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Gänseklein in Blutsauce mit Zwiebel-Speck-Sud

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit150 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm das Blut der Gänse. Siede darin die Füße, Hälse und Flügel, vermischt mit Wein und Wasser. Reibe Roggenbrot, röste es in Gänseschmalz und gib es dazu, dann würze alles gut.

Danach bereite die Gans so zu: Nimm geröstete Semmel und streiche sie mit Wein durch ein Tuch, ebenso die Brühe, in der die Gans gesotten wurde. Hacke Zwiebeln klein mit Speck und lass beides zusammen anrösten. Gib reichlich Fett dazu, damit die Sauce schön sämig wird, und würze gut.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
schwaiß von genssen Gänseblut - Geflügelmetzger, meist nur saisonal zur Martinsgans (November) erhältlich -
fiesß Gänsefüße - Geflügelmetzger -
kregen Gänsehälse - Geflügelmetzger -
fligel Gänseflügel - Geflügelmetzger -
wein Wein - - -
wasßer Wasser - Leitung -
rúgin brott Roggenbrot, gerieben - - -
schmaltz Gänseschmalz - - -
gwirtz Gewürze - - -
gebetten semel geröstete Semmel - - -
aúch die brie, darin die ganß gesotten jst Gänsebrühe vom Kochen der Gans - - -
zwiffel Zwiebeln - - -
speck Speck - - -

Welches Gericht ist das? Ein zweiteiliges Gänsegericht: zuerst eine dunkle, mit Gänseblut gebundene Sauce für das Gänseklein (Füße, Hälse, Flügel), danach eine helle Zwiebel-Speck-Weißbrotsauce für die Gans selbst.

Die Blutbindung. Das Gänseblut wird nicht roh serviert, sondern beim Sieden mit den Gänseteilen, Wein und Wasser durch Hitze zum Gerinnen gebracht - dabei bindet und dunkelt es den Sud, ähnlich wie eine Legierung mit Ei, nur eben mit Blut. Das geröstete Roggenbrot verstärkt diese Bindung und die dunkle Farbe zusätzlich.

Die zweite Sauce. Für die helle Sauce wird geröstete (nicht eingeweichte) Semmel mit Wein durch ein Tuch gestrichen, ebenso die eigene Gänsebrühe - das entfernt die Krume und ergibt eine glatte, sämige Flüssigkeit ohne moderne Mehlschwitze. Angeröstete Zwiebeln und Speck liefern die Röstaroma-Basis.

Praxis. Beide Saucen sind am offenen Feuer in Topf und Pfanne machbar, ein Ofen wird nicht gebraucht. Das Blut sollte beim Sieden nur sanft gezogen, nicht stark gekocht werden - zu starke Hitze lässt es grob-körnig statt sämig gerinnen; der Text selbst nennt keine Hitzestufe. Ob die beiden Saucen am Ende zu einer verbunden oder als zwei getrennte Zubereitungen zur selben Gans serviert werden, lässt der Text offen - beide Lesarten sind mit dem Wortlaut vereinbar.

Wo bekomme ich Gänseblut und die Gänseteile für dieses Rezept?

Beim Geflügelmetzger, am ehesten zur Martinsgans-Saison im November, wenn ganze Gänse mit Innereien und teils auch Blut angeboten werden. Am besten vorbestellen, da Blut nicht zum Standardsortiment gehört.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Eingeschränkt geeignet. Zwei getrennte Sude, das Passieren des Weißbrots durch ein Tuch und die saisonale Beschaffung des Gänseblutes machen es aufwendiger als ein Ein-Topf-Gericht, aber mit Feuer, Topf und Tuch grundsätzlich am Lager durchführbar.

Was bedeutet 'schwaiß' im Rezept?

'Schwaiß' ist hier das Blut der Gans, nicht Schweiß. Blut diente in der Küchensprache dieser Zeit als Binde- und Färbemittel für dunkle Saucen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Jtem volgents nim den schwaiß von genssen, seúdt die fiesß, kregen, fligel darin mit wein vnnd wasßer, reib rúgin brott, rests jn ainem schmaltz, thús darein vnd gwirtz woll, folgents mach jn also/ nim gebetten semel, streich das mit wein dúrch ain túch, aúch die brie, darin die ganß gesotten jst, so hack zwiffel klain mit speck, lasß anainander resten, mach jn faist vnnd gewirtzt jn woll.
schwaiß

Bedeutet hier nicht Schweiß, sondern das Blut der Gans. Blutsaucen wie diese sind eine typische spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Bindungs- und Färbetechnik, verwandt mit dem 'schwarzen Pfeffer'.

rúgin brott

Roggenbrot wird hier gerieben und in Schmalz geröstet, um den Sud zu binden und ihm eine dunkle Farbe zu geben - eine Alternative zur Bindung mit Semmel.

gebetten semel

'Gebät' heißt geröstet, nicht eingeweicht. Die Semmel wird also getrocknet-geröstet und dann mit Wein durch ein Tuch gestrichen, um eine glatte, sämige Sauce zu erhalten.

brie

Meint hier die Brühe, in der die Gans gekocht wurde, nicht den gleichnamigen Käse - im Kochbuch der Sabina Welserin ein Standardausdruck für Brühe oder Sud.

resten

'rests'/'resten' meint rösten/röstet (Entrundung ö zu e im Frühneuhochdeutschen), nicht rasten (ausruhen) - trotz gleicher Buchstabenfolge ein anderes Wort. Bestätigt durch MHDBDB (Lemma rœsten).

faist

Schwäbisch-bairisch für 'fett' (vgl. Fischer, Schwäbisches Wörterbuch: 'macht die faist sey unnd renne schmaltz'; Schmeller). 'mach jn faist' heißt wörtlich 'mach es fett' - gemeint ist, der Sauce zum Schluss noch reichlich Fett zuzugeben, nicht ein vages 'reichhaltig machen'.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 5 verso
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

weinwine Q282
wasßerwater Q283
schmaltzanimal fat Q1423543
zwiffelonion Q3406628
speckbacon Q11106

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartkregen

Gewählte Lesart: Gänsehälse - im Aufzählungskontext mit Füßen und Flügeln als weiterer Gänseteil gelesen.

Andere mögliche Lesart:

  • Gänsekröpfe oder Kehlhaut (Kragen im Sinne von Halsbereich) - Das Wort ist im Korpus nicht sicher belegt, denkbare Ableitung von 'Kragen' als Halspartie oder Kropf des Tieres, ohne eindeutigen Wörterbuchbeleg.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 5 verso, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Aufwand): zwei getrennte Sude und zwei Saucen nacheinander, dazu das Passieren des Weißbrots durch ein Tuch. Gänseblut als Bindemittel ist saisonal nur zur Martinsgans-Zeit im Herbst zu bekommen, das ist der eigentliche Engpass.
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Stand dieser Fassung: 16.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.