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Kalbskopf vom Rost

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

RindHauptspeise · RindLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit240 Min.Portionen4-6 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Für einen guten Kalbskopf schneide den Unterkiefer davon ab. Nimm den restlichen Kopf und siede ihn sehr gut. Danach brich die Hirnschale auf und gib gute Gewürze hinein. Gib heißes Schmalz hinzu und brate den Kopf auf einem Rost an.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
kalbs kopf Kalbskopf - Metzger (auf Vorbestellung) -
guot gewutz Gute Gewürze - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Eine Mischung aus Pfeffer, Ingwer, Nelken und Muskat
haiß schmaltz Heißes Schmalz - Supermarkt Butterschmalz oder Pflanzenöl

Welches Gericht ist das? Ein ganzer Kalbskopf wird zunächst stundenlang weichgesotten, dann wird die Hirnschale aufgebrochen, gewürzt und mit heißem Schmalz auf dem Rost fertig gebraten. Das ist im Kern die nose-to-tail-Verwertung des Kopfes samt Hirn. Der nächste lebende Verwandte ist die tête de veau der französischen Bistroküche, ebenso die deutsch-österreichische Kalbskopf-Sulze - in beiden wird der Kopf weichgekocht und das Hirn eigens verwendet.

Praxis. Das Sieden dauert mehrere Stunden (ca. 4 Stunden) und macht Fleisch, Haut und Bindegewebe weich lösbar - das ist die eigentliche Garstufe. Die Hirnschale wird erst danach geöffnet; der abschließende Rost über der Glut dient vor allem dem Bräunen und der Krustenbildung, nicht mehr der Hauptgarung. Achte darauf, dass beim Braten auf dem Rost auch das freigelegte Hirn sichtbar durchgegart ist, nicht nur die Außenseite gebräunt wirkt - die Hirnschale kann das Hirn beim vorangehenden Sieden stärker gegen die Hitze isolieren als das umgebende Fleisch.

Wo bekomme ich einen Kalbskopf?

Einen Kalbskopf erhältst du am besten auf Vorbestellung bei einem gut sortierten Metzger. Manchmal ist er auch auf Wochenmärkten mit einem breiten Angebot an Innereien zu finden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja: Sowohl das stundenlange Sieden des Kopfes als auch das abschließende Braten auf dem Rost sind reine Feuertechniken, kein Ofen nötig. Der einzige Aufwand ist die konstante Feuerführung über mehrere Stunden - plane ausreichend Zeit und Brennmaterial ein.

Was bedeutet 'etc.' im Rezept?

Die Abkürzung 'etc.' steht für 'et cetera' (und so weiter). Im Kontext mittelalterlicher Rezepte bedeutet dies oft, dass der Koch weitere Schritte oder Verfeinerungen als bekannt voraussetzen sollte oder dass das Rezept eine Grundlage für verschiedene Variationen bietet, die nicht explizit aufgeführt sind.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

kalbs kopf etc. Zuo ainem guoten kalbs kopf schnid die vnder kiew da von vnd nem den andern vnd sud in gar wol dar nach brich die hiern schalen uf vnd tuo guot gewutz dar in vnd haiß schmaltz dar in vnd brat an uf aim rost etc.
vnder kiew

Der Unterkiefer bzw. die Kehlpartie des Kalbskopfes, die vor dem Sieden abgetrennt wird. Die Schwesterhandschrift m384 (Rezept 67) verwendet an derselben Stelle 'vndren keln' - ein eigenes mittelhochdeutsches Wort für 'Kehle', während 'kiew' (mhd. kiuwe) eher 'Kinnbacken/Unterkiefer' meint. Beide Handschriften beschreiben damit dieselbe anatomische Region, benennen sie aber mit unterschiedlichen Wörtern.

hiern schalen

Die Knochen des Schädels, die das Gehirn umschließen - grammatisch Singular (ein Kopf hat nur eine Hirnschale), auch wenn die Form 'schalen' der Pluralform gleicht (schwache Deklination). Das Gehirn selbst war eine begehrte Delikatesse.

gewutz

Eine Mischung aus typischen mittelalterlichen Gewürzen wie Pfeffer, Ingwer, Nelken oder Muskat. Die genaue Zusammensetzung wurde oft dem Geschmack des Kochs oder der Verfügbarkeit überlassen.

schmaltz

Tierisches Fett, meist Schweine- oder Rinderschmalz. Es diente nicht nur als Bratfett, sondern auch als Geschmacksträger und zur Konservierung.

rost

Ein Grillrost, oft aus Holz oder Metall, über offenem Feuer oder Glut.

etc.

Die Abkürzung 'et cetera' deutet an, dass weitere Schritte oder Variationen als bekannt vorausgesetzt werden oder dass das Rezept eine Basis für weitere Zubereitungen ist, die der erfahrene Koch selbst ergänzt.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartgewutz

Gewählte Lesart: Der Begriff 'gewutz' wurde als allgemeine 'Gewürze' übersetzt, da keine spezifischen Gewürze genannt werden.

Andere mögliche Lesart:

  • Man könnte auch eine spezifische 'Pfeffer-Ingwer-Mischung' annehmen, da dies eine sehr häufige Gewürzkombination in mittelalterlichen Rezepten war. - Ohne explizite Nennung im Originaltext ist eine allgemeine Übersetzung jedoch präziser und überlässt die Wahl dem modernen Koch.

Lesartbrat an

Gewählte Lesart: 'brat an' wurde als abschließendes Anbraten auf dem Rost verstanden, das nach dem stundenlangen Sieden vor allem der Bräunung dient. Empfohlen wird, so lange zu braten, bis auch das freigelegte Hirn sichtbar durchgegart ist.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text nennt keine Zeit- oder Gargradangabe für diesen Schritt - er ließe sich auch als reines kurzes Anbräunen der Außenseite lesen, ohne gezielt auf die vollständige Durchgarung des Hirns zu achten. - Da die Hirnschale das Hirn beim vorangehenden Sieden stärker gegen die Hitze isolieren kann als das umgebende Fleisch, ist diese Lesart mit Vorsicht zu behandeln - die Praxis-Empfehlung folgt daher der vorsichtigeren Auslegung.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Sermones - Cod. Aug. pap. 125. [Reichenau], [15. Jahrh.]. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-64893 / Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Ja, mit Aufwand: Das Sieden eines Kalbskopfes dauert mehrere Stunden und erfordert eine konstante Feuerführung - reine Feuertechnik, kein Ofen nötig. Das anschließende Braten auf dem Rost über Glut ist unkompliziert.
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