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Ernährungslehre: Kalte Speisen und Kranke

Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 · Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln · 1475

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
BuchKölner Küchenmeisterei (~1475)

Fisch, Krebse und allerlei Obst und auch Milch sind von kalter Natur, ebenso Wasser. Das muss man mit Gewürzen abmildern. Aber die Natur kranker Leute braucht keine Gewürze und nicht viel Salz.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Fisch Fisch - - -
Crebs Krebse - - -
allerley obisz allerlei Obst - - -
milch Milch - - -
wurtzen Gewürze - - -
saltz Salz - - -
wasser Wasser - - -
Was bedeutet 'kalter Natur' im mittelalterlichen Kontext?

Im Mittelalter basierte die Medizin auf der Humoralpathologie, die davon ausging, dass der menschliche Körper aus vier Säften (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) besteht, die jeweils bestimmte Qualitäten (warm/kalt, feucht/trocken) hatten. Auch Lebensmittel wurden diesen Qualitäten zugeordnet. 'Kalter Natur' bedeutet, dass ein Lebensmittel als kühlend und befeuchtend galt und daher mit 'warmen' Gewürzen ausgeglichen werden sollte.

Ist dieser Text ein Kochrezept?

Nein. Dies ist kein Kochrezept, sondern eine allgemeine diätetische Regel der mittelalterlichen Humoralpathologie, die die „kalte Natur“ bestimmter Lebensmittel beschreibt.

Was bedeutet 'abtemperiren'?

'Abtemperiren' bedeutet, die Qualitäten eines Lebensmittels oder Gerichts durch Zugabe anderer Zutaten auszugleichen oder zu mildern. Im Kontext der Humoralpathologie sollte die 'kalte Natur' von Fisch, Krebsen, Obst und Milch durch 'warme' Gewürze ausgeglichen werden, um eine harmonische Wirkung auf den Körper zu erzielen.

Steht dieser Text auch in anderen Handschriften?

Ja. Die Kölner Handschrift ist eine Abschrift der „Küchenmeisterei“, und der gedruckte Text derselben Tradition führt dieselbe Regel - dort am Ende eines Krebsmus-Rezepts, siehe Mus von Krebsen, warm und kalt. Der Druck ist an dieser Stelle vollständiger und erlaubt es, zwei unklare Wendungen der Abschrift aufzulösen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kölner Küchenmeisterei (2. Hälfte 15. Jh. oder 16. Jh. - umstritten). CoReMA-Handschrift K1: 182 Rezepte der Kölner Abschrift der "Küchenmeisterei" - derselben Drucktradition wie So1 (Solothurn), aber textlich vollständiger erhalten. Systematisch in fünf Teile gegliedert wie So1: Fleisch/Fisch, Eierspeisen, Gebackenes, Essig-/Kräuterwein-Herstellung, ein ausführliches lateinisch-deutsches Diätetik-Kapitel. Enthält denselben Brombeer-Honigwein wie So1 (dort §133), hier unter dem lateinischen Titel "Vinum de morisrubi" (k1-167) - K1 überliefert an dieser Stelle einen Rezepttitel, den So1 nicht hat.

Item Fisch Crebs vnd allerley obisz Vnd ouch milch ist kalter natur vnd wasser Musz man mit wurtzen abtemperiren Aber krancker lude natur bedarff wurtz vnd vil saltz nit
kalter natur

Bezieht sich auf die mittelalterliche Humoralpathologie, die Lebensmitteln bestimmte Qualitäten (warm/kalt, feucht/trocken) zuschrieb. Lebensmittel „kalter Natur“ galten als kühlend und befeuchtend.

abtemperiren

Die Qualitäten eines Lebensmittels oder Gerichts durch Zugabe anderer Zutaten ausgleichen oder mildern, um eine harmonische Wirkung im Körper zu erzielen.

krancker lude natur

Die Konstitution kranker Menschen, die nach mittelalterlicher Lehre eine schonendere, weniger gewürzte und gesalzene Kost benötigten. Der Druck präzisiert „Kranckleut heisser Natur“ und begründet es: „dann jr gebrech mehrt sich dauon“ - warme Gewürze verschlimmern ein heißes Leiden.

