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Wein mit sauren Äpfeln stark gären lassen

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581

RezeptKellerhandwerkEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
BuchEin new Kochbuch (~1581)

Nimm drei oder vier saure Äpfel und schneide sie in den Wein. Wenn ihr Geschmack vergeht, gib wieder ebenso viele hinein. Mach das so lange, bis der Wein gut gärt. Dann wird er frisch und gut.

Auch zu Weihnachten und wenn der Wein blüht, regt sich der Wein von Natur aus gern.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Wein Wein - - -
drey oder vier saur Epffel drei oder vier saure Äpfel 3-4 - Der Text nennt keine Sorte. Heute eine säuerliche Sorte wie Boskoop oder Granny Smith (moderne Wahl).

Was ist das? Eine Kellerregel, kein Gericht. In einen Wein werden drei oder vier saure Äpfel geschnitten. Sobald sie ihren Geschmack abgegeben haben, kommen ebenso viele neue hinein, und das so lange, bis der Wein gut gärt. Danach soll er „frisch vnd gut“ sein. Ein zweiter Absatz nennt zwei Zeiten, zu denen sich Wein von selbst regt: Weihnachten und die Rebblüte.

Saure Äpfel, nicht süße. Im selben Anhang steht das Gegenstück (rum-1919): Dort kommen süße Äpfel in den Most, damit er nicht gärt und süß bleibt, und sie werden wieder herausgenommen. Hier sind es saure Äpfel, und das Ziel ist umgekehrt: Die Gärung soll in Gang kommen. Ein Herausnehmen nennt Rumpolt hier nicht. Beide Regeln nicht vermischen.

Warum Äpfel? Der Text begründet nichts, er gibt eine Erfahrungsregel. Heute würde man sagen: Apfelstücke bringen Zucker und Nährstoffe in den Wein, ein schwacher Wein mit etwas Restzucker kann dadurch wieder anspringen. Das ist eine moderne Deutung, kein Beleg dafür, wie man es 1581 verstanden hat.

Wie viel und wie lange? Drei oder vier Äpfel, aber für welche Menge Wein, sagt der Text nicht; eine Dosierung pro Liter lässt sich daraus nicht ableiten. Auch eine Dauer fehlt. Als Abbruchzeichen gilt „biß er wol geren wirt“: Heute erkennt man die Gärung am Aufschäumen und an aufsteigenden Bläschen am Spund. Ist der Wein schon durchgegoren und hat keinen Zucker mehr, springt er auch mit Äpfeln kaum wieder an.

Praxis. Wer es nachstellen will, schneidet die Äpfel mit Schale in Stücke und nimmt sie heraus, sobald die Gärung angesprungen ist. Beides ist heutige Kellerpraxis, der Text nennt weder Schälen noch Herausnehmen. Die Rebblüte fällt heute etwa in die Zeit von Ende Mai bis Juni.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Es ist eine Kellerregel ohne Gericht: Die Gärung läuft im Fass, am Feuer wird nichts zubereitet. Eine Dauer nennt der Text nicht.

Welche Äpfel nehme ich?

Der Text verlangt saure Äpfel, eine Sorte nennt er nicht. Wer es heute ausprobiert, greift zu einer säuerlichen Sorte; das ist eine moderne Wahl, keine Vorgabe Rumpolts. Ob die Äpfel geschält werden, sagt der Text nicht.

Was bedeutet „geren“?

Gemeint ist „gären“. Rumpolt schreibt das Wort im ganzen Kellerabschnitt so, etwa auch in der Regel, die Most vor dem Gären bewahrt. „geren“ ist die ältere Form des Verbs, kein Druck ohne Umlautzeichen.

Warum hier saure Äpfel und in der Mostregel süße?

Die Regeln verfolgen entgegengesetzte Ziele. In der Mostregel (rum-1919) sollen süße Äpfel verhindern, dass der Most gärt, damit er süß bleibt; dort werden sie wieder herausgenommen. Hier sollen saure Äpfel den Wein gerade zum Gären bringen. Eine Begründung für die Wahl der Äpfel gibt Rumpolt in beiden Fällen nicht.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 2.000 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.

Wein sehr geren zu machen, daß er frisch werd. Jtem, nim̃ drey oder vier saur Epffel, vnd schneidt die darein, vnd weñ denen jr Geschmack vergeht, so thu aber so viel darein, das thu so lang, biß er wol geren wirt, so wirt er frisch vnd gut. Jtem, zu Weihnachten, vnnd wenn der Wein bluͤt, so reget sich der Wein von Natur gern.
geren

gären. So schreibt Rumpolt das Wort im ganzen Kellerabschnitt (auch „gere“, „geret“). Es ist die ältere Form des Verbs, mittelhochdeutsch jern, gern; das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch führt „gären“ von Wein und Bier als „sieden, gären“. Nicht zu verwechseln mit dem gleich geschriebenen „geren“ = begehren.

frisch

Wohl ein lebendiger, nicht fader oder abgestandener Wein. Eine genauere Bestimmung gibt der Text nicht.

bluͤt

Wahrscheinlich die Rebblüte, also die Blüte der Weinstöcke. Rumpolt nennt sie im Kellerabschnitt noch einmal ausdrücklich („wenn die Weinreben bluͤen“) als Zeit, zu der sich Wein von selbst verändert. Einen Grund gibt der Text nicht.

