Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291 · Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg · 1492
Nimm einen Kalbskopf und bereite ihn vor. Siede ihn gut. Und sobald er gesotten ist, so spalte ihn auf und gieße heißes Schmalz in die Hirnschalen und brate ihn auf einem Rost.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| kalps kopf | Kalbskopf | 1 | Metzger | - |
| schmaltz | Schmalz | - | Metzger, Supermarkt | Pflanzenöl (für eine fleischlose Variante) |
Welches Gericht ist das? Ein ganzer Kalbskopf, der zunächst gesotten und danach auf dem Rost gebraten wird - der schwäbische Vorfahre der französischen tête de veau und des überlieferten süddeutschen „Kalbskopf"-Gerichts. In der Handschrift steht das Rezept unmittelbar vor „Kuchli Kalbes Flaisch" (Kalbfleisch-Klößchen); beide zusammen belegen die vollständige Verwertung eines geschlachteten Kalbs.
„berait" - vorbereiten oder schon zugerichtet? Die Imperativkette „nim/berait/sud" liest „berait" naheliegend als Verb: bereite den Kopf vor (enthaaren, Augen/Ohren entfernen). Denkbar ist aber auch die adjektivische Lesart „ein bereits (vom Metzger) zugerichteter Kopf" - die Zwillingsfassungen haben an dieser Stelle statt einer generischen Vorbereitung einen konkreten Schritt (Abschneiden der unteren Kinnlade oder Kehle), den alb-008 nicht nennt.
Kürzere Fassung als die Zwillinge. Im Unterschied zu allen bekannten Parallelrezepten (ka1-056, m384-067, ri15632-015, m5919-053, mha-122, rfk-029) fehlt in alb-008 sowohl der Gewürz-Schritt vor dem Schmalz als auch das Abschneiden eines unteren Kopfteils - der Text geht direkt vom Sieden zum Aufspalten. Das ist keine Lücke der Übersetzung, sondern eine kürzere Textfassung dieses einen Manuskripts; ein Gewürz-Schritt wird hier bewusst nicht ergänzt.
Praxis. Der Kopf wird im Sud weichgesotten, bis Haut und Bindegewebe gar sind und sich gefahrlos aufspalten lassen. Nach dem Aufspalten liegen die Hirnschalen frei; heißes Schmalz wird eingegossen, bevor der Kopf abschließend auf dem Rost gebraten wird - ein bis heute übliches zweistufiges Verfahren (erst sieden, dann grillen) für Farbe und Kruste am bereits durchgegarten Kopf.
Ja, dieses Rezept ist für die Lagerküche geeignet. Es erfordert einen großen Topf zum Sieden und einen Rost zum Braten über offenem Feuer. Der Kalbskopf muss frisch beschafft und bis zur Verarbeitung gekühlt werden.
Der Text nennt nur „ainem rost" ohne Materialangabe. Für die Lagerküche ist ein Metallrost praktischer; ob im Original eher ein temporärer Holzrost gemeint war, ist nicht sicher zu belegen - siehe die Diskussion in den Grundlagen.
Dieses Rezept stammt aus dem Alemannisches Büchlein von guter Speise (N1) (1492, Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg). CoReMA-Handschrift N1: die 26 Kochrezepte (fol. 17r-24r) der Sammelhandschrift Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291, schwäbisch, 1492-1494. Anton Birlinger hat sie 1865 als "Alemannisches Büchlein von guter Speise" gedruckt - die einzige gemeinfreie wissenschaftliche Edition zu einer CoReMA-Handschrift und damit ein vollwertiger Gegencheck neben dem TEI-Text. Jedes Rezept trägt im Original eine rote Überschrift. Textlich am Ende der Traditionslinie des "Buoch von guoter Spise" (bgs, um 1350) und des Meister Eberhard (meb); direkte Motiv-Parallelen zu ka1 (Krosaier), zum Holdermus-Cluster (ka1/kkm/m384/meb/rfk) und zum heidnischen Pfannkuchen (ka2/m5919/mha/mon).
Ein Kalbskopf war im Mittelalter eine beliebte und nahrhafte Speise, die oft gekocht und anschließend gebraten oder gefüllt wurde.
Tierisches Fett, meist von Schwein oder Rind, das zum Braten und Verfeinern verwendet wurde.
Ein Rost aus Metall oder Holz, der über offener Glut zum Braten diente. Der Text nennt keine Materialangabe; die Zwillingsfassungen (u.a. ri15632-015) verwenden durchgängig kognate Formen (rost/roest/roist/rast) im selben Sinn - ein Grillrost zum abschließenden Bräunen nach dem Sieden, kein Spieß.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
berait
Gewählte Lesart: „bereite (ihn) vor" - Imperativ von „bereiten", Teil der Befehlsfolge nim/berait/sud.
Andere mögliche Lesart:
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