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Ein Fisch, dreifach zubereitet

Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit45 Min.Portionen3-4 PersonenBuchKochbuch des Meisters Hans (~1460)

Willst du aus einem einzigen Fisch drei verschiedene Speisen machen, obwohl es doch nur ein Fisch bleibt, nimm ihn zur Hand und lege ihn auf einen Rost.

Das Kopfstück (gebacken): Bestäube das Kopfstück mit Mehl und begieße es so lange mit heißem Schmalz, bis es dir genug erscheint und braun geworden ist.

Das Mittelstück (gesotten): Schlage um das mittlere Stück ein schönes weißes Tuch rundherum. Begieße es mit heißem Wein und Wasser, beides gut vermischt, und salze zuvor sowohl den Wein als auch das Wasser. Gieße davon ein wenig über das Mittelstück, so siedet es gründlich. Fahre damit fort, bis es genug gegart ist, und gib gegen Ende ein wenig Blut unter den Wein.

Das Schwanzstück (gebraten): Salze das Schwanzstück gründlich und steche es mit einem Messer ein. Lege eine Glut darunter und brate es auf schwacher Hitze, ohne es auf dem Rost verbrennen zu lassen.

So hast du von einem einzigen Fisch dreierlei Speisen: die eine gebacken, die andere gesotten, die dritte gebraten.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
visch Fisch (ganz) - - Hecht, Karpfen oder Zander eignen sich gut für die Dreiteilung in Kopf, Mittelstück und Schwanz
mel Mehl - - -
schmalcz Schmalz - - -
wein Wein - - -
wasser Wasser - Leitung -
sallcz / salcz Salz - - -
pluot Blut - - Falls kein Fischblut beim Ausnehmen aufgefangen wurde, geht ersatzweise auch eine kleine Menge dunkles Rinderblut vom Metzger

Welches Gericht ist das? Ein ganzer Fisch wird in drei Körperzonen - Kopf, Mittelstück und Schwanz - zerlegt und gleichzeitig auf drei unterschiedliche Arten gegart: das Kopfstück wird mit Mehl bestäubt und mit heißem Schmalz übergossen, das Mittelstück in ein Tuch gewickelt und mit gesalzenem Wein-Wasser-Sud begossen, das Schwanzstück gesalzen, eingestochen und über der Glut gebraten. Verwandt ist das Prinzip mit modernen Degustations-Servierweisen, die ein Stück nach Beschaffenheit seiner Teile unterschiedlich garen (nose-to-tail-Logik).

Zur Hitze beim Schwanzstück. Kull meint hier eine schwache, gedrosselte Hitze, nicht „abkühlen lassen“ - das Schwanzstück soll auf zurückgenommener Glut braten, damit es durchgart, ohne zu verbrennen.

Praxis. Am einfachsten gelingt das mit einem länglichen Rost über einer entsprechend langgezogenen Feuerstelle: das Kopfstück an einem Ende mit heißem Schmalz begießen, das in Tuch gewickelte Mittelstück in der Mitte mit dem gesalzenen Wein-Wasser-Sud übergießen, das Schwanzstück am anderen Ende über schwächerer Glut braten. Die drei Zonen brauchen gleichzeitig unterschiedliche Aufmerksamkeit - wie sich Fett-Spritzer, Sud-Tropfen und Glut dabei nicht gegenseitig stören, sagt der Text nicht, das muss man am Feuer selbst austarieren. An Gerät braucht es nur Rost, einen Topf für den Sud, ein Gefäß für das heiße Schmalz und ein Tuch.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Als anspruchsvolles Schaugericht, ja. Rost, ein Topf für den Wein-Wasser-Sud und etwas heißes Schmalz reichen an Ausrüstung, ein Ofen oder eine Kühlmöglichkeit sind nicht nötig. Die drei Garverfahren laufen aber gleichzeitig an einem einzigen Fisch ab und verlangen volle Aufmerksamkeit, damit Kopf, Mittelstück und Schwanz nicht verbrennen oder zerfallen - eher etwas für eine kleine Vorführung am Feuer als für den schnellen Alltag.

Was bedeutet 'formm' in diesem Rezept?

'Formm' ist hier im Sinn von 'Arten' oder 'Weisen' zu verstehen, also drei verschiedene Zubereitungsweisen aus einem Fisch, nicht eine Kochform oder Kasserolle. Der Schlusssatz des Rezepts bestätigt das ausdrücklich mit 'dreyerlaj essen' (dreierlei Speisen).

Warum wird dem Wein-Wasser-Sud etwas Blut zugegeben?

