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Gänsefüllung mit Birnen und Wacholder

Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291 · Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg · 1492

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 6/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen4-6 PersonenBuchAlemannisches Büchlein von guter Speise (N1) (~1492)

Nimm für eine gute Füllung zu einer gebratenen Gans gehackten Speck, Knoblauch, Pfefferpulver, Wacholderbeeren und geschnittene Birnen. Treibe diese Zutaten und fülle die Gans damit. Gib Zibeben hinzu, dann ist es richtig und gut.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
gehackten speck gehackter Speck - Metzger, Supermarkt -
knoblouch Knoblauch - - -
pfefer buluer Pfefferpulver - - -
reckholder bere Wacholderbeeren - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
geschniten burn geschnittene Birnen - - feste, säuerliche Birnensorten wie Conference oder Alexander Lucas
zibeb Zibeben - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Rosinen oder Korinthen

Welches Gericht ist das? Eine gefüllte Bratgans mit Speck, Knoblauch, Wacholderbeeren, Birnen und Zibeben - die Vorstufe der bis heute bekannten Martins- beziehungsweise Weihnachtsgans mit Obst-Gewürz-Füllung. Hier stehen Birnen, Wacholder und Zibeben (getrocknete Weinbeeren) an der Stelle, an der die heutige Küche meist Äpfel und Backpflaumen verwendet - das Grundprinzip einer fetten Bratgans mit fruchtig-würziger Füllung ist dasselbe geblieben.

Vor oder nach dem Braten füllen? Der Text nennt die Gans an der Stelle, an der die Füllung beschrieben wird, bereits als 'gebraten' ('zu ainer gebraten gans'), ohne die Reihenfolge von Füllen und Braten eindeutig zu klären. Das lässt sich als Füllung für eine noch zu bratende Gans lesen oder als nachträgliches Füllen einer bereits gebratenen Gans - beide Lesarten bleiben offen.

Praxis. Fülle die rohe, ungegarte Gans vor dem Braten mit der Speck-Knoblauch-Mischung, sodass die Füllung im Ofen oder am Spieß mitgart und der Speck durchgart. Hacke Speck, Knoblauch, Pfefferpulver und Wacholderbeeren fein und vermische sie mit den geschnittenen Birnen; gib die Zibeben dazu und fülle die Mischung in die vorbereitete Gans. Der Speck liefert beim Braten das Fett, das die Füllung von innen bastet und saftig hält; Wacholder und Pfeffer geben die typische Wildgeflügel-Würze, Birnen und Zibeben die süß-herzhafte Balance. Eine bereits fertig gebratene Gans nachträglich mit der rohen Mischung zu füllen, würde bedeuten, dass roher Speck ungegart im Vogel verbleibt - das ist keine empfehlenswerte Praxis und keine gesicherte Lesart des Textes.

Was ist eine 'Zibebe' und wo bekomme ich sie?

Zibeben sind große, getrocknete Weinbeeren, ähnlich wie Rosinen, oft von Muskatellersorten. Sie sind in gut sortierten Supermärkten, Bioläden oder im Online-Gewürzhandel erhältlich. Alternativ kannst du auch normale Rosinen oder Korinthen verwenden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, die Zubereitung der Füllung ist sehr gut für die Lagerküche geeignet. Die Zutaten sind robust und die Mischung ist schnell gemacht. Das Braten der Gans selbst erfordert jedoch eine entsprechende Ausrüstung wie einen großen Dutch Oven oder einen Spieß über dem Feuer.

Was bedeutet 'fule' in diesem Rezept?

Das Wort 'fule' bedeutet hier 'Füllung'. Es beschreibt die Mischung, die in die Gans gegeben wird, um sie zu füllen. Diese Lesart ist kontextuell und corpus-intern durch das ähnliche Rezept alb-007 gesichert, einen eigenständigen Wörterbuchbeleg dafür gibt es nicht.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Alemannisches Büchlein von guter Speise (N1) (1492, Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg). CoReMA-Handschrift N1: die 26 Kochrezepte (fol. 17r-24r) der Sammelhandschrift Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291, schwäbisch, 1492-1494. Anton Birlinger hat sie 1865 als "Alemannisches Büchlein von guter Speise" gedruckt - die einzige gemeinfreie wissenschaftliche Edition zu einer CoReMA-Handschrift und damit ein vollwertiger Gegencheck neben dem TEI-Text. Jedes Rezept trägt im Original eine rote Überschrift. Textlich am Ende der Traditionslinie des "Buoch von guoter Spise" (bgs, um 1350) und des Meister Eberhard (meb); direkte Motiv-Parallelen zu ka1 (Krosaier), zum Holdermus-Cluster (ka1/kkm/m384/meb/rfk) und zum heidnischen Pfannkuchen (ka2/m5919/mha/mon).

