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Eiertorte mit Rosenwasser

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit75 Min.Portionen8-10 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm 20 Eier und so viel Milch, wie die Eier an Menge ausmachen, und schlage beides gut miteinander. Lass die Mischung zusammen aufwallen wie eine Eiermilch. Rühre dann Zucker darunter. Forme daraus ein kleines Bödlein und streiche es glatt.

Gib obendrauf Rosenwasser dazu und lege alles in die Tortenpfanne. Lege Glut darunter und darüber und backe die Torte, bis sie braun ist.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
20 or Eier 20 - -
soúil milch als die air Milch, so viel wie die Eier - - -
zúcker Zucker - - -
rossenwasser Rosenwasser - Gewürzhandel, Online-Gewürzhandel -

Welches Gericht ist das? Eine auf dem Feuer vorgekochte Ei-Milch-Masse aus zwanzig Eiern und der gleichen Menge Milch, mit Zucker gesüßt, zu einem flachen "Bödlein" geformt, mit Rosenwasser aromatisiert und in der Tortenpfanne fertig gebacken. Im Kern ein gebackener Eier-Custard - die nächsten lebenden Verwandten sind die englische Custard Tart und der französische Flan pâtissier; statt der später üblichen Vanille (1553 in Europa noch nicht verfügbar) sorgt hier Rosenwasser für das Aroma.

Das Bödlein - Boden oder Masse selbst? Im übrigen Buch (saw-022, saw-089, saw-093, saw-129) meint "bedellin" durchgängig einen eigenständigen, flachen Tortenboden, auf den erst eine Füllung kommt. In diesem Rezept fehlt aber jede Teig- oder Bodenzutat - die einzige geformte Masse ist die dickgekochte Ei-Milch-Zucker-Mischung selbst. Sie übernimmt hier also zugleich die Rolle von Boden und Füllung.

Praxis. Eier und Milch im Verhältnis 1:1 kräftig miteinander verquirlen ("klopfs woll vnnderainander") - das homogenisiert die Masse und verhindert Klümpchen beim Erhitzen. Beides gemeinsam unter Rühren aufsieden lassen, bis es wie eine dicke Eiermilch andickt; erst danach den Zucker einrühren, er löst sich in der bereits warmen Masse leichter. Die angedickte Masse zu einem flachen Bödlein formen, glattstreichen, mit Rosenwasser beträufeln und in eine flache, mit Deckel versehene Form (Tortenpfanne bzw. Dutch Oven) geben. Mit Glut unter und über der Form backen, bis die Oberfläche braun ist - das Vorkochen macht die rohe Ei-Milch-Masse überhaupt erst formbar, das Nachbacken bräunt nur noch die Oberfläche, während das Innere bereits durchgegart ist. Der Text nennt keine Hitzesteuerung für das Aufsieden; bei zu starker oder ungleichmäßiger Hitze über offener Flamme neigt eine Ei-Milch-Mischung eher zum stückigen Ausflocken statt zum glatten Andicken - stetiges Rühren bei mäßiger Hitze hilft hier, auch wenn der Text das nicht ausdrücklich verlangt. Für zwanzig Eier plus entsprechende Milchmenge braucht es eine großzügig bemessene Tortenpfanne.

Wo bekomme ich Rosenwasser?

Rosenwasser findet man im Gewürzhandel, in orientalischen Supermärkten oder im Online-Gewürzhandel. Es ist deutlich milder als Rosenöl und wird tröpfchenweise eingesetzt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, gut geeignet. Mit einem Dutch Oven und Glut ober- und unterhalb lässt sich die historische Tortenpfanne fast originalgetreu nachbilden, Eier und Milch brauchen dabei keine Kühlung.

Was ist eine 'Tortenpfanne' und wie backt man ohne Ofen?

