Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545
Mache es also: Gieße die zuvor beschriebene Farbe, eine Schicht, in einen Becher. Lasse sie etwa einen Finger dick stehen. Gieße danach eine weitere Farbe darauf, nicht heiß, nur kalt, oder sie fließt in die andere.
Gieße die Farbe hinein, so viel du willst, bis der Becher voll wird. Wenn es so gekocht und gestanden ist, dann stoße den Becher in heißes Wasser und ziehe ihn bald wieder heraus. Stürze den Becher über eine Schüssel, so hast du die ganze Farbe. Schneide dann die gestoßene Mandelmasse der Länge nach, so sieht man die Farben alle nacheinander.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Mandel zuͦger | Mandelmasse | - | Supermarkt (Backregal, gemahlene Mandeln) | Keine feste Marzipanrohmasse - für die gießbare Farbschicht dünne Mandelmilch aus gemahlenen Mandeln herstellen |
| farb | Lebensmittelfarbe | - | Supermarkt | Safran (Gelb), Brasilholz/Presilholz (Rot) oder Spinat/Petersilie (Grün) als historische Farbstoffe |
| waſſer | Wasser | - | Leitung | - |
Welches Gericht ist das? Ein geschichtetes Farbkonfekt neben der gestoßenen Mandelmasse: mehrere gefärbte, gelierte Flüssigkeitsschichten werden nacheinander kalt in einen Becher gegossen, durchziehen lassen, gestürzt und der Länge nach aufgeschnitten, damit die Farbbänder im Anschnitt sichtbar werden. Die unmittelbaren Buchnachbarn std-019 und std-021 (beide auf demselben Blatt) teilen genau diese Schicht-im-Becher-Technik: std-019 liefert die vorbereitete Farbe, std-021 wendet dasselbe Verfahren auf Blumenformen an. std-011 (dreifarbige Mandelgallerte) behandelt zwar dasselbe Thema - mehrfarbiges Mandelkonfekt zum Anschneiden -, verwendet aber ein anderes Verfahren (einzeln gestockte Massen, schachbrettartig zusammengesetzt statt geschichtet gegossen). Die lebende Verwandtschaft: ein geschichtetes Gelee- oder Panna-cotta-Glas, eine mehrfarbige Bavarois-Schnitte oder eine geschichtete Aspik-Sülze zum Anschneiden - dasselbe Prinzip, mehrere gefärbte, gelierte Schichten übereinander zu gießen und quer anzuschneiden, ist bis heute ein gängiger Konditor- und Party-Trick.
Wie heißt das Gericht wirklich? Der Titelbegriff Mandel zuͦger ist im Buch nicht eindeutig zu klären. Zwei Lesarten sind belegt: Zum einen könnte „Zuger" das Gefäß meinen, in das die Farbschichten gegossen werden (bairisch für ein Gießgefäß, dasselbe Namensmuster wie beim bereits gesicherten „Reindel" in diesem Buch; die Schreibung mit ü in der Zweitausgabe von 1569 stützt diese Lesart auch morphologisch). Zum anderen kennt der Korpus „Ziger" als eigenen, mehrfach belegten Namen für eine Mandelmilch-Käse-Imitation. Die Technik dieses Rezepts - eine mit Hausenblase gelierte Flüssigkeit, gegossen in eine Form - teilt sich dabei mit dem buch-eigenen Nachbarrezept std-006 (Mandelkäse), nicht mit den drei Parallelrezepten unter demselben Namen in anderen Kochbüchern: die stellen die Mandelmilch stattdessen mit Wein oder Essig zu einer festen Masse geronnen her und pressen sie durch ein Tuch. Der Name „Ziger" überträgt sich hier also auf ein anderes Herstellungsverfahren als anderswo im Korpus üblich; welche der beiden Lesarten - Gefäß oder Käse-Name - zutrifft, bleibt offen.
