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Gewürzte Schwefelschnitten aus Rupfen für Weinfässer

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeitca. 45 Min. KüchenzeitBuchEin new Kochbuch (~1581)

Nimm auf ein Pfund Schwefel zwei Lot gestoßene Zimtrinde, ein Lot Nelken, ein Lot Kardamom, ein Lot Anis, ein halbes Lot Ingwer, zwei Lot Wißmat (wohl Heu), ein halbes Lot guten venezianischen weißen Weihrauch, je ein halbes Lot Muskatblüte, Muskatnuss, Zitwer, langen Pfeffer und Bertram. Das alles zerstoßen.

Den Schwefel in eine glasierte Pfanne oder eine Kachel geben und auf einer Glut mit einem Hölzchen verrühren, bis er dünn wird.

Dann grobes Rupfentuch zu Läppchen schneiden, eine halbe Elle lang und drei Finger breit. Sobald der Schwefel geschmolzen ist, das Gewürz hineinschütten und alles untereinanderrühren. Die Läppchen eines nach dem anderen hindurchziehen.

Für ein Fuder Wein braucht man nicht ganz eine Handbreit davon. Den Spund soll man vorher und nachher gut verschließen. So gibt es beständigen Wein, und es schadet niemandem.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
einem Pfundt Schwebel Schwefel 500 g - -
zwey Lot gestossen Zimmetrinden gestoßene Zimtrinde 30 g - -
ein Lot Negelein Nelken 15 g - -
ein Lot Cardomomi Kardamom 15 g - -
ein Lot Eniß Anis 15 g - -
ein halb Lot Jngwer 7,5 g Ingwer 7½ g - -
zwey Lot Wißmat Wißmat, wohl Heu 30 g - -
ein halb Lot gut Venedisch weissen Weihrauch 7,5 g guter venezianischer weißer Weihrauch 7½ g - -
ein halb Lot Muscatenbluͤt 7,5 g Muskatblüte 7½ g - -
ein halb Lot Muscatennuͤß 7,5 g Muskatnuss 7½ g - -
ein halb Lot Zirwen 7,5 g Zitwer 7½ g - -
ein halb Lot langen Pfeffer 7,5 g Langer Pfeffer 7½ g - -
ein halb Lot Pertram 7,5 g Bertramwurzel 7½ g - -
grobe rupffen Grobes Rupfentuch, zu Läppchen geschnitten - - -

Was wird hier hergestellt? Kein Gericht, sondern Schwefelschnitten: Läppchen aus grobem Rupfen, die durch geschmolzenen Schwefel mit eingerührtem Gewürz gezogen werden. Wie man sie gebraucht, sagt dieses Rezept nicht. Rumpolt beschreibt die Anwendung bei seinen Schwefelspänen (rum-1996): Das leere Fass wird umgekehrt, der Span angezündet und hineingehalten, bis er verbrannt ist, dann wird das Fass gut verschlossen.

Gewürz in die Schmelze. Anders als in rum-1946 wird der Schwefel hier nicht vorher ausgekocht, und das Gewürz wird nicht aufs Tuch gestreut, sondern in den flüssigen Schwefel gerührt. Zusammen sind es zehneinhalb Lot Gewürz und Wißmat auf ein Pfund, also 32 Lot, Schwefel: rund ein Drittel des Gewichts. Wozu die Gewürze dienen, sagt Rumpolt nicht.

Bis er dünn wird. Der Schwefel wird auf einer Glut mit einem Hölzchen gerührt, bis er flüssig ist. Moderne Orientierung: Schwefel schmilzt um 115 Grad zu einer dünnflüssigen gelben Masse. Weiter erhitzt, wird er ab etwa 160 Grad zäh und dunkel und kann sich entzünden.

Wie viel für ein Fass? „Nicht gar einer Handt breit“ für ein Fuder. Praktisch heißt das: ein Läppchen von knapp einer Handbreit Länge je Fuder. Ob die Länge gemeint ist, sagt der Text nicht; Staindl misst seinen Streifen ebenfalls nach der Länge (std-293).

Praxis. Das Rezept ist Zeitzeugnis und keine Anleitung zum Nachmachen. Geschmolzener Schwefel kann sich entzünden, und beim Abbrennen entsteht giftiges Schwefeldioxid. Die Zubereitungszeit von etwa 45 Minuten ist eine Schätzung, der Text nennt keine Zeit.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Es ist kein Essen, sondern Kellerhandwerk. Geschmolzener Schwefel kann sich entzünden, und beim Abbrennen entsteht giftiges Schwefeldioxid.

Wie werden die Schwefelläppchen verwendet?

Das steht nicht in diesem Rezept. Rumpolt beschreibt es bei seinen Schwefelspänen (rum-1996): Das leere Fass wird umgekehrt, der Span angezündet und hineingehalten, bis er verbrannt ist, dann wird das Fass gut verschlossen. Staindl (std-293) hängt seinen Schwefelstreifen an einen Draht und lässt ihn im Fass verbrennen.

