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Weinfässer reinigen und pichen

Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol] · Südwestdeutschland · 1500

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10
PortionenErgibt Vorbereitung für 1 WeinfassBuchWeinbuch im Codex Donaueschingen (~1500)

Die Waschflüssigkeit für die Fässer soll aus frischem Walnusslaub oder Pfirsichlaub, frischem Trester von der Kelter und guten Kräutern angesetzt werden. Wasche die Fässer damit auch von außen ab, damit sie nicht in Gestank geraten.

Sind die Fässer trocken geworden, nimm Weihrauch und beräuchere sie innen gut damit.

Wisse auch: Die Würzburger und andere Leute behandeln ihre Fässer mit einem Mittel gegen Gestank, gegen Fäulnis, gegen Schimmel und gegen andere üble Gerüche, und sie pichen die Fässer, denn durch das Pech wird der schlechte Geruch des Fasses vertrieben.

Dabei geschieht es aber, dass derselbe Wein das Pech größtenteils in sich aufnimmt, und deshalb bekommen die Leute mancherlei Krankheiten davon. Es macht das Hirn rasend und bereitet den Augen Schmerzen.

Wisse auch: Der bereits ausgegorene Wein kann sich nicht lange halten, wenn man ihn in ein ungepichtes Fass legt. Deshalb machen die meisten Leute ihre Fässer mit Pech.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
frischem nuß laup oder pfirsich laup Walnussblätter - - Pfirsichblätter
frischen drabern abe der drotten Frischer Traubentrester - Winzer, Weinkellerei -
guten kruttern Kräuter - - -
wyrauch Weihrauch - Gewürzhandel, Kirchenbedarf -
beche Pech - Böttcherbedarf, Baumarkt -

Was leistet dieses Kapitel? Eine zweiteilige Handwerksanleitung zur Fassvorbereitung/-pflege - kein Prüfverfahren und kein Speiserezept. Erst eine Reinigungsanweisung: Waschsud aus frischem Walnuss- oder Pfirsichlaub, frischem Trester von der Kelter und Kräutern ansetzen, Fass innen und außen damit waschen, trocknen lassen, innen mit Weihrauch ausräuchern. Dann ein erklärender Abschnitt zum Pichen als verbreiteter Winzerpraxis gegen Gestank, Fäulnis und Schimmel - mit offen benanntem Nachteil und der Begründung, warum trotzdem gepicht wurde.

Warum Waschen vor Trocknen vor Räuchern steht. Der Ablauf ist handwerklich stimmig: Die Trocknung vor dem Pichen ist sachlich notwendig, weil heißes Pech auf feuchtem Holz nicht haftet. Der Kräuter-/Laubsud gegen Fassgeruch wird im Text nur behauptet, nicht begründet - keine Mengen-, Zeit- oder Temperaturangaben, was aber dem knappen Charakter des Originals entspricht, keine Verwaschung der Vorlage.

Die Pech-Abwägung. Der Text benennt selbst den Zielkonflikt: Pichen vertreibt den schlechten Fassgeruch und macht ausgegorenen Wein haltbar - ein ungepichtes Fass hält ihn nicht lange. Gleichzeitig nimmt der Wein das Pech größtenteils auf, was laut Text "das Hirn rasend" macht und den Augen Schmerzen bereitet. Diese Beobachtung hat einen realen Kern: je nach Gewinnungsverfahren kann erhitztes Nadelholzpech phenolische Verbindungen und gegebenenfalls polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe freisetzen, die in Wein-Kontaktflächen übergehen können - ein Sicherheitsaspekt, der bereits im Text selbst als Krankheitsrisiko benannt ist und hier nicht relativiert wird. Zusätzlich ist der Umgang mit geschmolzenem Pech für die ausführende Person eine reale Verbrennungs- und Brandgefahr.

