Rotes Siegelwachs mit Zinnober
Van de Byen, Hare wonderlicke oorspronc, Natuer, Eygenschap, crachtige, ongehoorde ende seltsame wercken ... Gestelt in forme van een Tsamen-sprekinge (Het derde Boec: Vanden Honich) · Leiden (Holland) · 1597
Um Siegelwachs in allerlei Farben zu machen.
Um rotes Wachs zu machen: Man soll schönes gelbes Wachs nehmen, 1 Pfund, klaren Terpentin, 4 Unzen, zerriebenen Zinnober in Olivenöl, von jedem eine Unze. Brecht das Wachs in Stückchen von der Größe von Walnüssen und lasst es sanft über einem klaren Kohlenfeuer schmelzen.
Danach mengt den Terpentin hinein, und wenn es gut vermengt ist, lasst es etwas abkühlen und rührt es beständig um, damit es nicht ungleichmäßig oder klumpig wird.
Danach mengt den zerriebenen Zinnober und das Öl darunter und rührt es beständig, gut mengend, bis es beinahe kalt geworden ist. Dann nehmt es aus der Pfanne und legt es in laues Wasser. Danach nehmt es heraus und rollt es so lang oder kurz, wie es euch beliebt, wie es bei den Kerzen gesagt ist.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ſchoon geel Was j. pont | schönes gelbes Wachs | 1 Pfund | Imkerei | - |
| Terpentijn die claer is/ iiij. Oncen | klarer Terpentin | 4 Unzen | - | - |
| gewꝛeven foꝛmelioen | zerriebener Zinnober | 1 Unze | - | - |
| Oly van Olyven elcx eẽ Once | Olivenöl | 1 Unze | - | - |
| lau water | laues Wasser | - | - | - |
Was ist das? Rotes Siegelwachs: Bienenwachs, mit Terpentin versetzt und rot gefärbt, von Hand gerollt. Der Eintrag dokumentiert ein historisches Verfahren; heute nimmt man ungiftige Pigmente.
Das Farbmittel. Zinnober ist Quecksilbersulfid und giftig: Sein Staub darf nicht eingeatmet werden, stark erhitzt gibt er Quecksilberdampf ab, und er gehört nicht neben Lebensmittel. Auch Mennige, die das Wort „foꝛmelioen“ ebenfalls bezeichnen konnte, ist als Bleifarbe giftig.
Die Reihenfolge. Erst schmilzt das Wachs, in kleinen Stücken und bei sanfter Hitze, dann kommt der Terpentin dazu. Farbe und Öl gehen nicht in die heiße Schmelze, sondern erst in die abkühlende Masse. Das Rühren bis fast zum Erkalten hält sie gleichmäßig; Clutius nennt als Grund nur, dass sie nicht ungleich oder klumpig werden soll. Warum er so viel Terpentin nimmt, sagt er hier nicht. Beim grünen Wachs nimmt er im Winter mehr davon, weil das Wachs dann härter ist: Der Terpentin hält die Masse nachgiebig.
Das Rollen. Der Verweis geht auf die handgerollten Kerzen: Dort macht warmes Wasser das Wachs knetbar, Fett an Händen und Brett hält es vom Ankleben ab. Das laue Wasser dürfte hier denselben Zweck haben; einen Grund nennt Clutius nicht.
Praxis. Das Verfahren steht hier als Zeugnis, nicht als Anleitung. Heißes Wachs verbrennt die Haut und ist entzündlich, Terpentin ist brennbar und seine Dämpfe reizen, und beides wird hier über Glut verarbeitet.
Warum kommt die Masse in laues Wasser?
Clutius begründet es nicht. Bei den handgerollten Kerzen legt er das Wachs in warmes Wasser, damit es sich kneten und rollen lässt, ohne zu schmelzen. Das dürfte auch hier der Zweck sein.
Wozu dient der Terpentin?
Hier sagt der Text nichts dazu. Beim grünen Wachs nimmt Clutius im Winter 5 statt 4 Unzen, weil das Wachs dann härter ist. Der Terpentin hält das Wachs also nachgiebig.
Kann man das heute so machen?
Mit Zinnober nicht: Er ist Quecksilbersulfid und giftig. Heute nimmt man ungiftige Pigmente. Auch heißes Wachs und Terpentin an der Glut sind gefährlich.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Clutius: Von den Bienen (Buch 3: Vom Honig) (1597, Leiden - Holland). Aus dem Bienenbuch des Leidener Apothekers und Hortulanus Theodorus Clutius, im Gespräch mit Carolus Clusius: das dritte Buch über Honig und Wachs mit der Honiggewinnung (ungepresster, Jungfern- und grober Honig), geläutertem Honig, in Honig kandierten Schalen, Früchten, Wurzeln und Rosen, Quittenbrot, Fruchtpasten, Marzipan, Met, weinartigem Honigwasser, rotem und weißem Hypocras, Branntwein, Wermutwein und Essig aus Met, dazu Wachs läutern und bleichen, Kerzen, Fackeln, Siegelwachs, Pfropfwachs und Wachstuch.
- Terpentijn
Nicht das heutige Terpentinöl, sondern das zähflüssige, ölige Harz: Kiliaan erklärt es als resina oleosa.
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
gewꝛeven foꝛmelioen/ in Oly van Olyven elcx eẽ Once
Gewählte Lesart: Zerriebener Zinnober, im Öl gegeben, je eine Unze Farbe und Öl: Das „in“ steht im Druck, „elcx“ zählt zwei Stoffe, und später gehen „Foꝛmelioen ende Oly“ zusammen in die Masse. Beim violetten Wachs (clu-038) wird die Farbe ausdrücklich mit Öl durchgerieben.
Andere mögliche Lesart:
- Zinnober und Öl als zwei getrennte Zutaten, die erst in der Masse zusammenkommen - Möglich, wenn „in“ für „ende“ steht; beim grünen Wachs (clu-037) stehen Farbe und Öl tatsächlich getrennt. Die Mengen bleiben gleich.
foꝛmelioen
Gewählte Lesart: Zinnober: Die Form gehört zu „vermelioen“ (Mnw: auch ferm-, vorm-), Kiliaan nennt unter „Vermillioen“ zuerst cinnabaris.
Andere mögliche Lesart:
- Mennige oder Drachenblut - Kiliaan führt unter demselben Wort auch minium und sanguis draconis. Der Text selbst nennt keine Eigenschaft, die entscheidet.
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Stand dieser Fassung: 01.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
