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Zimttorte mit Mandeln und Kalbseuter

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

DessertNachspeiseLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit45 Min.Portionen8-10 StückBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm ein halbes Pfund Mandeln, mehr oder weniger, je nachdem wie groß die Torte werden soll, und stoße sie fein. Nimm dazu Butterschmalz und sieben Eier, davon nur das Eiweiß - das Eigelb entfällt. Vermische alles gut miteinander zu einem Teig.

Rühre danach ein Lot Zimt in einen Teil dieses Teigs. Der größere Teil des Teigs aber wird obenauf gestrichen. Besprenge die Torte mit Rosenwasser.

Auch soll man dazu ungefähr ein halbes Pfund Zucker nehmen und untermischen. Ein Kalbseuter, gekocht und fein gehackt, mit hineinzugeben ist ebenfalls gut.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain halb pfúnd mandel, mer oder minder, gestosen Mandeln, gestoßen 250 g - -
púterschmaltz Butterschmalz - - -
siben air, das weisß darúon Eier, nur das Eiweiß 7 - -
ain lot rerlen Zimt 15 g - -
rossenwasser Rosenwasser - Gewürzhandel, orientalischer Supermarkt -
ain 1/2 pfúnd zúcker Zucker 250 g - -
ain eitterlin vom kalb gesotten vnnd klaingehackt Kalbseuter, gekocht und fein gehackt, optional 1 Metzger (Vorbestellung empfehlenswert) Kann ganz weggelassen werden, macht die Torte nur etwas weniger reichhaltig.

Welches Gericht ist das? Eine mehlfreie, mit Eigelb gebundene Mandeltorte in zwei Schichten: ein kleinerer, mit Zimt vermengter Teil und der größere, klare Teil obenauf, mit Rosenwasser besprengt und optional mit gekochtem, fein gehacktem Kalbseuter angereichert. Ein Boden oder eine Kruste wird nirgends erwähnt - die Mandelmasse trägt die Torte selbst, anders als beim Grundrezept für Tortenteig des Buchs (saw-070), auf das die meisten übrigen Torten zurückgreifen. Entfernte lebende Verwandte sind heutige mehlfreie Mandeltorten wie die italienische torta di mandorle und die Zimt-Mandel-Zucker-Ei-Grundformel späterer Linzer-Torten-Füllungen, wobei hier die typische Gitterkruste fehlt.

Ob sich "der merer tail" (der größere Teil) auf den Teig oder auf den zuvor genannten Zimt bezieht, lässt der Satzbau offen. Wir lesen es als den Teig: der größere, ungewürzte Teil wird obenauf gestrichen, nur ein kleinerer Teil mit Zimt vermengt - so auch in der Übersetzung übernommen. Die Lesart, dass sich der größere Teil auf den Zimt bezieht, ist grammatisch ebenso vertretbar.

Praxis. Mandeln fein stoßen, mit Butterschmalz und dem Eiweiß von sieben Eiern zu einer mehlfreien, marzipanartigen Masse verrühren - das Eiweiß liefert hier Bindung und Struktur ohne Mehl. Ein Lot Zimt (etwa 15 g) in einen kleineren Teil der Masse rühren, den größeren, ungewürzten Teil obenauf streichen und mit Rosenwasser besprengen. Etwa 250 g Zucker unter die Gesamtmasse mischen. Wer mag, gibt vorgekochtes, fein gehacktes Kalbseuter dazu - im Original ausdrücklich als "auch gut", also optional gekennzeichnet, und durch das Vorkochen unbedenklich zu verarbeiten.

Einen Back- oder Garschritt nennt der Text an keiner Stelle - anders als fast alle übrigen Torten desselben Buchs, die ausdrücklich "bachen" anweisen. Naheliegend ist die bei baugleichen Geschwistertorten belegte Methode: in gedeckter Pfanne mit Glut oben und unten backen, bis die Masse gestockt und die Oberfläche leicht gebräunt ist. Das ist aus dem Buch selbst erschlossen, nicht am Rezept belegt - ob und wie hier gebacken wurde, bleibt offen.

Wo bekomme ich ein Kalbseuter?

Kalbseuter ist heute nur noch selten im Handel und muss meist beim Metzger vorbestellt werden, oft im Rahmen einer Innereien- oder Nose-to-Tail-Bestellung. Wer darauf verzichten möchte: die Torte gelingt auch ohne, sie wird dann nur etwas weniger reichhaltig - die Zutat ist im Original ausdrücklich als 'auch gut', also optional, gekennzeichnet.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt machbar. Der Text selbst nennt keinen Backschritt, aber baugleiche Torten desselben Buchs werden period-typisch in einer gedeckten Pfanne mit Glut oben und unten gebacken - das lässt sich mit einem Dutch Oven oder Feuertopf und etwas Erfahrung im Glutmanagement auf dem Markt nachstellen. Für ein glattes Gelingen braucht es aber Übung: die Eigelb-Mandel-Masse ist empfindlich, eine gesicherte Backdauer nennt das Rezept nicht, und ein Boden oder eine Kruste wird im Text nicht erwähnt.

Was bedeutet 'Lot' im Rezept?

