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Guter Essig aus Wein mit gebackenem Sauerteig

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10
BuchEin new Kochbuch (~1581)

Ebenso: Backe Sauerteig in einem Backofen und lege ihn in warmen Wein. Verschließe den Spund, so hast du guten Essig zu allen Dingen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
saur Vrhab saur Vrhab - - -
warmen Wein Wein - - -

Was ist das? Kein Speiserezept, sondern ein Essigansatz aus dem Kellerhandwerk: Ein im Ofen gebackener Sauerteig kommt in warmen Wein, das Fass wird am Spund verschlossen, und daraus soll ein Essig „zu allen Dingen“ werden. Dasselbe Verfahren steht schon in der Küchenmeisterei des 15. Jahrhunderts (so1-122, k1-159), dort mit rohem Sauerteig oder heiß gebackenem Brot.

Sauerteig oder Hefe? „saur Vrhab“ ist Sauerteig; die Hefe-Bedeutung des Wortes ist bei Getränken zwar belegt, aber das Backen und die Parallelen sprechen dagegen.

Warum backen? Rumpolt begründet es nicht. Nach den Parallelen wirkt das Gebackene als Träger, der sich in den Wein legen lässt, ähnlich dem gebackenen Brot der Küchenmeisterei. Nach heutigem Wissen überleben Hefen und Milchsäurebakterien das Durchbacken nicht; als lebende Impfung taugt ein durchgebackenes Stück also nicht, eher als Säure- und Nährstoffquelle. Wie der Ansatz damals gewirkt hat, sagt der Text nicht.

Spund zu? Nach heutigem Wissen brauchen Essigsäurebakterien Luft. Ob „vermach den Spundt“ einen luftdichten Verschluss meint oder nur das Spundloch gegen Schmutz und Fremdgeruch abdeckt, lässt der Text offen.

Praxis. Als heutiger Anhalt: Sauerteig bis zur Kruste ausbacken (etwa 30 bis 40 Minuten bei mittlerer Hitze), den Wein lauwarm machen (etwa 30 bis 40 °C) und das Gebackene hineinlegen. Mit Wochen bis Monaten rechnen. Menge, Weinsorte und Dauer nennt Rumpolt nicht; alle Zahlen hier sind heutige Richtwerte.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Es ist Kellerhandwerk und keine Speise: Für den Sauerteig braucht man einen Backofen, und der eigentliche Ansatz ist ein verspundetes Fass mit Wein, dessen Dauer Rumpolt nicht nennt.

Was bedeutet „saur Vrhab“?

Sauerteig. Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch führt Urhab zuerst als Sauerteig, Rumpolt selbst schreibt im Bieressig „Sauwerteig“, und die ältere Küchenmeisterei nennt beim selben Verfahren „ein vrhab von rowen teig“. Bei Getränken kann das Wort auch Hefe oder Gärmittel heißen; dagegen sprechen hier das Backen und die Parallelen.

Wie lange dauert es und welche Mengen braucht es?

Das Original sagt dazu nichts: Es nennt weder Mengenverhältnis noch Dauer noch Temperatur. Die Werte in der Zubereitungsnotiz sind heutige Richtwerte.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 2.000 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.

Guten Essig zu machen. Jtem, back saur Vrhab in einem Backofen, vnnd leg es in warmen Wein, vnd vermach den Spundt, so hastu guten Essig zu allen dingen.
Vrhab

Urhab, ein Gärstoff: in erster Linie Sauerteig, im Getränkezusammenhang auch Hefe oder Gärmittel (Frühneuhochdeutsches Wörterbuch, Stichwort hefel). „saur“ ist das Adjektiv dazu, also „saurer Urhab“ = Sauerteig. Rumpolt nennt dieselbe Sache im Bieressig „Sauwerteig“ (rum-2001) und gebraucht „Vrhab“ gleich im nächsten Rezept wieder (rum-2006).

vermach

„vermachen“ = verschließen, zumachen.