guote fule Item ain guote fule zu ainer gebraten gans nim gehackten speck vnd knob= louch vnd pfefer buluer vnd reckhol= der bere vnd geschniten burn vnd tribes vnd fule es damit vnd tuo zibeb darin vnd so Istes recht vnd guot
fule

Hier im Sinne von 'Füllung', nicht im modernen Sinne von 'faul'. Diese Lesart ist kontextuell und corpus-intern durch das Parallelrezept alb-007 gesichert, das ausdrücklich auf die Fülle 'hievor von der Gans' zurückverweist; ein eigenständiger Wörterbuchbeleg für 'fule' in dieser Bedeutung existiert nicht.

gebraten

Partizip Perfekt von 'braten'. Der Text lässt offen, ob die Gans vor oder nach dem Füllen gebraten wird - siehe Praxis-Hinweis.

pfefer buluer

Pulverisierter Pfeffer. Im Mittelalter wurden Gewürze oft frisch gemahlen oder zerstoßen, um ihr volles Aroma zu entfalten.

reckholder bere

Wacholderbeeren, die Früchte des Wacholderstrauchs. Sie verleihen Wild- und Geflügelgerichten ein harzig-würziges Aroma.

burn

Eine alemannische Schreibweise für 'Birnen'. Birnen waren eine beliebte Zutat in herzhaften Gerichten des Mittelalters.

zibeb

Große, getrocknete Weinbeeren, oft von Muskatellersorten. Sie wurden häufig in süß-sauren oder herzhaften Füllungen verwendet.

Handschrift
Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291
Folio
Fol. 018v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch, südwestdeutscher Sprachraum, 1492-1494)
Entstehung
Schwäbischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt); Handschrift heute Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, 1492

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartzibeb

Gewählte Lesart: Wir haben 'zibeb' als 'Zibeben' (getrocknete Weinbeeren) übersetzt.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine denkbare, aber schwach belegte Alternative wäre 'Zwiebel'. - Die Form 'zibeb' ist im Wörterbuch-Bestand nirgends direkt belegt, doch die nahe Variante 'zibebe' ist bei Lexer, Idiotikon, Goetze und im Mittellatein durchgängig als große Rosine/Kochrosine bezeugt. Auch die drei engsten Korpus-Zwillinge (Kochbuch des Meisters Hans, Rheinfränkisches Kochbuch) haben an derselben Stelle der Formel frische Weintrauben statt Zwiebeln; Zwiebeln kommen in anderen Zwillingen nur als eigene, separate Füllvariante vor. Die Weinbeeren-Lesart ist damit deutlich besser gestützt als 'Zwiebel'.

Lesartzu ainer gebraten gans

Gewählte Lesart: Wir gehen davon aus, dass die rohe Gans vor dem Braten gefüllt wird, sodass die Füllung im Ofen oder am Spieß mitgart.

Andere mögliche Lesart:

  • Denkbar ist auch, dass eine bereits fertig gebratene Gans nachträglich mit der rohen Speck-Knoblauch-Mischung gefüllt wird. - Der Text nennt die Gans bereits als 'gebraten', ohne die Reihenfolge von Füllen und Braten eindeutig zu klären. Diese Lesart würde jedoch bedeuten, dass roher Speck ungegart im Vogel verbleibt - eine offene Randmöglichkeit, keine gleichwertige Standardlesart.

Originalwerk (~1492) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 018v, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Hs 20291 ("Alemannisches Büchlein von guter Speise", schwäbisch, 1492-1494), Rezeptteil fol. 17r-24r - CC BY-NC-SA 3.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), N1 (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 20291), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Die Füllung selbst ist einfach und schnell im Lager zuzubereiten, da sie nur aus Hacken und Mischen besteht. Die Zutaten sind robust und benötigen keine aufwendige Kühlung. Das Braten der Gans erfordert jedoch einen geeigneten Ofen oder eine große Feuerstelle mit Spieß.
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