Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490 · Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn · 1487
Willst du blauen Wein oder blaues Wasser in schönen Gläsern haben, so kannst du ihn mit Kornblumensaft vermischen - oder mit einer klaren Milch.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| blaw win oder waser | Wein | - | - | Wasser (statt Wein, laut Original alternativ verwendbar) |
| korn bluomenn saft | Kornblumensaft | - | Gewürzhandel, Online-Gewürzhandel, oder selbst aus Kornblumenblüten ausgekocht | Klare Milch (laut Original als Alternative genannt, ohne dass der Zweck ausdrücklich benannt wird) |
Welches Gericht ist das? Kein Kochrezept, sondern ein Tafeltrick: Wein oder Wasser wird mit Kornblumensaft (oder mit klarer Milch) in schönen Gläsern eingefärbt, um bei der Festtafel für einen optischen Überraschungseffekt zu sorgen. Kein Feuer, kein Gerät, keine Kühlung nötig - reines Anrühren einer Flüssigkeit.
Die Kornblumen-Anthocyane sind pH-empfindlich: In saurem Wein kann der Ton eher ins Violette oder Rosa kippen, statt kräftig blau zu bleiben. Der Text sagt dazu nichts - das ist eine Beobachtung zur Chemie, keine Korrektur am Original.
Die klare Milch wird im Text als zweite, parallele Zutat genannt, aber ohne genannten Zweck. Sie würde die Flüssigkeit eher trüben als blau färben - vermutlich ein eigener, schlichterer Effekt als der Kornblumensaft, nicht dessen Ersatz zum selben Zweck.
Praxis. Getrocknete Kornblumenblüten kurz in wenig warmem Wasser ziehen lassen oder kurz aufkochen, den blauen Auszug abseihen und tropfenweise in Weißwein oder Wasser rühren, bis die gewünschte Farbe erreicht ist. In schönen, möglichst hellen Gläsern servieren - der Farbeffekt ist der ganze Witz des Tricks.
Kornblumensaft ist ein Auszug aus den Blütenblättern der Kornblume (Centaurea cyanus), der einen kräftigen blauen Farbstoff abgibt. Getrocknete Kornblumenblüten gibt es im Gewürzhandel oder online, den Saft kann man selbst durch kurzes Aufgießen oder Auskochen der Blüten in etwas Wasser herstellen.
Als eigenständiges Kochrezept eher nicht - es braucht kein Feuer und keine Zubereitung im engeren Sinn. Als kleines Schaugericht auf einer Festtafel ist der Farbtrick mit Wein oder Wasser in schönen Gläsern aber gut geeignet, ganz ähnlich dem modernen Tischtrick 'Weißwein verwandeln'.
Wörtlich 'von Obst lang zu behalten'. Laut der Manuskript-Auszeichnung (TEI) ist dieser Satzteil aber die Kapitelüberschrift des nächsten Abschnitts über Obst-Haltbarmachung (§ xxxviij) und keine Fortsetzung dieses Weinfärbe-Rezepts - er wurde vermutlich bei der Transkription unkommentiert mit angehängt. Die Parallelhandschrift kennt diesen Satzteil entsprechend auch nicht.
Dieses Rezept stammt aus dem Solothurner Küchenmeisterei (um 1487). CoReMA-Handschrift So1: 152 Rezepte der Solothurner Abschrift der "Küchenmeisterei" - dem ersten gedruckten deutschen Kochbuch (Peter Schöffer, Mainz, um 1485) und damit einer ganz anderen Texttradition als die bisherigen höfischen Rezeptsammlungen im Korpus. Systematisch in fünf nummerierte Teile gegliedert statt loser Rezeptfolge: u.a. Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig- und Kräuterwein-Herstellung, ein Diätetik-Kapitel zur Magen-Komplexion. Enthält einen Brombeer-Honigwein (§133) und mehrere Kräuterwein-Rezepturen als medizinische Stärkungsmittel sowie eine volkstümliche Gift-Probe mit einem eingekreisten Wurm (Spinne/Eidechse/Schlange, §134).
blau, die angestrebte Farbe des Getränks.
Saft aus den Blüten der Kornblume, ein natürlicher blauer Pflanzenfarbstoff (Anthocyane).
klare, reine Milch (mhd. lûter = klar, rein, attributives Adjektiv - nicht zu verwechseln mit dem Verb liutern = reinigen/klären).
Obst (Schreibvariante zu 'obs'). Der Satzteil, in dem dieses Wort steht ('Von opps lang zu behalten'), ist laut TEI-Auszeichnung des Manuskripts die Kapitelüberschrift des nächsten Abschnitts (Obst-Haltbarmachung, § xxxviij) und gehört nicht zum Fließtext dieses Weinfärbe-Rezepts.
in sauberen/schönen Gläsern - hier geht es um die Präsentation des gefärbten Getränks.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| blaw win oder waser | wine Q282 |
| korn bluomenn saft | cornflower juice Q107262382 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Von opps lang zu behalten
Gewählte Lesart: Laut TEI-Auszeichnung des Manuskripts ist dieser Satzteil als Seiten-/Kapitelüberschrift (fw type="header") ausgezeichnet, nicht als Fließtext dieses Rezepts. Er gehört zur zwei Segmente später folgenden Rubrik über Obst-Haltbarmachung (§ xxxviij, die dort mit "Hier nach volget wie man obs lang behept" beginnt) und wurde in der Transkription offenbar unkommentiert an den Fließtext dieses Weinfärbe-Rezepts angehängt.
Andere mögliche Lesart:
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.
Stand dieser Fassung: 15.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.