Warum so viel Gewürz im Schwefel?

Zusammen sind es zehneinhalb Lot Gewürz und Wißmat auf ein Pfund, also 32 Lot, Schwefel, rund ein Drittel des Gewichts. Wozu, sagt Rumpolt nicht. Naheliegend ist, dass die Gewürze den Geruch des Schwefelrauchs verändern sollten; das ist unsere Deutung. Staindl nennt als Zweck seines ähnlichen Mittels nur, dass sich der Wein „behalten“ lässt, also haltbar bleibt.

Was bedeutet 'Lot' im Rezept?

Das Lot ist ein altes Gewichtsmaß, ein Zweiunddreißigstel Pfund, hier mit etwa 15 g gerechnet. Zwei Lot sind demnach rund 30 g, ein halbes Lot rund 7,5 g. Je nach Ort war das Lot etwas verschieden schwer.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 2.000 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.

Gute ring zu machen. Jtem, nim̃ zu einem Pfundt Schwebel zwey Lot gestossen Zimmetrinden, ein Lot Negelein, ein Lot Cardomomi, ein Lot Eniß, ein halb Lot Jngwer, zwey Lot Wißmat, ein halb Lot gut Venedisch weissen Weihrauch, ein halb Lot Muscatenbluͤt, ein halb Lot Muscatennuͤß, ein halb Lot Zirwen, ein halb Lot langen Pfeffer, ein halb Lot Pertram. Das alles zerstoß, vnnd thu den Schwebel in ein verglaͤste Pfann, oder Kachel, vnd auff einer Glut mit einem Hoͤltzlein zertrieben, biß daß er duͤnn wirt, vnnd darnach schneidt grobe rupffen zu plaͤtzlin, einer halben Elen lang, vnd dreyer Finger breit, vñ so der Schwebel zergangen ist, so schuͤt das Gewuͤrtz darein, vnd ruͤr es vntereinander, vnd zeuch der plaͤtz eins nach dem andern dardurch, vnd zu eim Fuder Weins brauch nicht gar einer Handt breit, den Punten sol man vor vnd nach wol verheben, so gibt es bestaͤndigen Wein, vnd schadet niemandts nicht.
Gute ring

Kapitelüberschrift. Hier wie in der Nachbarüberschrift rum-1946 („koͤstlich ring zu machen“) als Nomen gelesen: Ringe, also Schwefelringe. Das Wort „Schwefelring“ ist als Ware belegt (Deutsches Rechtswörterbuch, Frankfurt 1399: „swebil ringe“), dort allerdings als Füllung für Fackeln. Ebenso gut belegt ist das Adjektiv „ring“ = leicht, einfach. Die Lesart ist offen, siehe interpretive_choices.

Schwebel

Schwefel.

Wißmat

Das Wort bedeutet im Wörterbuch Wiesenmahd, also das Gras einer Mähwiese. Dass hier Heu als Zutat gemeint ist, ist eine Folgerung, kein Beleg. Siehe interpretive_choices.

Zirwen

Zitwer, die Wurzel einer ingwerverwandten Pflanze. Er steht hier wie in anderen Gewürzlisten neben Ingwer und langem Pfeffer.

Pertram

Hier die zerstoßene Wurzel im Gewürzgemisch, nicht das grüne Bertramkraut anderer Rezepte. Welche Pflanze genau gemeint ist, bleibt offen.

Kachel

Ein irdenes Gefäß, ein Topf (Frühneuhochdeutsches Wörterbuch: Kochtopf, Gefäß). Rumpolt nennt die Kachel auch in rum-1944, dort mit Kohlenglut darin.

zertrieben

Zertreiben heißt auseinandertreiben, verrühren: Der Schwefel wird mit dem Hölzchen gerührt, bis er flüssig ist.

Rupffen

Rupfen, ein grobes Tuch. In rum-1946 nimmt Rumpolt stattdessen „ein grobes leinen Tuch“, Staindl schneidet seinen Streifen ebenfalls „von ainem rupffen tuͤch“ (std-293).

Elen

Die Elle ist ein Längenmaß, je nach Ort etwa 55 bis 60 cm. Eine halbe Elle sind demnach knapp 30 cm.

Fuder

Großes Weinfassmaß, je nach Region etwa 800 bis 1000 Liter.

Punten

Der Spund, also der Pfropfen, mit dem das Fass verschlossen wird (Schwäbisches Wörterbuch: „bunte“ = Pfropf, Spunte, Stöpsel; Grimm: „bunte“ = Spund, „buntenloch“ = Spundloch). Rumpolt schreibt im Folgerezept rum-1948 „Spunt“.

Lot

Altes Gewicht, ein Zweiunddreißigstel Pfund, hier mit 15 g gerechnet. Das Pfund wird mit 500 g angesetzt, die Grammangaben sind gerundet.

