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Gewürzwein zur Stärkung der Glieder

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581

BochetGetränkLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
BuchEin new Kochbuch (~1581)

Ein Wein, der vor allem die Glieder stärkt und bei Gesundheit erhält.

Nimm vier Lot weißen Ingwer, ein Lot Kardamom, ein Lot Zimtrinde, ein Quentchen Mastix, zwei Lot Koriander, ein halbes Lot rote Rosen, ein Pfund Honig oder Zucker und ein Viertel einer Maß guten Wein.

Solcher Wein soll so geklärt werden.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Vier Lot weiß Jngwer weißer Ingwer 60 g gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Ingwerpulver, gemahlen
ein Lot Cardomomum Kardamom 15 g gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
ein Lot Zimmetrinden Zimtrinde 15 g - -
ein quintlin Mastix ca. 3,75 g Mastix 3¾ g Online-Gewürzhandel, orientalischer Supermarkt -
zwey Lot Coriander Koriander 30 g - -
ein halb Lot rote Rosen 7,5 g rote Rosen 7½ g Online-Gewürzhandel -
ein pfundt Honig/ oder Zucker Honig 500 g - Zucker
ein viertheil einer Maß gutes Weins ein Viertel einer Maß guter Wein - - -

Welches Gericht ist das? Ein gesüßter Gewürz- und Stärkungswein aus Rumpolts Kellermeisterei. Der Eintrag besteht aus einer Zutatenliste mit Mengen und einem einzigen Satz zum Klären; eine Arbeitsanweisung gibt es nicht. Deshalb ist er kein Kochrezept im engeren Sinn, sondern eine Rezeptur.

Das Verfahren fehlt. Ob die Gewürze kalt im Wein ziehen, mit ihm erhitzt oder in einem Säckchen durchgezogen werden, sagt der Text nicht. Im selben Weinteil stehen zwei ausgeführte Wege: Beim Claret (rum-1973) stehen die gestoßenen Gewürze drei Stunden im Wein, dann wird er auf den Sack gegossen; beim Gewürzwein rum-1976 läuft der Wein drei- oder viermal durch ein Leinensäcklein. Das sind Vergleichsfälle, keine Belege für diesen Eintrag.

Das Klären. „Solcher Wein sol also klar gemacht werden“ kündigt das Klären an, ohne es auszuführen. Welches Mittel gemeint ist, bleibt offen; hier wird keines ergänzt.

Die Mengen. Rund 130 g Gewürz und ein Pfund Honig oder Zucker auf ein Viertel einer Maß Wein ergeben eher einen Sirup als einen Trinkwein. Ob ein Ansatz zum späteren Strecken gemeint ist oder die Weinmenge verderbt ist, lässt sich nicht entscheiden. Den Wein nennt Rumpolt nur „gut“, Art und Farbe legt er nicht fest.

Praxis. Die Zutaten sind leicht zu bekommen, Mastix im Gewürzhandel. Wer den Wein ansetzen will, muss Verfahren und Weinmenge selbst wählen und sollte das als eigene Deutung verstehen, nicht als Rumpolts Anweisung. Der Anspruch, die Glieder zu stärken und bei Gesundheit zu erhalten, ist Rumpolts zeitgenössische Diätetik, kein Wirkversprechen.

Sind das nicht viel zu viele Gewürze für so wenig Wein?

Das Verhältnis ist auffällig: rund 130 g Gewürze und ein Pfund Honig oder Zucker auf ein Viertel einer Maß Wein. Das ergibt eher einen dicken Gewürzsirup als einen Trinkwein. Der Druck liest an dieser Stelle aber eindeutig so. Ob ein Gewürzansatz gemeint ist, der später mit mehr Wein gestreckt wird, oder ob die Weinmenge verderbt ist, lässt sich aus dem Text nicht entscheiden.

Wie wird der Wein zubereitet und geklärt?

Das sagt der Eintrag nicht. Er nennt nur die Zutaten und schließt mit „Solcher Wein sol also klar gemacht werden“, ohne ein Verfahren auszuführen; danach beginnt sofort ein neuer Abschnitt. Im selben Weinteil beschreibt Rumpolt zwei Verfahren ausführlich: Beim Claret (rum-1973) stehen die Gewürze drei Stunden im Wein, dann wird er auf den Sack gegossen; beim Gewürzwein rum-1976 läuft der Wein drei- oder viermal durch ein Leinensäcklein. Ob „also“ auf solche Vorrezepte zurückverweist, bleibt offen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein: Der Text nennt nur eine Zutatenliste und einen unausgeführten Klärhinweis, aber keinen Arbeitsschritt. Ein Verfahren lässt sich daraus nicht ableiten.

Was bedeuten „Lot“ und „Quentchen“?

Beides sind alte Gewichtsmaße: Das Lot wiegt etwa 15 g, das Quentchen ist ein Viertel davon, also etwa 3,75 g.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 2.000 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.

Ein Wein, der fuͤrnemlich die Glieder staͤrckt, vnd bey Gesundtheit behelt. Vier Lot weiß Jngwer, ein Lot Cardomomum, ein Lot Zimmetrinden, ein quintlin Mastix, zwey Lot Coriander, ein halb Lot rote Rosen, ein pfundt Honig, oder Zucker, ein viertheil einer Maß gutes Weins. Solcher Wein sol also klar gemacht werden.
Lot

Gewichtsmaß, etwa 15 g. Vier Lot entsprechen rund 60 g, ein halbes Lot rund 7,5 g.

quintlin

Quentchen, ein Viertel Lot, also etwa 3,75 g.

