Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5. Aug. 4° · Entstehungsort unbekannt · 1543
Bereite den Tortenboden wie zuvor beschrieben vor. Bestreue ihn dann mit kleinen Rosinen, sodass der bloße Boden gut und gleichmäßig bedeckt ist.
Danach bestreue die Rosinen mit gestoßenen Zimtstangen und Zucker. Lege anschließend einen dünnen Teigboden darüber und schneide ihn gut ein. Wenn die Torte halb gebacken ist, gieße ein wenig Malvasier oder Rainfal darauf und bestreiche sie mit dem Eigelb. Lass die Torte dann fertig backen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| den boden wie vorsteet | Tortenboden (Mürbeteig) | - | Supermarkt | - |
| klainen weinberlen | kleine Rosinen | - | Supermarkt | - |
| Rorlen | Zimtstangen, gestoßen | - | Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| zucker | Zucker | - | - | - |
| ein dinns bodelin | dünner Teigboden | - | Supermarkt | - |
| malfasier | Malvasier (Süßwein) | - | gut sortierter Weinhändler | anderer Süßwein |
| Rainfal | Rainfal (Süßwein) | - | gut sortierter Weinhändler | anderer Süßwein |
| dem gelben vom Ay | Eigelb | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Eine gedeckte Rosinen-Zimt-Torte: ein Mürbeteigboden wird mit Rosinen bestreut, mit Zimt und Zucker bestreut, mit einem dünnen, eingeschnittenen Teigdeckel bedeckt und in zwei Etappen gebacken. Die nächsten lebenden Verwandten sind gedeckte Rosinenkuchen mit Zimt-Zucker-Füllung in der deutschsprachigen Hausbackkultur sowie die angelsächsische raisin pie (in Pennsylvania auch als funeral pie bekannt) - ein Doppelboden-Kuchen mit reiner Rosinenfüllung.
Die Zimtstangen. ‚Rorlen‘ bezeichnet die Handelsform des Zimts, die Stange. Verarbeitet werden sie gestoßen. Das gilt für Zimtstangen generell, sobald sie nicht in einem Getränk ausziehen sollen, und hier zusätzlich aus der Anweisung selbst: ganze Stangen lassen sich nicht bestreuen (‚besäen‘).
Der Deckteig. Über die Fruchtschicht kommt ein zweiter, dünner Teigboden (‚bodelin‘), der vor dem Backen eingeschnitten wird - vermutlich zur Dampfableitung. Der Text nennt den Zweck des Einschneidens nicht, deshalb bleibt das hier offen.
Praxis. Rosinen gleichmäßig auf dem blanken, ungebackenen Boden verteilen, mit zerstoßenem Zimt und Zucker bestreuen, mit einem dünnen Teigdeckel abdecken und diesen mehrfach einschneiden. Nach etwa der Hälfte der Backzeit die Torte aus dem Ofen nehmen, mit etwas Malvasier oder Rainfal beträufeln, mit Eigelb bestreichen und fertigbacken. Diese zweistufige Süßwein-Eigelb-Glasur taucht im Buch mehrfach bei Torten auf. Im Lager braucht das einen Dutch Oven mit guter Temperaturkontrolle oder einen Backofen - am offenen Feuer ist das aufwendig, aber machbar.
‚Weinberlen‘ sind kleine Weinbeeren. Im Kontext einer Torte sind damit höchstwahrscheinlich Rosinen (getrocknete Weinbeeren) gemeint, da diese sich gut zum Backen eignen und die Bezeichnung ‚klein‘ gut zu ihrer geschrumpften Form passt.
Eingeschränkt geeignet. Das Backen einer Torte erfordert einen Dutch Oven mit guter Temperaturkontrolle oder einen Backofen. Die zweistufige Backanleitung ist im Lager mit offenem Feuer umsetzbar, aber aufwendig und erfordert ständige Aufmerksamkeit, um ein gleichmäßiges Backergebnis zu erzielen.