Druck
Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle
Teil
Anhang: Wie man Wein macht, pflegt und bessert
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Frankfurter Druckersprache mit oberdeutscher Schreibung, südwestdeutsch/rhein-mainischer Küchenwortschatz, 1581)
Entstehung
Frankfurt am Main, 1581

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ein Lot Negeleinclove Q15622897
ein Lot Cardomomicardamom Q14625808
ein Lot Enißanise Q33873455
ein halb Lot Jngwerginger Q15046077
ein halb Lot Muscatenbluͤtmace Q1882876
ein halb Lot Muscatennuͤßnutmeg Q83165
ein halb Lot langen Pfefferlong pepper Q685336

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartGute ring

Gewählte Lesart: „ring“ als Nomen: „Gute Ringe zu machen“, also Schwefelringe. So ist auch die gleichlautende Formel in rum-1946 („koͤstlich ring zu machen“) gelesen. Die Überschrift hat sonst kein Bezugswort, und „Schwefelring“ ist als Wort belegt (Deutsches Rechtswörterbuch, Frankfurt 1399, dort für Fackeln).

Andere mögliche Lesart:

  • „ring“ als Adjektiv „leicht, einfach“: „Gute [Einschläge] einfach zu machen“. - Das Adjektiv ist gut belegt (Benecke/Müller/Zarncke, Lexer: ringe = leicht). Dann wäre das Nomen aus der Überschrift von rum-1946 („Ein guten eynschlag oder Span“) mitzudenken; der Druck nennt es hier nicht.

LesartWißmat

Gewählte Lesart: Heu. Die Wörterbücher (Lexer, Schmeller) kennen „wisemat“ nur als Wiesenmahd, die gemähte Wiese; als Zutat neben Gewürzen und Weihrauch liegt das getrocknete Mahdgut nahe. Das ist eine Folgerung, ein Beleg für Heu in solchen Mischungen fehlt.

Andere mögliche Lesart:

  • Wismut, das Metall - Die Form „wismat“ ist für Wismut belegt (Goetze, Splett). Ein Metall in einer sonst aus Gewürzen und Duftstoffen bestehenden Mischung wäre aber ungewöhnlich, und mit zwei Lot stünde es neben dem Zimt an der Spitze.

Lesartden Punten sol man vor vnd nach wol verheben

Gewählte Lesart: Den Spund, also den Pfropfen, vorher und nachher gut verschlossen halten. „Punten“ ist durch das Schwäbische Wörterbuch und Grimm als Spund belegt; „verheben“ im Sinn von verschließen ist aus dem Zusammenhang erschlossen.

Andere mögliche Lesart:

  • Das Spundloch verschließen - Grimm führt dafür das eigene Wort „buntenloch“. Für den Sinn macht es keinen Unterschied: Die Öffnung soll dicht sein.

Lesartnicht gar einer Handt breit

Gewählte Lesart: Für ein Fuder Wein nicht ganz eine Handbreit von den Läppchen. Ob die Länge des Streifens gemeint ist oder wie viele Läppchen, sagt der Text nicht.

Andere mögliche Lesart:

  • Praxis-Lesart: ein Läppchen von knapp einer Handbreit Länge je Fuder - Naheliegend, weil die Läppchen nur drei Finger breit sind. Staindl bemisst seinen Schwefelstreifen ebenfalls nach der Länge (std-293). Entschieden ist es damit nicht.

Lesartzeuch der plaͤtz eins nach dem andern dardurch

Gewählte Lesart: Das Rezept endet mit dem Durchziehen; wie die Läppchen am Fass gebraucht werden, steht hier nicht. Die Übersetzung ergänzt nichts.

Andere mögliche Lesart:

  • Abbrennen im leeren Fass, danach das Fass verschließen - So beschreibt es Rumpolt bei den Schwefelspänen (rum-1996: „solt die Spaͤn anzuͤnden ... in das Faß halten ... biß er verbrennt“), Staindl hängt den Streifen an einen Draht und lässt ihn im Fass verbrennen (std-293). Für dieses Rezept ist das erschlossen, deshalb nur in der Praxis-Notiz.

LesartPfundt / Lot

Gewählte Lesart: Das Lot als Zweiunddreißigstel des Pfunds. Die Grammwerte (Lot 15 g, Pfund 500 g) sind gerundet und passen nicht ganz zueinander.

Andere mögliche Lesart:

  • Örtlich abweichende Gewichte - Pfund und Lot schwankten von Ort zu Ort. Für das Verhältnis von Gewürz zu Schwefel spielt das keine Rolle.

Originalwerk (~1581) gemeinfrei.

Bildquelle
Bl. CXCa, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PPN824825497 Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Transkription Justus-Liebig-Universität Gießen 2013 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rum-1949
LagerkücheLagerküche
Kein Speiserezept, sondern Kellerhandwerk: Der Zweck liegt im Weinfass, nicht auf dem Teller. Geschmolzener Schwefel kann sich entzünden, und seine Dämpfe sind gesundheitsschädlich. Für das Lager ungeeignet.
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Stand dieser Fassung: 20.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.