Blut diente in der mittelalterlichen Küche als Bindemittel und Farbgeber für Sude und Saucen, ähnlich wie es heute etwa bei dunklen Wildsaucen noch bekannt ist. Vermutlich bindet und färbt es auch hier leicht den heißen Wein-Wasser-Sud, mit dem das Mittelstück des Fisches gesotten wird.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.

von ainem visch gepraten gesoten vnd gepachen dem thue also . Item wiltu machen ain visch aus drey formm zue essen von ainem visch der dennocht sey So nym In her vnd leg In auf ainen rost vnd be= sprenng das haubt stuck mit mel vnd begeuss das mit haissem schmalcz als lanng piss das dich duncket das es sein genuog habe vnd praunn werde vmb das mitter oder mittel tail das schlahe In ain schon weiss tuoch vmb vnd vmb vnd begeuss das mit hais= sem wein vnd wasser durch ainannder vnd sallcz den wein vnd das wasser Begeuss das mittel tail damit ein wenig damit So seud es schon das thue pisz es sein genuog habe vnd thue ein wenig pluot vnnder den wein Das zagel stuck salcz schon vnd stupffs mit ainem messer vnd ain gluot schlahe dar vnnder vnd prat es kull vnd lass nit verprynnen vf dem rost Also hastu dreyerlaj essen von dem visch das ain gepachen Das annder gesotten Das dritt gepratten .
von ainem visch gepraten gesoten vnd gepachen dem thue also

Eine einleitende Ankündigungsformel vor dem eigentlichen Rezepttext ("Item wiltu..."), inhaltlich redundant mit dem Schlusssatz ("dreyerlaj essen ... das ain gepachen Das annder gesotten Das dritt gepratten"); in der modernen Übersetzung daher ausgelassen.

rost

Ein Rost/Bratgestell über der Glut, hier gleichzeitig für Backen, Sieden und Braten genutzt.

haubt stuck

Das Kopfstück des Fisches, hier in Mehl gewendet und in heißem Schmalz übergossen (= gebacken).

mitter oder mittel tail

Das Mittelstück des Fisches, in Tuch gewickelt und mit gesalzenem Wein-Wasser übergossen (= gesotten).

zagel stuck

Das Schwanzstück des Fisches, gesalzen, eingestochen und über Glut gebraten.

tuoch

Ein weißes Tuch, um das Mittelstück beim Sieden zusammenzuhalten und den Wein-Wasser-Sud gezielt aufzutragen.

pluot

Etwas Blut wird gegen Ende dem Wein-Wasser-Sud zugegeben, vermutlich zur Bindung und Färbung des Sudes.

kull

Meint hier 'auf schwacher/gemäßigter Hitze braten', nicht 'abkühlen lassen' - eine bekannte Lesefalle im Korpus.

schon

Hier im Sinn von 'gründlich/ordentlich' zu lesen (Salzen, Sieden), nicht 'bereits/schon'.

Handschrift
Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch
Folio
Fol. 097r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)
Entstehung
Württemberg / Basel, 1460
CoReMA

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartformm

Gewählte Lesart: Als 'Arten/Weisen' übersetzt (drei Zubereitungsarten aus einem Fisch), gestützt durch den Schlusssatz 'dreyerlaj essen' (dreierlei Speisen).

Andere mögliche Lesart:

  • Kasserolle/Auflaufform (Kochgefäß) - CoReMA verlinkt 'formm' im Sachglossar mit einem Wikidata-Eintrag für Kasserolle - im Text ist aber an dieser Stelle kein Gefäß erwähnt, sondern eine Aufteilung in drei Speisen aus einem Fisch.

Lesartdennocht

Gewählte Lesart: Übersetzt als 'obwohl es doch nur einer sei' - betont, dass trotz drei Zubereitungen nur ein einziger Fisch verwendet wird, passend zum Titel 'aus drey formm ... von ainem visch'.

Andere mögliche Lesart:

  • noch vorhanden / frisch - 'Dennocht' kann zeitlich 'noch' bedeuten; im Satzzusammenhang mit 'der dennocht sey' passt aber die konzessive Lesart besser zur Gesamtaussage des Rezepts.

Originalwerk (~1460) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 097r, Universitätsbibliothek Basel, Cod. AN V 12 (1460); bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz (CC BY-NC-SA 4.0)
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), TEI-Edition Böhm/Klug 2021, CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Am offenen Feuer auf dem Rost grundsätzlich machbar - Rost, ein Topf für den Wein-Wasser-Sud und heißes Schmalz genügen an Ausrüstung, kein Ofen und keine Kühlung nötig. Es ist aber kein schnelles Lageressen, sondern ein anspruchsvolles Schaugericht: die drei Garverfahren laufen gleichzeitig an einem einzigen Fisch ab und verlangen volle Aufmerksamkeit an drei Stellen zugleich.
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