Jtem

„Ebenso“ oder „Weiter“, mit dem Rumpolt einen neuen Absatz oder eine Variante einleitet. Das J steht für I.

Druck
Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle
Teil
Anhang: Wie man Wein macht, pflegt und bessert
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Frankfurter Druckersprache mit oberdeutscher Schreibung, südwestdeutsch/rhein-mainischer Küchenwortschatz, 1581)
Entstehung
Frankfurt am Main, 1581

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Weinwine Q282
drey oder vier saur Epffelapple Q89

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwenn der Wein bluͤt

Gewählte Lesart: Die Rebblüte, also die Blüte der Weinstöcke, als zweiter Zeitpunkt neben Weihnachten, zu dem sich der Wein „von Natur“ regt. Gestützt durch Rumpolts eigene Kellerregel „Wein zu versuchen“ (rum-1931): „Auch wenn die Weinreben bluͤen, werden die Wein auch natuͤrlich ... gebrochen vnd verwandelt“. Das Wort Weinblüte für die Rebblüte ist auch im Deutschen Wörterbuch belegt.

Andere mögliche Lesart:

  • Die „Blume“ des Weins, also Kahmhefe oder eine Haut auf der Oberfläche. - Im Keller kann „blühen“ das Entstehen einer solchen Haut heißen. Das wäre ein Fehlerzeichen und passt weder zu „reget sich gern“ noch zur Zeitangabe neben Weihnachten.

Lesartreget sich der Wein von Natur gern

Gewählte Lesart: „gern“ ist das Adverb „gerne“: Der Wein regt sich zu diesen Zeiten von selbst leicht. Rumpolt schreibt das Verb im ersten Absatz „geren“, hier steht die kurze Form.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein Anklang an „geren“ = gären: Der Wein gärt von Natur aus. - Inhaltlich naheliegend, aber „reget sich“ trägt die Bewegung bereits, und die Schreibung unterscheidet sich vom Verb im ersten Absatz. Deshalb nur als Mitklang, nicht in die Übersetzung.

Lesartdrey oder vier saur Epffel (Menge des Weins)

Gewählte Lesart: Drei oder vier Äpfel für ein Gebinde unbestimmter Größe. Der Text nennt weder Fass noch Maß; die Nachbarregel mit süßen Äpfeln spricht vom „Faß“, ebenfalls ohne Größe.

Andere mögliche Lesart:

  • Heute: keine Dosierung festlegen. - Aus einer Apfelzahl ohne Weinmenge lässt sich keine Menge pro Liter ableiten.

Lesartschneidt die darein

Gewählte Lesart: Die Apfelstücke bleiben im Wein, bis er „wol geren wirt“; ein Herausnehmen nennt der Text nicht, ebenso wenig, ob geschält wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Heute: Stücke mit Schale, nach dem Anspringen der Gärung herausnehmen. - Heutige Kellerpraxis, im Text nicht genannt. Die Nachbarregel mit süßen Äpfeln (rum-1919) nimmt die Äpfel ausdrücklich wieder heraus, verfolgt aber das entgegengesetzte Ziel.

Lesartdas thu so lang/ biß er wol geren wirt

Gewählte Lesart: Abbruchkriterium ist allein das gute Gären, erkennbar am Aufbrausen im Fass („gären“ heißt im Frühneuhochdeutschen von Wein auch „sieden“). Eine Zahl von Tagen nennt der Text nicht.

Andere mögliche Lesart:

  • Heute: die Gärung am Aufschäumen und an Bläschen am Spund erkennen und dann aufhören. - Moderne Beobachtung desselben Vorgangs, kein Zusatz zum Verfahren.

LesartWein (Ausgangszustand)

Gewählte Lesart: Der Text kennt den Fall eines völlig durchgegorenen Weins nicht. Stillschweigend vorausgesetzt ist ein Wein, der noch vergärbaren Zucker hat und wieder anspringen kann.

Andere mögliche Lesart:

  • Heute: Ein durchgegorener Wein ohne Restzucker springt auch mit Äpfeln kaum wieder an. - Moderne Kellererfahrung; erklärt, warum die Regel nicht bei jedem Wein wirkt.

Originalwerk (~1581) gemeinfrei.

Bildquelle
Bl. CLXXXVa, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PPN824825497 Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Transkription Justus-Liebig-Universität Gießen 2013 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rum-1921
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern Kellerarbeit: Die Gärung läuft im Fass, am Feuer wird nichts zubereitet. Am Weinfass lässt sich das Apfelschneiden als Erklärung erwähnen.
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Stand dieser Fassung: 19.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.