Handschrift
Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27
Folio
Fol. 001v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ripuarisch/westmitteldeutsch, Köln) - Datierung umstritten: Menne (1931/1937) 2. Hälfte 15. Jh., Finger et al. (1993) 16. Jh. ohne Begründung; Wasserzeichen/Inhalt liefern laut TEI keine sichere Datierung
Entstehung
Westmitteldeutscher/ripuarischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Historisches Archiv der Stadt Köln, 1475
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Fischfish Q600396
Crebscrayfish Q210959
milchmilk Q8495
wurtzenspice Q42527
saltztable salt Q11254
wasserwater Q283

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartkalter natur vnd wasser

Gewählte Lesart: „vnd wasser“ setzt die Aufzählung fort: auch Wasser ist von kalter Natur. Es ist keine Eigenschaft der vorher genannten Speisen.

Andere mögliche Lesart:

  • „kalter Natur und wässrig“ - „wasser“ als zweite Eigenschaft neben „kalt“. - Bis zum Abgleich mit dem Druck die gewählte Lesart, jetzt verworfen. Der gedruckte Paralleltext der Küchenmeisterei (kkm-016) überliefert dieselbe Stelle vollständiger. Dort steht „Fisch/ Krebs/ vnd allerley Speis/ so da ist kalter Natur/ auch Milch vnd Wasser/ mus man mit Würtzen ab temperieren“ - Milch und Wasser stehen gemeinsam in der Reihe der kalten Dinge. Die Kölner Abschrift hat die Wortfolge umgestellt und „wasser“ ans Satzende gerutscht, wodurch es wie ein Adjektiv aussieht. Inhaltlich passt die Aufzählung auch besser zur Humorallehre, in der Wasser kanonisch kalt und feucht ist.

Lesartabtemperiren

Gewählte Lesart: abmildern/ausgleichen

Andere mögliche Lesart:

  • temperieren - Obwohl 'temperieren' eine moderne Entsprechung ist, ist 'abmildern' oder 'ausgleichen' im Kontext der Humoralpathologie präziser, da es um das Herstellen eines Gleichgewichts der Qualitäten geht.

Lesartkrancker lude natur

Gewählte Lesart: „Die Natur kranker Leute“ - allgemein die Konstitution von Kranken, so wie es in der Kölner Abschrift dasteht.

Andere mögliche Lesart:

  • „Kranke Leute heißer Natur“ - die Regel gälte dann nur für Kranke mit heißem Temperament, nicht für Kranke überhaupt. - Der gedruckte Paralleltext der Küchenmeisterei (kkm-016) überliefert dieselbe Stelle vollständiger. Der Druck liest „Aber Kranckleut/ heisser Natur/ bedörffen nicht Würtzen/ noch viel Saltz/ dann jr gebrech mehrt sich dauon“ - er nennt also die Komplexion und liefert die Begründung gleich mit: Gewürze sind selbst heiß und verstärken das Leiden. Das ergibt humoralmedizinisch mehr Sinn als eine Pauschalregel für alle Kranken. Die Kölner Abschrift hat „heisser“ verloren; übersetzt wird trotzdem, was in K1 steht.

Originalwerk (~1475) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 001v, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27 ("Küchenmeisterei"-Abschrift, ripuarisch, Datierung umstritten) - CC BY-NC-SA 4.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), K1 (Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 7004, 27), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Nein - Dies ist kein Kochrezept, sondern eine allgemeine diätetische Regel der mittelalterlichen Humoralpathologie, die die „kalte Natur“ bestimmter Lebensmittel beschreibt.
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Stand dieser Fassung: 02.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.