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Hasenwurst aus Lunge, Leber und Blut

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

WildHauptspeise · WildLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit75 Min.Portionen2-3 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Nimm die Lunge und die Leber vom Hasen für die Wurst und schneide beides würfelig.

Fange das Blut auf, gib Pfeffer dazu und siede die Würfel darin.

Fülle die Masse in den Darm, schneide die fertige Wurst in Stücke, brate sie danach und serviere sie trocken, also ohne Sauce.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
die lungel Hasenlunge - Metzger, Wildhändler (Vorbestellung nötig) Kaninchenlunge vom Metzger, falls Hase nicht erhältlich
die leberen Haseleber - Metzger, Wildhändler (Vorbestellung nötig) Kaninchenleber vom Metzger
den schwais Hasenblut - Metzger, Wildhändler (nur beim Schlachten frisch erhältlich) Schweineblut vom Metzger als Ersatz
pfeffer Pfeffer - - -
den darmm Darm, als Wursthülle - Metzger (Naturdarm) Kunstdarm aus dem Wursterei-Bedarf

Welches Gericht ist das?

Eine Blutwurst aus Wildinnereien: Hasenlunge und -leber werden gewürfelt, mit aufgefangenem Hasenblut und Pfeffer gesiedet, in Naturdarm gefüllt und danach gebraten. Strukturell ist das Verfahren identisch mit der Herstellung heutiger Blutwurst (deutsche Blutwurst, britischer Black Pudding, französischer Boudin noir) - nur mit Wildinnereien statt Schweinefleisch als Basis. Dieselbe Bindetechnik über Blut, das beim Erhitzen gerinnt, findet sich im selben Corpus auch bei Huhn und Kalb - am Hof war das offenbar eine über mehrere Tierarten hinweg standardisierte Methode, keine hasenspezifische Erfindung.

Der Satz „die lungel vnd die leberen vnd die wurst von dem hasen" liest sich auf den ersten Blick wie drei Zutaten. Naheliegendste Lesart: der Rezepttitel wird mitten im Satz wiederholt, um den Zweck von Lunge und Leber zu nennen. Ein Vergleich mit drei eng verwandten Rezepten, die dieselben Grundzutaten zu einem Ragout statt zu einer Wurst verarbeiten, zeigt jedoch an genau derselben Satzstelle jeweils ein drittes, seltenes Organ-Wort - ein Hinweis darauf, dass „wurst" hier auch eine Verschreibung dieses dritten Organs sein könnte. Ob Zweck-Wiederholung oder Verschreibung, bleibt ungeklärt (siehe interpretive_choices).

Praxis. Lunge und Leber in kleine, gleichmäßige Würfel schneiden. Das aufgefangene Blut mit Pfeffer würzen und die Innerei-Würfel darin sieden, bis Blut und Würfel vollständig durchgegart und fest geronnen sind - der Text nennt dafür keine Zeit, aus Lebensmittelsicherheitsgründen bei rohem Wildblut und Innereien aber empfehlenswert. Die gebundene Masse in gereinigten Naturdarm füllen, die fertige Wurst in Stücke schneiden und danach braten; serviert wird sie trocken, ohne Sauce. Das Rezept nennt kein zusätzliches Bindemittel wie Brot oder Ei - die Bindung kommt allein vom Blutgerinnsel um die grob gewürfelten, nicht zerkleinerten Innerei-Stücke. Das Ergebnis ist daher eher eine stückig-krümelige Füllung als eine glatt aufschneidbare moderne Wurst, und das Stopfen dieser Masse in Naturdarm braucht etwas Übung, weil feste Würfel den Darm ungleichmäßig füllen und ihn leichter reißen lassen.

Wo bekomme ich Hasenlunge, -leber und -blut?

Diese Innereien bekommt man kaum im normalen Supermarkt, sondern beim Metzger oder Wildhändler, meist nur mit Vorbestellung direkt zur Schlachtzeit. Frisches Blut ist besonders schwer zu bekommen, notfalls kann Schweineblut vom Metzger einspringen, wenn eine Hasenwurst mit authentischem Blutgehalt gewünscht ist.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Eingeschränkt geeignet: das Wurst-Stopfen in Naturdarm braucht etwas Übung und Werkzeug, und rohe Innereien samt Blut sollten frisch verarbeitet oder gut gekühlt mitgeführt werden. Für eine Schau-Vorführung am Marktstand ist es aber ein hübsches, überraschendes Element.