‚Rorlen‘ steht in dieser Handschrift durchgehend für Zimtstangen - das Wort erscheint 33-mal im Korpus, stets im Zusammenhang mit dem Gewürz, nie mit Zucker. Auch das CoReMA-Glossar setzt ‚rorlin‘ mit Zimt gleich, und im Kochbuch der Sabina Welserin taucht dieselbe Bildung als ‚zimerrerlach‘ auf. Zum Bestreuen wird die Stange gestoßen.
Dieses Rezept stammt aus dem Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5. Aug. 4° (Entstehungsort unbekannt). CoReMA-Handschrift Wo10 (Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5 Aug. 4°): "Kunst- und Artzneibuch von Ludwigen Neer zusamengetragenn. Anno 1543" - ein 1543 datiertes Kunst- und Arzneibuch mit Kochrezept-Anteil. Enthält ein gewürztes Met-Rezept ("Wie man ain Met sieden soll") mit ganzer Muskatnuss und Zimtstangen, im Wasser eingekocht und mit geläutertem Honig fertiggestellt.
Diminutiv von Weinbeeren, hier im Kontext einer Torte wahrscheinlich getrocknete Weinbeeren, also Rosinen.
Diese Formulierung bedeutet ‚wie zuvor beschrieben‘ oder ‚wie üblich‘. Es wird angenommen, dass der Leser oder Koch ein Standardrezept für einen Tortenboden kannte.
Ein historischer, aromatischer Süßwein, der aus der Malvasier-Rebsorte gewonnen wird. Er war im Mittelalter sehr beliebt und wurde oft für festliche Speisen verwendet.
Ein weiterer historischer Süßwein, der zur Familie der Malvasier-Weine gehört. Er war ebenfalls für seinen süßen Geschmack geschätzt.
Zimtstangen. ‚Rorlen‘ ist die in dieser Handschrift durchgehende Schreibung für Zimt-Röhrlein, also Zimtstangen, und steht hier 33× für Zimt (z.B. wo10-028, wo10-051, wo10-085). Im Kochbuch der Sabina Welserin erscheint dasselbe Wort als ‚rerlach‘ bzw. ‚zimerrerlach‘ - auch im textlich verwandten Rezept saw-093, das an strukturell identischer Stelle ‚zúcker daran vnnd zimerrerlach‘ hat; das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch belegt zusätzlich den Kompositumsbeleg ‚rörlentorte‘. Das CoReMA-Glossar setzt ‚rorlin‘ ausdrücklich mit Zimt gleich (Wikidata Q28165). Die frühere Lesart als Rohrzucker kam allein durch die Nachbarschaft zu ‚zucker‘ im Satz zustande. Dafür gibt es keinen Anhalt: ‚Rohr‘ als Zuckerbezeichnung ergäbe neben dem ausdrücklich genannten ‚zucker‘ eine Doppelung, und die Verkleinerungsform auf -lein passt zur Rindenröhre, nicht zum Zucker. Zum Bestreuen („besäen“) wird die Stange gestoßen.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| klainen weinberlen | raisin Q13186 |
| Rorlen | cinnamon Q28165 |
| zucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
| malfasier | malvasia Q1165349 |
| Rainfal | rainval Q107262739 |
| dem gelben vom Ay | yolk Q16336079 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
weinberlen
Gewählte Lesart: Wir haben ‚weinberlen‘ als Rosinen übersetzt. Die Bezeichnung ‚klainen‘ (klein) passt besser zu getrockneten, geschrumpften Rosinen als zu frischen Weintrauben, die in der Regel größer sind. Rosinen waren zudem eine gängige Zutat in mittelalterlichen Backwaren.
Andere mögliche Lesart:
bodelin
Gewählte Lesart: Wir haben ‚bodelin‘ als ‚dünner Teigboden‘ übersetzt. Es ist das Diminutiv von ‚boden‘ (Boden/Teig) und bezeichnet hier die obere, dünnere Teigschicht, die über die Füllung gelegt wird.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 31.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.