Der Rückverweis auf die Farbe. Das Rezept nennt „die zuvor beschriebene Farbe" - das bezieht sich auf das unmittelbar vorangehende Rezept auf demselben Blatt, das eine rote Farbe aus Hausenblase-Wasser herstellt, sowie auf den Farbkatalog des Rezepts davor (Weiß natürlich, Gelb mit Safran, Grün mit Petersilie, Rot mit einer Apotheker-Farbe). std-020 baut also bewusst auf zwei vorher gelehrten Techniken auf, statt sie zu wiederholen.
Das fehlende Bindemittel. std-020 selbst nennt kein Geliermittel für die Farbflüssigkeit, obwohl die Technik - gießen, stehen lassen, aus der Form lösen - eindeutig eine gelierte Masse voraussetzt. Nach dem unmittelbar vorangehenden Rezept ist das wahrscheinlich Hausenblase, mit der auch die dortige rote Farbe gefestigt wird.
Praxis. Für jede Farbschicht eine mit Hausenblase gebundene, gefärbte Flüssigkeit vorbereiten (wie im Vorrezept beschrieben) und kalt werden lassen. Die erste Schicht in ein Glas oder einen Becher gießen und rund 10 bis 15 Minuten im Kühlschrank anziehen lassen, bevor die nächste - ebenfalls kalte, nie heiße - Farbschicht aufgegossen wird, sonst verlaufen die Schichten ineinander. Ist der Becher voll und die Masse durchgezogen, den Becher für wenige Sekunden in heißes, nicht kochendes Wasser tauchen, dann sofort wieder herausziehen - das löst nur die äußere Schicht von der Becherwand, ohne die Masse im Kern anzuschmelzen. Über einen Teller stürzen und der Länge nach aufschneiden, damit die Farbschichten im Anschnitt sichtbar werden.
Der Name ist im Buch nicht eindeutig zu klären. Wahrscheinlich ist eine Mandelmilch-Masse gemeint, die mit Hausenblase zu einer käseartigen, gestürzten Masse verarbeitet wird - näher an einer Sülze als an einem festen Konfekt wie Marzipan. Möglich ist auch, dass der Name auf das Gießgefäß zurückgeht, in dem die Farbschichten geformt werden.
Für Rot verwendete man vor allem Brasilholz (auch „Presilholz" genannt), für Gelb Safran oder Eidotter, für Grün Spinat oder Petersilie. Für dieses Rezept kannst du moderne Lebensmittelfarben verwenden.
Nein, aber es ist auch kein reines Lagerküchen-Rezept, sondern ein Schaugericht: Die Farbschichten müssen kühl gehalten werden, damit sie nicht ineinanderlaufen, und das braucht mehr Kontrolle, als ein Lager am offenen Feuer bietet. Serviert wurde es vermutlich in der heimischen Küche, zum Vorführen beim Anschneiden.
Eine mittelalterliche Mengenangabe nach Augenmaß - eine Schichtdicke von grob einem Finger, also etwa 1,5 bis 2 Zentimetern.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.
Der Name ist nicht eindeutig geklärt: entweder eine Mandelmilch-Käse-Imitation („Ziger", im Korpus mehrfach belegter Name, hier mit Hausenblase gefestigt wie beim buch-eigenen Mandelkäse std-006 - die drei Parallelrezepte unter demselben Namen in anderen Kochbüchern nutzen dagegen eine andere Technik, Säuregerinnung mit Wein oder Essig) oder eine nach ihrem Gießgefäß benannte Speise („Zuger", bairisch für ein Gefäß für Flüssigkeiten - wie beim „Reindel" in diesem Buch; die Schreibung mit ü in der Zweitausgabe von 1569 stützt diese Lesart morphologisch).
Eine Mengenangabe nach Augenmaß: eine Schichtdicke von grob einem Finger, also etwa 1,5 bis 2 Zentimetern.