Die Tortenpfanne war eine flache Backform mit Deckel, die man direkt in die Glut stellte und zusätzlich mit Glut auf dem Deckel bedeckte - so entstand eine gleichmäßige Hitze von oben und unten, ganz ohne Backofen. Ein moderner Dutch Oven mit Kohlen unter dem Topf und auf dem Deckel funktioniert nach demselben Prinzip.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Ain ortorten Nim 20 or vnnd soúil milch als die air vnnd klopfs woll vnnderainander, lasß vnnderainander sieden wie ain ormilch, rier dan zúcker darúnder, mach ain bedellin, streichs glat, daraúff thú ain rossenwasser daran vnnd thús jn die tortenpfanen, thú glút darúnder vnnd darjber, bach sý braún.
or

Schwäbische Kurzform für 'Eier' - im selben Satz steht auch die Vollform 'air'; dieselbe Kurzform 'or' erscheint zudem in saw-104 und saw-137a im gleichen Ei-Milch-Kontext.

ormilch

Eine 'Eiermilch': eine warme, cremige Ei-Milch-Mischung, ein Vorläufer heutiger Cremespeisen wie Pudding. Im übrigen Buch nicht belegt (Hapax legomenon).

bedellin

Ein kleines 'Bödlein', Diminutiv von 'Boden'. In anderen Buch-Rezepten (saw-022, saw-089, saw-093, saw-129) bezeichnet es einen eigenständigen Tortenboden, auf den eine Füllung kommt; in diesem Rezept fehlt eine separate Teigzutat, daher wird die dickgekochte Ei-Milch-Zucker-Masse selbst zu diesem Bödlein geformt.

tortenpfanen

Tortenpfanne: eine flache, meist mit Deckel versehene Backform, die man mit Glut von oben und unten umgibt, das mittelalterliche Äquivalent zum heutigen Dutch Oven.

klopfs

'Klopf es' - schlage Eier und Milch kräftig durcheinander. Die Wendung 'klopfs woll vnnderainander' findet sich fast wortgleich bei Birlinger ('so vil, klopfs vnder einander') und bestätigt die verbale Lesart.

rossenwasser

Rosenwasser, ein aus destillierten Rosenblüten gewonnenes Aromawasser, in der gehobenen Küche des 16. Jahrhunderts verbreitet.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 33 verso
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

zúckerunrefined cane sugar Q57656231
rossenwasserrose water Q900450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartor

Gewählte Lesart: Eier (schwäbische Kurzform), gestützt durch die im selben Satz stehende Vollform 'air'.

Andere mögliche Lesart:

  • Eigenständige Zutat oder Maßangabe 'Or' - Ohne den Parallelbeleg 'air' im selben Satz wäre 'or' als unbekanntes Wort lesbar. Die Kurzform ist aber auch in saw-104 und saw-137a im selben Ei-Milch-Kontext belegt, was die Eier-Lesart zusätzlich stützt.

Lesartormilch

Gewählte Lesart: Eiermilch, eine warme, cremige Ei-Milch-Mischung ähnlich einem frühen Custard.

Andere mögliche Lesart:

  • Bloße warme Milch ohne Ei-Bezug - Denkbar, falls das Präfix 'or-' hier nicht auf Eier zurückgeht - unwahrscheinlich, da die Eier im Satz unmittelbar davor zentral stehen. 'Ormilch' selbst ist im Buch ein Hapax legomenon, es gibt keinen zweiten Beleg zur Gegenprüfung.

Lesartbedellin

Gewählte Lesart: Diminutiv von 'Boden'. Im übrigen Buch (saw-022, saw-089, saw-093, saw-129) bezeichnet 'bedellin' durchgängig einen eigenständigen Tortenboden, auf den eine Füllung gegeben wird. In saw-135 fehlt jede Teig- oder Bodenzutat - die einzige geformte Masse ist die dickgekochte Ei-Milch-Zucker-Mischung selbst, die hier also zugleich Boden und Füllung bildet.

Andere mögliche Lesart:

  • Getrennter Teigboden, auf den die Ei-Milch-Masse als Füllung gegossen wird (wie in den Buch-Parallelen) - Der Text nennt aber keine Teig-Zutat und keinen separaten Formschritt für einen Boden - die einzige geformte Masse im Rezept ist die Ei-Milch-Zucker-Mischung selbst, die glattgestrichen wird.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 33 verso, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Mit einem Dutch Oven und Glut oben wie unten (genau das historische Prinzip der Tortenpfanne) am Feuer gut nachstellbar, insgesamt etwa 60-90 Minuten inklusive Aufkochen der Ei-Milch-Masse und Backzeit. Eier und Milch brauchen keine Kühlung, solange frisch verarbeitet wird.
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Stand dieser Fassung: 27.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.