Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch · Württemberg / Basel · 1460
Von einer Sauce, im Tau zu fangen: Nimm ein Tuch und breite es in einem Garten aus. Fange darauf den Maitau. Drücke den Tau in ein Gefäß und lege darin Petersiliensamen eine Nacht oder einen Tag lang ein, so dass er darin einweicht.
Nimm danach Bohnen und zerstoße sie zu Pulver. Lege das Pulver, wohin du willst, und wirf den Petersiliensamen darauf. So wächst er sogleich.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| mayen taw | Maitau | - | - | - |
| peterling samen | Petersiliensamen | - | Gartencenter, Supermarkt (Saatgut-Abteilung) | - |
| ponen | Bohnen | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Kein Speiserezept, sondern ein Garten-Aberglaube: eine Anleitung, mit der Petersiliensamen angeblich augenblicklich keimen sollen, wenn man sie in aufgefangenem Maitau einweicht und anschließend auf zerstoßenem Bohnenpulver aussät. Die "Sallsen" (Sauce) des Titels ist rein bildlich gemeint - gemeint ist der im Tuch gesammelte Tau, keine echte Speisesauce. Die lebende Verwandtschaft liegt nicht in der Küche, sondern in der Gattung der Garten-Volksüberlieferung, wie sie bis heute in Bauernkalendern und Hausmittel-Sammlungen fortlebt.
Die eingeweichten Samen. Ob "paisss dar Inne" wörtlich "einweichen" oder eher "einwirken lassen" meint, bleibt sprachlich nicht ganz eindeutig - praktisch läuft beides auf dasselbe hinaus: Die Samen liegen eine Nacht oder einen Tag im gesammelten Tau. Ein Vor-Einweichen von Petersiliensamen vor der Aussaat ist tatsächlich eine bis heute gebräuchliche Gartentechnik, weil Petersilie notorisch langsam und ungleichmäßig keimt - allerdings beschleunigt das die Keimung um Tage, nicht um Stunden.
Praxis. Wer den Vorgang nachvollziehen will: ein Tuch im Garten auslegen, den Morgentau darin auffangen und in ein Gefäß auswringen, Petersiliensamen darin eine Nacht oder einen Tag einweichen, danach getrocknete Bohnen zu Pulver zerstoßen, als Saatbett auslegen und die eingeweichten Samen darauf aussäen. Ein sofortiges oder auch nur binnen Stunden sichtbares Keimen findet dabei nicht statt - Petersilie braucht unabhängig von diesem Verfahren mehrere Wochen. Der Text beschreibt einen Volksglauben, keine funktionierende Gartentechnik.
Nein, weil es sich gar nicht um ein Speiserezept handelt. Es beschreibt einen Garten-Aberglauben, mit dem Petersiliensamen vermeintlich sofort keimen sollten. Am Lager taugt es höchstens als kuriose Anekdote am Feuer, aber nicht zum Kochen.
Der Titel ist bildlich zu verstehen: Der im Garten aufgefangene Maitau wird scherzhaft als 'Sallsen' (Sauce) bezeichnet, weil er wie eine Flüssigkeit in einem Gefäß gesammelt und weiterverarbeitet wird. Ein echtes Sauce-Rezept steckt nicht dahinter.
Nein, botanisch hat das keine Wirkung. Petersiliensamen brauchen unabhängig von Tau-Einweichen oder Bohnenpulver mehrere Wochen zum Keimen. Der Text spiegelt einen mittelalterlichen Volksglauben wider, keine belegte Gartentechnik.
Dieses Rezept stammt aus dem Kochbuch des Meisters Hans (1460, Württemberg / Basel). Vollständiges Kochbuch des Küchenmeisters Graf Ulrichs V. von Württemberg, geschrieben 1460. Einzig erhaltener Textzeuge: Cod. AN V 12 der Universitätsbibliothek Basel. Enthält Senf- und Hanfspeisen, Fastenkost, Schau- und Scherzgerichte sowie ein eigenes Register vorneweg.
Wörtlich 'Sauce/Tunke'. Hier metaphorisch für den im Garten aufgefangenen Tau gebraucht, nicht als tatsächliche Speisesauce.
Tau, der im Mai-Morgen gesammelt wird. Dem Maitau wurden im Volksglauben besondere, fast magische Kräfte für das Pflanzenwachstum zugeschrieben.
Ein Tuch oder eine Plane, die im Garten ausgebreitet wird, um den Morgentau aufzufangen. Das Wort kommt im Korpus sonst nicht vor (Hapax legomenon). Die Tuch-Lesart wird gestützt durch den Zwilling rfk-075, der an derselben Stelle 'lilachen' (Leintuch) nennt, sowie durch das Schwäbische Wörterbuch (Fischer): 'Blahe' als Tuch zum Durchseihen - passend zum Württemberger Hofkontext des Buchs. CoReMA glossiert das Wort abweichend als 'sheet pan' (Backblech).
Bohnen, hier zu Pulver zerstoßen, die im magischen Ablauf zusammen mit den eingeweichten Samen ausgebracht werden.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
plachen
Gewählte Lesart: Ein Tuch oder eine Plane, die zum Auffangen von Tau im Garten ausgebreitet wird - naheliegend im Kontext von 'praitz In ainen garten' (im Garten ausbreiten) und zusätzlich gestützt durch den Zwilling rfk-075 ('lilachen'/Leintuch an derselben Stelle) sowie das Schwäbische Wörterbuch ('Blahe' = Tuch zum Durchseihen).
Andere mögliche Lesart:
paisss dar Inne
Gewählte Lesart: Lass die Petersiliensamen darin einweichen/liegen (Verb zu 'beizen', hier im Sinne von einweichen lassen).
Andere mögliche Lesart:
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