Maß

Flüssigkeitsmaß, regional verschieden; einen Literwert für Rumpolts Umfeld legen wir nicht fest. Zum Vergleich: Die Augsburger Maß hatte rund 1,05 Liter. „Ein viertheil einer Maß“ ist ausdrücklich ein Bruchteil der Maß, nicht das große Fassmaß „Viertel“.

Mastix

Mastix, das Harz des Mastixstrauchs (Pistacia lentiscus). Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch führt „mastix“ genau in dieser Bedeutung; auch Lexer und Fischer kennen es als Arznei- und Gewürzzutat, Fischer etwa mit „seud 1 lot mastix“.

Zimmetrinden

Zimtrinde, also Zimt.

weiß Jngwer

Weißer Ingwer. Der Text nennt die Sorte ausdrücklich, sagt aber nicht, welche Handelsform damit gemeint ist.

Druck
Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle
Teil
Anhang: Wie man Wein macht, pflegt und bessert
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Frankfurter Druckersprache mit oberdeutscher Schreibung, südwestdeutsch/rhein-mainischer Küchenwortschatz, 1581)
Entstehung
Frankfurt am Main, 1581

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Vier Lot weiß Jngwerwhite ginger Q107262395
ein Lot Cardomomumcardamom Q14625808
ein Lot Zimmetrindencinnamon Q28165
ein quintlin Mastixmastic Q318367
zwey Lot Coriandercoriander Q20856764
ein pfundt Honig/ oder Zuckerhoney Q10987

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartMastix

Gewählte Lesart: Mastix, das Harz der Pistacia lentiscus (FWB „mastix“). Der Druck auf Bl. CXCVa hat deutlich „Maſtix“; die DTA-Transkription las „Mastir“ (x als r verlesen), im Transkript berichtigt.

Andere mögliche Lesart:

  • „Mastir“ als eigene Wortform - Kein Wörterbuch kennt die Form; der Druck selbst schreibt Mastix.

Lesartein viertheil einer Maß

Gewählte Lesart: Ein Viertel einer Maß, wörtlich übernommen; der Druck liest eindeutig so. Das Mengenverhältnis zu rund 130 g Gewürz und einem Pfund Honig oder Zucker bleibt auffällig.

Andere mögliche Lesarten:

  • Gewürzansatz, der später mit mehr Wein gestreckt wird - Würde das Verhältnis erklären, der Text sagt davon aber nichts.
  • Verderbte Mengenangabe - Nicht prüfbar, der Druck bietet keinen Anhaltspunkt.
  • „Viertel“ als großes Fassmaß - Gegen den Wortlaut: „einer Maß“ macht das Viertel zum Bruchteil der Maß. Das Fassmaß schreibt Rumpolt schlicht „ein viertheil“ (rum-1972, rum-1973).

LesartSolcher Wein sol also klar gemacht werden

Gewählte Lesart: „also“ = so, auf diese Weise. Der Satz kündigt das Klären an, ein Verfahren folgt aber nicht; direkt danach beginnt der Abschnitt „Von etlichen gewaltigen/ heimlichen/ verborgenen Künsten zu den Weinen“. Übersetzt mit „so geklärt“, ohne Verfahren zu ergänzen.

Andere mögliche Lesarten:

  • Rückverweis auf die vorhergehenden Gewürzweine - Möglich: Im selben Weinteil wird der Claret (rum-1973) auf den Sack gegossen, der Gewürzwein rum-1976 mehrmals durch ein Säcklein gezogen. Ein ausdrücklicher Verweis fehlt.
  • Klären durch Absetzenlassen und Abziehen, mit Eiklar, Hausenblase oder Tuch - Übliche Klärmittel der Kellerei, für diesen Eintrag aber keines belegt; nur als Hypothese.

LesartAnsetzen der Gewürze (kalt, erhitzt oder durchgezogen)

Gewählte Lesart: Der Text nennt kein Verfahren. Im Korpus stehen für Gewürzwein mehrere Wege nebeneinander: Ziehenlassen ohne Hitze und Abgießen auf den Sack (rum-1973), mehrfaches Durchlaufen durch ein Gewürzsäckchen (rum-1976, so1-129).

Andere mögliche Lesart:

  • Offen lassen - Moderne Grundeinstellung dieser Seite: kein Verfahren ergänzen, weil keines im Text steht.

Lesartgutes Weins

Gewählte Lesart: Wörtlich „guter Wein“, Farbe, Art und Stärke nennt der Text nicht.

Andere mögliche Lesart:

  • Leichter, eher säuerlicher Landwein nördlich der Alpen oder süßer, starker Importwein - Beides denkbar; Alkohol und Restsüße sind Annahmen, die der Text nicht trägt.

Originalwerk (~1581) gemeinfrei.

Bildquelle
Bl. CXCVa, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PPN824825497 Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Transkription Justus-Liebig-Universität Gießen 2013 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rum-1991
LagerkücheLagerküche
Nein: Der Text nennt nur die Zutaten mit Mengen und einen Satz zum Klären, aber keinen einzigen Arbeitsschritt. Weder Ansetzen noch Erhitzen noch Ziehzeit noch das Klärverfahren sind beschrieben, ein vorführbares Verfahren lässt sich daraus nicht ableiten.
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Stand dieser Fassung: 20.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.