Vergleich mit Hirnkofen 1478. Hirnkofens "Von Bewahrung und Bereitung der Wein" (Esslingen 1478) beschreibt in Abschnitt 23.2 dieselbe Dreischritt-Sequenz - waschen, trocknen, ausräuchern - für Gärgefäße bei der Traubenlese. Unterschiede: Hirnkofen wäscht mit Salzwasser statt mit dem Laub-/Trester-Sud dieses Textes, räuchert mit Weihrauch UND Myrrhe statt nur mit Weihrauch, und behandelt Gärbottiche zur Lese statt Lagerfässer. Für den Pech-Warnhinweis selbst findet sich bei Hirnkofen an dieser Stelle keine Entsprechung - dort geht es um Verderbniszeichen am fertigen Wein, nicht um pechbedingte Erkrankung.

Praxis. Der Text leitet konkret nur den Reinigungs- und Räucherungsteil an: Sud ansetzen, Fass innen und außen waschen, trocknen lassen, innen mit Weihrauch ausräuchern. Das Pichen selbst (Erhitzen und Auftragen von Pech) wird als Verfahren nur erwähnt und begründet, nicht als Arbeitsschritt beschrieben. Für die Lagerküche kein Kochrezept; der Wasch-/Räucherungsteil ließe sich getrennt vom Kochstand als Küfer-Handwerksdemo vorführen - das Pichen selbst scheidet dort wegen der Brandgefahr durch geschmolzenes Pech aus.

Wo bekomme ich Pech zum Pichen von Fässern?

Naturpech (Baumharzpech oder Fasspech) gibt es im Böttcher- und Küferbedarf sowie im gut sortierten Baumarkt. Für eine reine Schau-Vorführung reicht auch handelsübliches Kolophonium oder Nadelharzpech, das erhitzt und ausgestrichen wird.

Was meint der Text, wenn er vor dem Pichen der Fässer warnt?

Der Verfasser beschreibt, dass der Wein das Pech aus der Fassinnenwand größtenteils aufnimmt und dadurch angeblich Kopf- und Augenbeschwerden verursachen kann. Gleichzeitig hält er fest, dass Wein in ungepichten Fässern nicht lange haltbar bleibt, weshalb die meisten Winzer trotz dieser Bedenken zum Pech griffen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Weinbuch im Codex Donaueschingen (um 1500 - nach Ankenbrand zwischen 1484 und 1509, Südwestdeutschland). 118 durchnummerierte Kapitel zur Kellermeisterei: Traubenlese, Treten, Fassbereitung, Gärung, Verderbniszeichen, Wiederherstellung verdorbenen Weins, Abziehen, Farbe und Geschmack ändern, Essigherstellung, Bierbewahrung. Nach Ankenbrand Teile aus Gottfried von Frankens Pelzbuch mit zahlreichen Erweiterungen; die Zusätze gelten als wertvolle Ergänzungen zur Kenntnis der spätmittelalterlichen südwestdeutschen Kellermeisterei. Systematischer Parallelbestand zu Hirnkofen 1478.

3. Wie man die faß bereiten sol. Der bon sol sin von frischem nuß laup oder pfirsich laup vnd frischen drabern abe der drotten vnd von guten kruttern, vnd solt sie auch vßwendig weschen, daz sie vt stincken werden. Vnd wann din vaße drucken sint worden, so nym wyrauch vnd bereiche sie wol jnwendig. Du solt auch wissen, daz die wirtzburger vnd auch ander lute yren vaßen ein artzenie dunt vor daz stincken vnd vor daz fulen vnd vor daz schymmeln oder vor die andern bösen gesmag vnd bichent die vaß, wann von dem beche wirt der bose gesmacke des vaßes hingeleit. Dann geschicht, daz derselbe wine daz meiste teil bichet, vnd darumbe geschicht den luten manigerhande suchte. Er machet daz hirne tobende vnd wetage den augen. Du solt auch wissen, daz der vorgernte wine nit lange geweren mag, man lege in dann in ein vngebichet vaß, vnd darumbe machent sie allermeiste ir vaß mit beche.
vaß

Fass, das hölzerne Weinlagergefäß, um das sich die ganze Anleitung dreht.

drotten

Die Trotte, also die Weinpresse oder Kelter.

bichent / beche

'Bichen' heißt pichen, also das Fassinnere mit Pech (Baumharz-Pech) abdichten und geruchsdicht machen.

wirtzburger

Bewohner von Würzburg, im Mittelalter ein bedeutendes fränkisches Weinbau- und Handelszentrum.

wyrauch

Weihrauch, hier zum Ausräuchern des trockenen Fassinneren verwendet, nicht als Räucherwerk für den Wein selbst.