Ein Rückverweis auf das unmittelbar vorangehende Rezept auf demselben Blatt, das eine rote Farbe aus Hausenblase-Wasser herstellt, sowie auf den Farbkatalog des Rezepts davor. Das Kraken-Transkript hatte an dieser Stelle ursprünglich das Wort „farb" ausgelassen (Wortausfall); Ausgabe 1569 (Gloning) bestätigt an derselben Stelle den vollständigen Ausdruck „die vorgeschriebne farb eine in einen becher".
OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „xx." (verstümmelte Kapitelziffer, Kraken vertauscht v/x-Ligaturen bei Rezeptnummern). Ergibt in „xx. Machs also" die korrekte Kapitelnummer für dieses Rezept (Nr. 20 in Buch 1); „vv." ist keine gültige Zählung an dieser Stelle. Beleg: Ausgabe 1569 (Gloning) liest hier „xx.", identisch mit der Rezeptposition.
OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „Machs" (Kraken spaltet den breiten Fraktur-Buchstaben M häufig in zwei Glyphen, hier zu „(P" verlesen). Ergibt in „Machs also" den Imperativ-Anschluss „mach es also"; „(Pachs" ist kein Wort. Beleg: text_modern übersetzt bereits korrekt mit „Mache es also"; Ausgabe 1569 (Gloning) liest hier „Machs also".
OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „geüß" (ß zu einfachem s verlesen). Dieselbe Imperativform erscheint im selben Rezept zweimal korrekt als „geüß"; „geüs" ist eine inkonsistente Einzelform. Ergibt in „geüß darnach mer ain farb darauff" einen sinnvollen Anschluss. Beleg: Ausgabe 1569 (Gloning) liest an derselben Stelle „geüß darnach mehr ein farb darauff".
OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „fleuſt" (f und langes ſ im Frakturdruck leicht verwechselt). Ergibt in „oder es fleuſt in das ander" einen sinnvollen Anschluss (fließen); „ſleuſt" ist kein Wort. Beleg: bereits in text_modern korrekt übersetzt („oder sie fließt in die andere"); Ausgabe 1569 (Gloning) liest an derselben Stelle „fleüßt".
OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „geſtoſſen" (ausgefallenes e nach dem Präfix ge-). Dasselbe Präfix erscheint im Rezept sonst durchgehend voll ausgeschrieben („geſtehen", „geſotten", „geſtanden"); „gſtoſſen" ist die einzige verkürzte Form. Beleg: Ausgabe 1569 (Gloning) liest an derselben Stelle „gestossen".
OCR-Lesefehler des Kraken-Transkripts für „mandel" (Fraktur-M als Klammer „(" verlesen, wie bereits bei „(Pachs" im selben Rezept). Ergibt in „den geſtoſſen mandel nach der leng" einen sinnvollen Anschluss (gestoßene Mandelmasse); „(andel" ist kein Wort. Beleg: Ausgabe 1569 (Gloning) liest an derselben Stelle „mandel".
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| farb | food coloring Q753009 |
| waſſer | water Q283 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Mandel zuͦger
Gewählte Lesart: Unklar zwischen zwei Lesarten - siehe Alternativen.
Andere mögliche Lesarten:
haiß waſſer (Wasserbad zum Entformen)
Gewählte Lesart: Praxis-Empfehlung: kurz, nur wenige Sekunden, in heißes, nicht kochendes Wasser tauchen - löst die Randschicht, ohne den Kern anzuschmelzen.
Andere mögliche Lesart:
eins fingers dick ... laß geſtehen (Standzeit zwischen den Farbschichten)
Gewählte Lesart: Praxis-Empfehlung: rund 10 bis 15 Minuten pro Schicht im Kühlschrank anziehen lassen, bevor die nächste Farbe aufgegossen wird.
Andere mögliche Lesart:
voꝛgeſchribne farb (fehlendes Geliermittel)
Gewählte Lesart: Praxis-Empfehlung: Hausenblase, wie im unmittelbar vorangehenden Rezept beschrieben, direkt im Wasser der Farbflüssigkeit auflösen.
Andere mögliche Lesart:
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.
Stand dieser Fassung: 08.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.