem norwegisch-skandinavischen Lutefisk (dieselbe Laugentechnik, heute meist mit Natronlauge statt Asche und Kalk) und dem niederländisch-belgischen stokvis met mosterdsaus (dieselbe Endmontage aus gesiedetem Stockfisch, gesalzener Butter und Senf, dort aber meist ohne den Laugen-Schritt).

Ein naher Zwilling steht im Ménagier de Paris: dort wird der Trockenfisch vor dem Wässern ebenfalls mit einem Holzschlegel geklopft, in Wasser eingeweicht, gesotten und mit Senf oder Butter serviert - dieselbe Zubereitungslogik und derselbe Abschluss aus Butter und Senf, nur dass dort lauwarmes Wasser statt einer scharfen Lauge zum Aufweichen dient.

Praxis. Die Quelle nennt keine Mengenverhältnisse für Asche, Kalk und Wasser, nur dass die Lauge "ordentlich scharf" sein soll - diese Unschärfe wird hier bewusst nicht durch eine erfundene Dosierung ersetzt. Die zweitägige Laugenbehandlung ist ätzend (Handschuhe, gute Belüftung) und gehört Tage vorher in die Vorbereitung zu Hause, nicht an den Marktstand. Wer den Laugen-Schritt nicht selbst nachvollziehen will, greift zu bereits vorgeweichtem Stockfisch oder Klippfisch und steigt direkt bei der Wasch- und Siedephase ein. Beim Sieden gilt: wirklich nur gemächlich köcheln, etwa eine gute Stunde - zu starkes Kochen lässt den laugenbehandelten Fisch sonst zerfallen oder macht ihn hart, beides ausdrücklich im Text benannt. Vor dem ersten Einweichen wird der Fisch außerdem kräftig geklopft, um die harten Fasern mechanisch vorzubrechen - bis heute reale Praxis bei der Stockfisch-Rehydrierung.

Wo bekomme ich Stockfisch?

Echter Stockfisch, luftgetrockneter Kabeljau ohne Salz, findet sich am ehesten bei Fischhändlern mit skandinavischem Sortiment, im Feinkosthandel oder online. Wer den aufwendigen Laugen-Schritt scheuen will, kann auch bereits vorgeweichten Stockfisch oder Klippfisch (gesalzen-getrocknet) kaufen und direkt bei der Wasch- und Siede-Phase einsteigen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, als Schaugericht. Die zweitägige Einweichung in Asche-Kalk-Lauge muss vorher zu Hause geschehen, da sie ätzend und zeitaufwendig ist. Am Markt selbst dauert das fertige Garen, Buttern und Garnieren mit Senf keine Stunde und eignet sich gut als sichtbare Vorführung.

Warum braucht der Stockfisch eine Kalklauge?

Getrockneter Stockfisch ist brettartig hart. Eine scharfe Lauge aus Holzasche und Kalk weicht das Fasergewebe chemisch auf und lässt den Fisch nach dem Wässern wieder eine fast fleischige, leicht gallertige Konsistenz annehmen. Dasselbe Grundprinzip liegt bis heute dem skandinavischen Lutefisk zugrunde.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Stockfisch zú machen, kompt vonn meinem gnedigen herren zú linido bischoff zú costentz gewest Erstlich nempt ain lechwasser vnnd ain eschen vnnd setzt ain kalckes an/ des zimlich resß seý/ vnnd waichent den stockfisch darein, last jn ain nacht vnnd ain tag waichen, darnach thiet dasselbig herab vnnd thiet von dem vorigen kalckes wider daran/ last es wider ain tag vnnd ain nacht waichen/ thiet jn darnach jn ain haffen vnnd wescht jn aúsß 2 oder .3. wasser, damit der stockfisch nit nach der laúg schmeck/ thiet jn darnach jn ain haffen vnnd thiet ain wasser daran vnnd lasst jn fein gemach sieden, das er nit jberlauff/ last jn nún gar gemach sieden, sonst win er hert, last jn vngefarlich ain gúte stúnd sieden/ darnach richt jn an vnnd saltzt jn vnnd giest ain gesaltzen púter dariber vnnd tragen fúr/ aúch thiet aússen vmber an .3. ortten gúten senff, man músß aúch den stockfisch woll blúen, ee man einwessert.
stockfisch

Luftgetrockneter, ungesalzener Kabeljau. Extrem hart, muss vor der Verwendung geklopft, in Lauge eingeweicht und lange gewässert werden.

kalckes

Eine scharfe Kalklauge zum Einweichen des steinharten Fisches. Zusammen mit der Asche-Lauge entspricht das dem Grundprinzip, das später beim skandinavischen Lutefisk bekannt wurde. Vorsicht: ätzend, mit Handschuhen arbeiten.

haffen

Topf, kein Mörser.

man musz auch den stockfisch woll bluen

Bläuen bedeutet hier, den getrockneten Fisch mit einem Holzschlegel kräftig zu klopfen, um die harten Fasern aufzubrechen, bevor er gewässert wird.

senff

Senf wird hier nicht untergerührt, sondern nur zur Garnitur an drei Stellen um den fertigen Fisch gesetzt.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 11 recto
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

den stockfischstockfish Q213725
ain wasserwater Q283
gúten senffmustard seed Q1937700

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartlinido

Gewählte Lesart: Unklarer Orts- oder Personenname im Titel, als unübersetzter Eigenname stehen gelassen, da keine gesicherte Lesart möglich ist.

Andere mögliche Lesarten:

  • Verschreibung für einen Ortsnamen wie Lindau am Bodensee, in der Nähe von Konstanz gelegen. - Geografische Nähe zu Konstanz macht eine Ortsangabe plausibel, ein direkter Beleg fehlt jedoch.
  • Eigenname des Bischofs selbst statt eines Ortes. - Die Satzstellung 'meinem gnedigen herren zu linido bischoff zu costentz' ließe auch eine Namensnennung vor dem Titel zu, ist aber ungewöhnlich für die sonstige Nennweise im Buch.

Lesartlechwasser

Gewählte Lesart: Wasser aus dem Fluss Lech, das über Ablässe/Kanäle nach Augsburg geleitet wurde - Fischer, Schwäbisches Wörterbuch Bd. 1, Sp. 39f. (s.v. 'Ablass') belegt 'Lechwasser' als etablierten Augsburger Infrastruktur-Begriff. Da Sabina Welserin in Augsburg schreibt, ist diese Lesart gut gestützt.

Andere mögliche Lesart:

  • Laugenwasser, gestützt durch die spätere Erwähnung 'nit nach der laug schmeck'. - Lautliche Nähe zu 'Lauge' im selben Text, doch 'lech' und 'laug' sind lexikalisch verschiedene Wörter; ein belegter Lautwandel zwischen beiden ist nicht bekannt.

Lesartjberlauff

Gewählte Lesart: überläuft, im Sinne von 'kocht über', passend zur Anweisung, den Fisch nur ganz sacht sieden zu lassen.

Andere mögliche Lesart:

  • verläuft im Sinne von zerfällt. - Denkbare Nebenbedeutung von 'über-laufen', doch der direkte Bezug zum Siede-Vorgang macht 'überkochen' deutlich wahrscheinlicher.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 11 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Die zweitägige Einweichung in Asche-Kalk-Lauge (Vorsicht, ätzend!) gehört Tage vorher in die Vorbereitung zu Hause, am Markt selbst wird der bereits eingeweichte Fisch nur noch sanft gegart, mit gesalzener Butter übergossen und mit Senf garniert. Diese Endmontage dauert unter einer Stunde und ist ein anschauliches Vorführ-Element.
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Stand dieser Fassung: 16.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.