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Krebsmus

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.2/10
Zubereitungszeit60 Min.Portionen4 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Nimm die Krebse und schneide das Böse bei den Augen ab.

Stoße die Krebse in einem Mörser durcheinander.

Verrühre die gestoßene Masse mit etwas Milch und treibe sie durch ein Sieb, damit die groben Schalenstücke zurückbleiben und nur der feine, aromatische Krebssaft übrig bleibt.

Reibe ein Weißbrötchen dazu und gib Eigelbe hinein. Schlage alles gut untereinander, dann gib das Mus in eine Pfanne. Vom Krebs färbt sich das Mus rot.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
krebsen Flusskrebse - Fischhändler, Wochenmarkt Garnelen mit Schale, falls Flusskrebse nicht erhältlich sind
milich Milch - - -
ein semlein prot Weißbrötchen 1 - -
ayer totter Eigelb - - -

Welches Gericht ist das? Ein gebundenes Krebsmus: Die ganzen Flusskrebse werden samt Schale im Mörser zerstoßen, mit Milch durch ein Sieb getrieben, mit geriebenem Weißbrot und Eigelb gebunden und in der Pfanne zu einem Mus verarbeitet. Das ist die Vorstufe der heutigen Krebssuppe bzw. -creme und mit der französischen Bisque d'écrevisses verwandt - dort wie hier wird der Krebsfond aus den zerstoßenen Schalen gewonnen und gebunden statt nur mit Sahne verlängert. Im Korpus ist das Rezept kein Einzelstück: mindestens vier Textzeugen (m5919-044, ri15632-011, mon-016, ka1-045) folgen exakt demselben Verfahren, eine Fassung trägt sogar den Titel „Rotes Krebsmus“ - die Rotfärbung beim Erhitzen ist ein bekanntes, namensgebendes Merkmal dieses Gerichttyps, keine Besonderheit dieses einen Textzeugen.

Das Böse bei den Augen. Vor dem Zerstoßen wird „das Böse“ bei den Augen der Krebse entfernt - der ungenießbare, bittere Magenstein bzw. Sandmagen, der sich dort befindet. Diese anatomische Einordnung steht nicht wörtlich im Transkript, sie ist aber durch die Parallelrezepte im Korpus (u.a. mon-016, ka1-045, ri15632-011, kkm-011) konsistent belegt.

Der letzte Pfannenschritt. Der Transkript-Text nennt für den letzten Schritt - die Eigelb-Milch-Brot-Krebsmasse in der Pfanne zu einem Mus zu machen - weder Hitzegrad noch Dauer noch Rührhinweis. Weil rohes Eigelb und roher Krebsanteil vor dem Verzehr durchgegart werden müssen, sollte modern bei milder bis mittlerer Hitze unter ständigem Rühren erwärmt werden, bis die Masse eindickt und vollständig durcherhitzt ist. Ob der Originaltext dasselbe Maß an Durcherhitzung vorsah oder nur ein kurzes Anwärmen, lässt sich aus dem Wortlaut allein nicht entscheiden.

Praxis. Flusskrebse (ersatzweise Garnelen mit Schale) samt Schale im Mörser zerstoßen, mit etwas Milch verrühren und durch ein Sieb streichen, damit die groben Schalenstücke zurückbleiben und nur der aromatische, rote Krebssaft durchgeht. Ein geriebenes Weißbrötchen und Eigelbe einrühren, dann bei milder bis mittlerer Hitze unter ständigem Rühren in der Pfanne erwärmen, bis die Masse eindickt, vollständig durcherhitzt ist und sich durch die Krebsschalen rot färbt.

Wo bekomme ich frische Flusskrebse?

Frische Flusskrebse gibt es bei gut sortierten Fischhändlern, auf Wochenmärkten oder online bei spezialisierten Fischhändlern. Ersatzweise funktionieren auch Garnelen mit Schale, wobei der typische Krebsgeschmack dann milder ausfällt.

Was ist ein 'Mörser' - brauche ich einen Mörser und Stößel?

Gemeint ist hier ein großer Fleisch- bzw. Küchenmörser aus Stein oder Metall, kein kleiner Gewürzmörser. Darin werden die Krebse mitsamt Schale zu einer feinen Masse zerstoßen. Wer keinen großen Mörser hat, kann die Krebse grob hacken und mit einem kräftigen Stabmixer zerkleinern, bevor sie durchs Sieb gestrichen werden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, gut machbar. Frische Krebse morgens besorgen und noch am selben Tag verarbeiten, dann lässt sich das Mus im Mörser und in der Pfanne innerhalb einer Stunde zubereiten - das Zerstoßen im Mörser ist zudem eine sehenswerte Vorführung am Feuer.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

Ain krebss muosz mach also Item Nymm die krebsen vnd schneid das poss von den augen vnd stoess sy vnnder einannder In ainem morser vnd zertreib das mit ainer milich durch ain sib Reib ein semlein prot dar zue ayer totter vnd schlach das vnnder einannder vnd mach ain muoss dar aus In ain pfannen das wirt rot dauon .
poss von den augen

Wörtlich 'das Böse von den Augen [her]'. Gemeint ist der Magenstein bzw. Sandmagen, der sich bei Krebsen hinter dem Kopf nahe den Augen befindet und vor der Zubereitung entfernt werden muss, weil er bitter und ungenießbar ist (vgl. die Parallelformulierungen in mon-016, ka1-045, ri15632-011, kkm-011).

muosz / muoss

Hier im Sinne von 'Mus' oder 'Brei/Puree' gebraucht, nicht als Pfannengebäck wie in anderen Rezepten dieser Quelle - die Zutatenliste (Krebssaft, Milch, Brot, Eigelb, keine Bratfette) entspricht einer sämigen Krebscreme.

morser

Gemeint ist der große Küchenmörser aus Stein oder Metall, in dem die ganzen Krebse samt Schale zerstoßen werden - nicht der kleine Gewürzmörser.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 049v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartdas poss von den augen

Gewählte Lesart: Der Magenstein bzw. Sandmagen direkt hinter den Augen der Krebse, der vor dem Zerstoßen entfernt wird - eine bis heute übliche Vorbereitungstechnik bei Krebsen und Hummer.

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich die Augen selbst werden abgeschnitten. - Möglich, da 'poss' als Adjektiv 'böse/schlecht' auch bloß die Augen als unschönen Teil bezeichnen könnte - jedoch anatomisch weniger plausibel, da der bittere Sack, nicht die Augen, den Geschmack stört.

Lesartmach ain muoss dar aus In ain pfannen (Hitzegrad/Dauer)

Gewählte Lesart: Bei milder bis mittlerer Hitze unter ständigem Rühren vollständig durcherhitzen, bis die Masse eindickt - notwendig, weil rohes Eigelb und roher Krebsanteil durchgegart werden müssen.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text lässt offen, ob nur kurz erwärmt/angewärmt statt vollständig durchgegart wird. - Das Transkript nennt weder Temperatur noch Garzeit noch Rührhinweis; eine bloß angewärmte, nicht vollständig durcherhitzte Lesart wäre nach heutigen Maßstäben (rohes Ei, roher Krebsanteil) bedenklich und wird deshalb nicht als Standard empfohlen.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 049v, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Mörser und in der Pfanne in etwa einer Stunde fertig, frische Krebse morgens am Markttag besorgen und noch am selben Tag verarbeiten. Das Zerstoßen der Schalen im Mörser braucht etwas Kraft, ist aber eine schöne, sichtbare Vorbereitung direkt am Lagerfeuer.
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