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Eier-Milch-Mus im Häfelein

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

BeilageBeilageLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit35 Min.Portionen2-4 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Nimm Milch und Eidotter zu gleichen Teilen. Lass etwas Schmalz in einem kleinen Häfelein zergehen. Gieß die Milch und die Eidotter hinein.

Stelle das Häfelein in siedendes Wasser und lass die Mischung darin stehen.

Hebe die Masse dann sorgfältig mit einem eisernen Löffel in kleinen Stücken heraus und lege sie in eine Schüssel. Man nennt dieses Gericht manchmal auch schlicht 'eine Milch im Häfelein'.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
milch Milch - - -
airdetterlach Eidotter, gleiche Menge wie die Milch - - -
schmaltz etwas Schmalz - - Historisch am ehesten tierisches (z. B. Schweine-)Schmalz gemeint; wer es milder mag, kann ersatzweise Butter verwenden - im Buch selbst aber sprachlich nicht das, was der Text nennt.
siedigen wasser Wasser (für das Wasserbad) - Leitung -

Welches Gericht ist das? Ein reines Milch-Eidotter-Mus, das in einem kleinen Häfelein im Wasserbad gestockt und anschließend löffelweise in Stücken herausgehoben wird. Technisch ist das derselbe Vorgang, der heute den Eierstich ergibt - die feste Ei-Milch-Einlage für klare Suppen -, hier aber pur und ungewürzt als eigenständige, milde Speise serviert statt als Suppengarnitur.

Beim Fett gibt es eine echte Lese-Unsicherheit, die aber für Schmalz spricht: Der Text nennt nur „ain schmaltz“, nicht das im Buch sonst eigens benannte „bútter“ oder „púterschmaltz“ (Butterschmalz). Da die Verfasserin diese Unterscheidung im übrigen Buch konsequent durchhält, ist mit bloßem Schmalz eher tierisches (z. B. Schweine-)Fett gemeint als Butter. Wer es milder mag, kann ersatzweise Butter verwenden - das ist dann aber eine bewusste Abweichung vom Wortlaut.

Praxis. Milch und Eidotter zu gleichen Teilen verquirlen. Das Schmalz im kleinen Töpfchen zergehen lassen, dann die Ei-Milch-Mischung hineingießen. Das Töpfchen in einen größeren Topf mit siedendem Wasser stellen (Wasserbad) und stehen lassen, bis die Masse gestockt ist - der Text nennt dafür keine Zeit- oder Temperaturangabe, in der Praxis dauert das je nach Topfgröße und Siedehitze grob 30 bis 40 Minuten bei mäßig köchelndem Wasser. Das Wasserbad sorgt für gedämpfte, indirekte Hitze: Die Ei-Milch-Mischung gerinnt dadurch langsamer und gleichmäßiger, statt bei direkter Feuerhitze schlagartig zu verklumpen oder anzubrennen. Die gestockte Masse dann sorgfältig mit einem eisernen (oder anderen Metall-)Löffel in kleinen Stücken herausheben und in eine Schüssel geben. Frisch servieren - das Mus ist kein Vorrats- oder Reisegericht.

Was bedeutet der Name 'Kachelmus'?

Kachel meint hier ein kleines irdenes Töpfchen, kein Gewürz oder keine Zutat. Das Mus wird direkt im Töpfchen im Wasserbad gegart, daher der Name. Die Verfasserin nennt selbst den Alltagsnamen 'eine Milch im Häfelein' als Synonym.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, gut geeignet. Man braucht nur einen kleinen Topf im größeren Wassertopf, etwas Geduld beim Stocken lassen und einen Metalllöffel zum Portionieren - alles Standardausrüstung am Feuer.

Was bedeutet 'airdetterlach' genau?

Es ist der Plural von 'Eidotter' mit einer schwäbischen Verkleinerungs- und Sammelendung ('-lach'), die im Buch auch bei anderen Zutaten wie Nelken oder Rosinen vorkommt. Gemeint sind schlicht mehrere Eigelbe.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Ain kachelmúsß zú machen Nim milch vnnd airdetterlach gleich/ nim ain schmaltz, lasß jn ainem heffellin zergann, geúsß die milch vnnd airdetter darein, lasß jn ainem siedigen wasser stan vnnd legs fein mit ainem eissin leffel mit sticklen jn die schissel, man haists aúch zúzeiten ain milch jn ainem heffelin.
kachelmúsß

Der Titel benennt das Gericht nach seinem Kochgefäß: eine 'Kachel' war ein kleiner irdener Topf oder ein Häfelein. 'Kachelmus' heißt also so viel wie 'im Töpfchen gegarter Brei'.

heffellin

Verkleinerungsform von 'Hafen' (Topf) - ein kleines Töpfchen, wie es für Portionsgerichte am Herd verwendet wurde.

airdetterlach

Zusammengesetzt aus 'Ei', 'Dotter' und der schwäbischen Sammel-/Verkleinerungsendung '-lach', wie sie im Buch auch bei 'negellach' (Nägelein) oder 'weinberlach' (Rosinen) auftritt. Gemeint sind schlicht Eidotter, im Plural.

siedigen wasser

Siedendes Wasser, in dem das Töpfchen mit der Ei-Milch-Mischung steht - eine frühe Form des Wasserbads (Bain-Marie), die verhindert, dass die Eier direkt auf dem Feuer gerinnen.

sticklen

Kleine Stücke oder Klümpchen, in denen die gestockte Masse aus dem Topf gehoben wird.

schmaltz

Fett allgemein, meist tierisch. Die Verfasserin unterscheidet im übrigen Buch klar zwischen 'schmaltz' und eigens benanntem 'bútter'/'púterschmaltz' (Butterschmalz) - bloßes 'schmaltz' ohne diesen Zusatz bezeichnet bei ihr regelmäßig gewöhnliches (oft tierisches) Bratfett. Das Rezept nennt hier nur 'ain schmaltz', kein 'púterschmaltz' - daher ist Schmalz die naheliegendere Lesart, nicht Butter.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 13 recto
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

airdetterlachyolk Q16336079
schmaltzanimal fat Q1423543

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartschmaltz

Gewählte Lesart: Schmalz - im Frühneuhochdeutschen meist tierisches Fett; die Verfasserin benennt Butter im übrigen Buch stets eigens ('bútter'/'púterschmaltz'), bloßes 'schmaltz' ohne diesen Zusatz verwendet sie regelmäßig als gewöhnliches (oft tierisches) Bratfett.

Andere mögliche Lesart:

  • Butter - Für ein feines Milch-Ei-Mus in einem wohlhabenden Augsburger Haushalt wäre Butter geschmacklich naheliegend, doch das Buch selbst unterscheidet sprachlich klar zwischen Butter und Schmalz - diese Lesart stützt sich allein auf Milieu-Plausibilität, nicht auf Textbefund.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 13 recto, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Im Wasserbad über dem Feuer in etwa 30-40 Minuten fertig, braucht aber Aufmerksamkeit, damit die Eier nicht gerinnen. Milch und Eidotter sind unproblematisch (H-Milch, ungewaschene Eier), lediglich das fertige Gericht sollte zeitnah serviert werden.
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Stand dieser Fassung: 17.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.