Was bedeutet 'schwais' im Rezept?

'Schwais' ist die mittelhochdeutsche Bezeichnung für Blut - für diese Handschriftenstelle direkt als Blut des Hasen belegt. Es dient hier als feste Kochzutat, um die Wurst zu binden und dunkel zu färben, ganz ähnlich der heutigen Blutwurst.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

wurst von hasen mach Item Nym die lungel vnd die leberen vnd die wurst von dem hasen vnd schneid das wurfflat vnd fach den schwais vnd thue pfeffer doran vnd seud es damit vnd fasz das In den darmm vnd snid die wurst vnd prats dornach gib sy trucken
schwais

Meint hier das Blut des Hasen, nicht modernes 'Schweiß' - für genau diese Handschriftenstelle (CoReMA bs1.124) ist 'schwais' direkt als Hasenblut glossiert, kein allgemeiner Analogieschluss. Dieselbe Blutwurst-Technik (schwais + Pfeffer + Sieden) findet sich im selben Corpus auch bei Huhn und Kalb - am Hof offenbar eine über mehrere Tierarten hinweg standardisierte Methode.

wurfflat

Würfelig schneiden - eine feste Schnitttechnik, die Lunge und Leber in kleine, gleichmäßige Stücke teilt, bevor sie mit Blut und Pfeffer vermengt werden.

die wurst von dem hasen

Vermutlich eine Wiederholung des Rezepttitels mitten im Satz, um den Zweck von Lunge und Leber zu nennen (sie sind für die Hasenwurst bestimmt) - drei eng verwandte Rezepte mit denselben Grundzutaten haben an derselben Satzstelle jedoch ein drittes, seltenes Organ-Wort, was eine ungeklärte Alternativlesart offenlässt (siehe interpretive_choices).

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 050v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartdie wurst von dem hasen

Gewählte Lesart: Lesart als Zweck-Angabe: Lunge und Leber sind 'für die Hasenwurst' bestimmt, der Rezepttitel wird mitten im Satz wiederholt, keine eigenständige dritte Zutat.

Andere mögliche Lesart:

  • Verschreibung eines dritten, seltenen Organ-Worts (vermutlich Gekröse/Magen) statt 'Wurst'. - Drei eng verwandte Rezepte in Schwesterhandschriften (m384-030, mon-248, ka1-014) haben an exakt derselben Satzstelle ('die lungen vnd die lebren vnd die/dy [X] von dem hasen') jeweils ein drittes Organ-Wort (westin/wugseln/wust), von dem 'westin' als Gekröse/Magen belegt ist. Die unterschiedliche Schreibung über drei Handschriften zeigt, dass schon zeitgenössische Schreiber mit diesem seltenen Wort haderten - eine weitere Verschreibung zu 'wurst' in dieser Handschrift ist plausibel, aber nicht direkt belegt.

Lesartseud es damit

Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Zeit- oder Konsistenzangabe für das Sieden. Für die Nachkoch-Praxis wird vollständiges Durchgaren empfohlen, aus Lebensmittelsicherheitsgründen bei rohem Wildblut und rohen Innereien.

Andere mögliche Lesart:

  • Nur kurzes Anrinnen des Bluts beim Sieden, die restliche Garung übernimmt das abschließende Braten der geschnittenen Wurst. - Der Text kennt zwei Garschritte (Sieden und Braten) und nennt für keinen von beiden eine Dauer - ohne moderne Lebensmittelsicherheits-Vorgabe wäre ein kürzeres Sieden vor dem Braten denkbar, ist aber nicht explizit belegt.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 050v, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): Das Stopfen in Naturdarm braucht Übung und passendes Werkzeug, zudem sind rohe Innereien und Blut empfindlich und sollten frisch verarbeitet oder gekühlt mitgeführt werden. Am Feuer in etwa 60-90 Minuten machbar, aber mehr Handwerk als ein einfacher Topfeintopf.
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