Spundt

Der Spund ist der Zapfen, der das Spundloch eines Fasses verschließt. Daraus schließt man, dass der Wein in einem Fass angesetzt wird; Rumpolt nennt das Fass nicht ausdrücklich.

zu allen dingen

Wörtlich „zu allen Dingen“, gemeint ist: für jeden Zweck, ein Allzweck-Essig.

Druck
Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle
Teil
Anhang: Wie man Essig macht
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Frankfurter Druckersprache mit oberdeutscher Schreibung, südwestdeutsch/rhein-mainischer Küchenwortschatz, 1581)
Entstehung
Frankfurt am Main, 1581

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

warmen Weinwine Q282

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsaur Vrhab

Gewählte Lesart: Sauerteig. Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch führt Urhab zuerst als Sauerteig, Rumpolt selbst nennt im Bieressig „Sauwerteig“ (rum-2001), und die Küchenmeisterei setzt beim selben Verfahren „ein vrhab von rowen teig“ (so1-122) bzw. „Suerteigs“ (k1-159) in den warmen Wein. Dazu passt, dass der Urhab gebacken wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Hefe oder ein anderes Gärmittel - Bei Getränken ist diese Bedeutung des Wortes belegt (FWB hefel 2), im Weinessig also kein Randfall. Gegen sie sprechen das Backen im Ofen und die beiden Küchenmeisterei-Parallelen, die rohen Teig nennen.

Lesartback ... in einem Backofen

Gewählte Lesart: Der Sauerteig wird im Ofen gebacken; Form, Dauer und Backgrad nennt der Text nicht. Die Küchenmeisterei nennt als gleichwertigen Zusatz „heis gebachen brott“ (so1-122, k1-159). Danach kommt das Gebackene wohl noch heiß in den Wein; das ist aus der Parallele erschlossen, nicht Rumpolts Wortlaut.

Andere mögliche Lesart:

  • Bis zur Kruste ausbacken, als heutiger Anhalt etwa 30 bis 40 Minuten bei mittlerer Hitze - Moderner Richtwert für die Praxis, kein Textbefund.

Lesartwarmen Wein

Gewählte Lesart: Warm, ein Grad ist nicht genannt. In der Küchenmeisterei wird der Wein im Gefäß in einem Kessel mit Wasser warm gemacht (so1-122, k1-159); geprüft wurde damals mit der Hand.

Andere mögliche Lesart:

  • Lauwarm, etwa 30 bis 40 °C - Heute gesetzter Anhalt für die Praxis, nicht aus dem Text.

LesartMenge von Wein und Sauerteig

Gewählte Lesart: Rumpolt nennt keine Menge und keine Fassgröße. Die einzige Mengenregel im verwandten Essigblock der Küchenmeisterei ist Roggensauerteig „eins eyes grois“, so groß wie ein Ei (k1-158), dort aber für ein anderes Verfahren.

Andere mögliche Lesart:

  • Keine Verhältniszahl ansetzen - Der Text gibt nichts her; jede Zahl wäre erfunden.

LesartDauer im verspundeten Fass

Gewählte Lesart: Nicht genannt. Rumpolt sagt nur „so hastu guten Essig“, ohne Frist.

Andere mögliche Lesart:

  • Wochen bis Monate - Heutige Erfahrung mit Essigansätzen, nicht aus dem Text.

LesartWein

Gewählte Lesart: Wein ohne nähere Angabe; Rumpolt nennt weder Farbe noch Herkunft.

Andere mögliche Lesart:

  • Dünner, saurer Landwein, wie er nördlich der Alpen üblich war - Naheliegend für Essig aus dem eigenen Keller, aber eine Annahme; der Text legt sich nicht fest.

Originalwerk (~1581) gemeinfrei.

Bildquelle
Bl. CXCVIIIa, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PPN824825497 Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Transkription Justus-Liebig-Universität Gießen 2013 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rum-2005
LagerkücheLagerküche
Kellerhandwerk, keine Speise: Gebacken wird nur der Sauerteig, und dafür braucht es einen Backofen. Der eigentliche Ansatz ist ein verspundetes Fass mit Wein, dessen Dauer Rumpolt nicht nennt; einen Garschritt am Lagerfeuer gibt es nicht.
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Stand dieser Fassung: 21.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.