Handschrift
Hie vahet an alle artzenie von dem wine, wie man yme helffen sol, vnd wie man alle gebresten an dem win [bessern sol]
Folio
Fol. 182r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (südrheinfränkisch, um 1500)
Entstehung
Südwestdeutschland, 1500

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

guten krutternherb Q207123

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartbon

Gewählte Lesart: Als 'Waschflüssigkeit' bzw. Sud gelesen, mit dem die Fässer innen und außen behandelt werden - ergibt sich aus dem direkten Folgesatz 'solt sie auch vßwendig weschen'.

Andere mögliche Lesart:

  • Könnte auch ein Bad/Einweichgefäß meinen, in dem die Fässer eingelegt werden. - Lautlich naheliegende Lesart zu 'Bad', würde aber am Kontext der anschließenden Reinigungsanweisung wenig ändern. Weder für die Haupt- noch für die Alternativlesart findet sich ein Wörterbuchbeleg (Lexer/Benecke/Idiotikon/Diefenbach/Fischer/Grimm/Schmeller/Stratmann/Godefroy/Gebauer, sowie DWB-Direktcheck) - beide bleiben Kontext-Inferenzen.

Lesartvorgernte

Gewählte Lesart: Zwei gleichrangige Lesarten ohne klaren Vorrang: (1) 'bereits vollständig ausgegorener Wein' (Bezug auf den Gärvorgang, so in text_modern übersetzt) oder (2) 'vorjähriger, gealterter Wein' (zeitlich, Bezug auf die Ernte des Vorjahrs).

Andere mögliche Lesart:

  • Lesart (2) 'vorjähriger, gealterter Wein' hat im Korpus eher lexikalischen Rückhalt als Lesart (1): Das Gärungs-Vokabular ist im Korpus konsequent mit j-Anlaut belegt ('jesen', 'jern' - z. B. Lexer 'jern drie tac und drie naht' für gärenden Met), während 'geren/gernte' als eigenständiges Lemma für 'begehren/wollen' bezeugt ist, nicht für 'gären'. - Beide Lesarten passen zum Sinn des Satzes - ein Wein, der sich ohne Pichen nicht lange hält, ob 'ausgegoren' oder 'vorjährig' gemeint. Die Übersetzung folgt Lesart (1), ohne dass diese lexikalisch klar überlegen ist.

Lesartvt (in 'daz sie vt stincken werden')

Gewählte Lesart: Als Negation gelesen und mit 'nicht' übersetzt ('damit sie nicht in Gestank geraten') - ergibt inhaltlich Sinn im Kontext der Reinigungsanweisung.

Andere mögliche Lesart:

  • Offene Frage statt gesicherte Lesart: Derselbe Text verwendet an anderer Stelle im selben Rezept die Form 'nit' für dieselbe Negation ('der ... wine nit lange geweren mag'). Die Formabweichung 'vt' vs. 'nit' im selben Text ist ungeklärt. - Die Negationslesart ist die einzige, die inhaltlich Sinn ergibt, und wird deshalb beibehalten - die interne Inkonsistenz der Wortform bleibt aber dokumentiert statt stillschweigend aufgelöst.

Originalwerk (~1500) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 182r, Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Donaueschingen 787 ("Weinbuch im Codex Donaueschingen", wbd, südrheinfränkisch, um 1500) - Public Domain Mark 1.0
Transkription
Uni Giessen (Gloning) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
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Stand dieser Fassung: 03.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.