Ein Lot war eine im süddeutschen Raum gebräuchliche Gewichtseinheit von etwa 15 bis 16 Gramm, hier für die Zimtmenge verwendet.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Ain rerlentorten Nim ain halb pfúnd mandel, mer oder minder, gestosen, darnach man sý will grosß machen, nim púterschmaltz, siben air, das weisß darúon, solchs dúrchainandergemischt, nachmals ain lot rerlen darúnder, doch der merer tail daraúfgestret vnnd die torten mit rossenwasser besprengt, aúch soll man darzú nemen vngeferlich ain 1/2 pfúnd zúcker, daranthon/ jst aúch gút/ nemlich ain eitterlin vom kalb gesotten vnnd klaingehackt.
rerlen

Bezeichnet hier Zimt, genauer die gerollten Zimtstangen ('Zimmet-Röhrlein'), aus denen sich die Bezeichnung ableitet. An anderen Stellen desselben Kochbuchs erscheint das Wort ausgeschrieben als 'zimerrerlach' oder 'zimetrerlach', was die Lesart als Zimt bestätigt.

eitterlin

Ein kleines Kalbseuter, also Drüsengewebe vom Euter des Kalbs. Diese Zutat galt im 16. Jahrhundert als Delikatesse und wurde gern zur Anreicherung von Tortenfüllungen verwendet.

rossenwasser

Rosenwasser, ein aus Rosenblüten destilliertes Duftwasser, häufig zur Aromatisierung süßer Speisen verwendet.

lot

Ein Lot ist eine historische Gewichtseinheit von etwa 15 bis 16 Gramm.

tail

Reguläre Schreibung von 'teil' nach dem ai=ei-Muster dieses Buchs (vgl. 'ain'=ein, 'klain'=klein), nicht 'Teig'. 'Der merer tail' ist die feste Wendung für 'der größte Teil/die Mehrheit', bei Birlinger (Augsburgisch, die für dieses Buch zuständige dialektale Autorität) als 'merer teil' belegt und zusätzlich 69x im ReF-Korpus unter Lemma mehrer/viel nachweisbar. Ob sich 'der merer tail' auf den Teig oder auf den zuvor genannten Zimt bezieht, bleibt offen (siehe interpretive_choices).

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 33 recto
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain lot rerlencinnamon Q28165
rossenwasserrose water Q900450
ain 1/2 pfúnd zúckerunrefined cane sugar Q57656231

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartdas weisß darúon

Gewählte Lesart: Sieben Eier, davon nur das Eiweiß verwendet wird - das Eigelb entfällt. Dies ist die im ganzen Buch korpusweit belegte Formel: 'das weisß von/darvon' bei Eiern heißt bei Sabina Welserin durchgängig, dass das Eiweiß die Arbeitszutat ist (vgl. das fast baugleiche saw-138 sowie saw-108, saw-150, saw-154, saw-161). Eigelb wird im Buch dagegen immer explizit als 'dotter'/'totter'/'airdotter' bezeichnet, nie als 'weisß'.

Andere mögliche Lesart:

  • Nur das Eigelb der Eier verwenden, das Eiweiß weglassen. - Wörtlich isoliert gelesen könnte 'das weisß darúon' auch das beiseitegelassene Objekt bezeichnen. Diese Lesart widerspricht aber der sonst im Buch ausnahmslos gegenteiligen Verwendung der Formel und ist daher unwahrscheinlich.

Lesarttail

Gewählte Lesart: Wir lesen 'tail' als reguläre Schreibung von 'teil' (ai=ei-Muster dieses Buchs, vgl. 'ain'=ein, 'klain'=klein), nicht als eigenständiges Wort für 'Teig'. 'Der merer tail' ist die feste Wendung für 'der größte Teil/die Mehrheit', belegt bei Birlinger (Augsburgisch) und 69x im ReF-Korpus. Bezogen auf den zuvor angerührten Teig bedeutet das: der größere Teil des Teigs wird obenauf gestrichen, nur ein kleinerer Teil mit dem Zimt vermengt.

Andere mögliche Lesart:

  • Der größere Teil (die Mehrheit) bezieht sich grammatisch auf den zuvor genannten Zimt statt auf den Teig: der größte Teil des Zimts wird obenauf gestreut. - Der Satzbau lässt beide Bezüge offen - 'der merer tail' kann sich ebenso auf 'ain lot rerlen' wie auf den Teig beziehen; das Verb 'daraúfgestret' (obenauf gestreut/gestrichen) passt zu beidem.

Lesartfehlender Backschritt

Gewählte Lesart: Der Text bricht ohne ausdrücklichen Back- oder Garschritt ab. Für die Praxis übernehmen wir die bei fast baugleichen Geschwistertorten desselben Buchs belegte Methode: in gedeckter Pfanne mit Glut oben und unten backen (saw-135: 'thú glút darúnder vnnd darjber, bach sý braún'; saw-178: 'die deckin aúff die pfannen vnd glút darob... mer glút darob weder darúnder'), bis die Eigelb-Mandel-Masse gestockt und die Oberfläche leicht gebräunt ist.

Andere mögliche Lesart:

  • Der fehlende Backschritt ist keine Erfindung, sondern eine echte Überlieferungslücke oder eine bewusste Auslassung als selbstverständlich Vorausgesetztes - der Text selbst legt nicht fest, ob und wie gebacken wird. - saw-132 nennt an keiner Stelle 'bachen'/'bachs', anders als fast alle übrigen Torten-Rezepte desselben Buchs. Die Geschwister-Methode ist plausibel und period-typisch, aber nicht direkt am Rezept selbst belegt.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 33 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt machbar: Mandeln stoßen und die Eiweiß-Butterschmalz-Masse mit Zimt verrühren geht am Feuer problemlos. Der Text nennt aber keinen Backschritt - baugleiche Geschwistertorten desselben Buchs (saw-135, saw-178) backen in gedeckter Pfanne mit Glut oben und unten, was mit Dutch Oven/Feuertopf und Erfahrung im Glutmanagement period-typisch nachvollziehbar ist. Für ein robustes 'ja' fehlt ein garantierter Boden/eine Kruste sowie eine gesicherte Backdauer für die empfindliche Eigelb-Mandel-Masse; die optionale Kalbseuter-Zutat ist zudem eine teure Sonderbestellung.
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Stand dieser Fassung: 28.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.