Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460
Morcheln aus Fleisch: Ebenso lassen sich Morcheln aus Hühnerfleisch machen.
Nimm das Fleisch vorn von der Hühnerbrust und hacke es klein. Mische es unter das Mehl, gib Eier dazu und noch mehr davon, sowie eine Scheibe Brot - dazu zwei Stecken, vorn der kalte Braten, wie die Morcheln. Lege die Stücke in eine wallende, das heißt kochende, Brühe.
Während das siedet, wickle das nächste [Stück] um den Spieß. Hast du genug davon, fülle sie mit guten Gewürzen und Eiern und brate sie gut durch an einem Spieß. Gib sie dann zu essen.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| das fleisch vor an an der prust | Hühnerbrust | - | - | - |
| melb | Mehl | - | - | - |
| ayer | Eier | - | - | - |
| ain schnicz prots | Brot | 1 Scheibe | - | - |
| den kaltprat | Kalter Braten (Fleisch) | - | - | - |
| ain wallennde suppen | Brühe (zum Kochen) | - | - | - |
| guoten gewurczen | Gewürze | - | - | - |
| ayren | Eier für die Füllung | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein Täuschungsgericht der höfischen Schauküche: Aus fein gehackter Hühnerbrust, Mehl, Ei und Brot entsteht eine bindefähige Farce, die abwechselnd um zwei Stecken zur länglichen Morchel-Form geformt wird. Verwandt ist das Verfahren mit gefüllten Fleischspießen aus der Kofta-Familie: Eine Farce wird um einen Stab geformt, zunächst in Flüssigkeit gegart, um Form und Festigkeit zu gewinnen, und erst danach am offenen Feuer fertiggebraten. Die Pilzform ist reine Optik für die Tafel - geschmacklich hat das Gericht mit Morcheln nichts zu tun.
Der Formstab wird abgezogen, aber nicht erwähnt. Damit die geformten Stücke später mit Gewürzen und Ei gefüllt werden können, muss der Stecken nach dem Sieden aus der gefestigten Farce gezogen werden, sodass eine hohle Röhre übrig bleibt. Im Text von mha-222 selbst wird dieser Schritt an keiner Stelle genannt - er ergibt sich erst aus den eng verwandten Rezepten m5919-067 und bgs-023, die das Abziehen des Stäbchens ausdrücklich beschreiben.
„kaltprat" bleibt ungeklärt. Das Wort ist im gesamten bekannten Korpus ein Hapax. Die naheliegendste Lesart ist kaltes, bereits gebratenes Fleisch, das zur Morchel-Form mitverarbeitet wird. CoReMA selbst schlägt alternativ eine Art Hühner-Wurstmasse vor. Im engsten Zwillingsrezept m5919-067 steht an derselben Satzstelle das ebenfalls unbelegte Wort „kulpot" - dort eher als Beschreibung der runden Stäbchen-Spitze denkbar als als Fleischbegriff. Keine der drei Lesarten ist gesichert.
Praxis. Hühnerbrust fein hacken und mit Mehl, Ei (nach Bedarf etwas mehr als eines) und einer Scheibe Brot zu einer bindefähigen Masse verarbeiten. Zwei Stecken abwechselnd verwenden: Während ein geformtes Stück in der wallenden Brühe gart, wird am zweiten Stecken bereits das nächste Stück geformt - so entsteht eine fortlaufende, arbeitsteilige Fertigung statt eines einzelnen Arbeitsschritts. Die Stücke in der Brühe sieden lassen, bis die Ei-Bindung fest geworden ist, dann den Stecken vorsichtig herausziehen. Die entstandene Röhre mit Gewürzen und Ei füllen und am Spieß gut durchbraten.
Nein, es sind keine Pilze. 'Morachen' ist hier der Name für ein Illusionsgericht: Hühnerfleisch wird mit Mehl, Ei und Brot zu einem Teig verarbeitet und um Stecken zu Morchel-Form geformt, dann gekocht und gefüllt gebraten. Der Name bezieht sich nur auf die angestrebte Optik.
Als Schaugericht ja: Den Fleischteig kannst du vorher zubereiten, am Markt selbst führst du das Formen der Morchel-Stücke, das Sieden in der Brühe und das Füllen und Spießbraten als kompakte, gut sichtbare Vorführung vor Publikum vor.
Das ist nicht sicher geklärt. Am wahrscheinlichsten ist damit kaltes, bereits gebratenes Fleisch gemeint, das mit in die Morchel-Form geformt wird. Das Wort ist im gesamten bekannten Korpus nur hier belegt (Hapax), und auch das eng verwandte Rezept m5919-067 bietet an derselben Stelle nur ein weiteres, ebenfalls unsicheres Hapax-Wort - die genaue Bedeutung bleibt daher offen.
Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.
Nicht der Pilz selbst, sondern eine Form-Nachbildung: Fleischteig wird zu Morchel-Form geformt. CoReMA glossiert den Begriff ausdrücklich als 'Analogie/übertragene Bedeutung', nicht als echte Zutat.
Vermutlich kaltes, bereits gebratenes Fleisch (Rest vom Braten), das zur Morchel-Form geformt wird. Das Wort ist im Korpus ein Hapax (nur hier belegt); im engsten Zwillingsrezept m5919-067 steht an derselben Stelle das ebenfalls unbelegte Wort „kulpot", das eher die Form der Stäbchen-Spitze als das Fleisch selbst beschreiben könnte. Die Lesart bleibt daher unsicher.
Wallend, also kochend/sprudelnd - die Suppe soll beim Einlegen der Fleischstücke bereits in Wallung sein.
Örtlich 'vorne, am vorderen Ende' (der Stecken). Im Korpus nur hier belegt (Hapax), aber die räumliche Bedeutung ist über andere mittelhochdeutsche Belege gut gestützt.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
kaltprat
Gewählte Lesart: Kalter, bereits gebratener/gekochter Fleischanteil, der zusammen mit dem Fleischteig zur Morchel-Form geformt wird.
Andere mögliche Lesarten:
vornan
Gewählte Lesart: Räumlich: 'vorne, am vorderen Ende' der Stecken - dort wird die Fleischmasse angesetzt.
Andere mögliche Lesart:
vnd mer
Gewählte Lesart: Als Verstärkung gelesen: 'und noch mehr [Eier]' - eine unbestimmte zusätzliche Menge, keine eigene Zutat.
Andere mögliche Lesart:
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.