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Wein prüfen: Aufwallprobe und Windregeln

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
BuchEin new Kochbuch (~1581)

Wenn man Wein aus der Mitte eines Fasses nimmt und ihn über einem Feuer aufwallen lässt: Welchen Geschmack der Wein bekommt, wenn er kalt wird, den gleichen Geschmack bekommt der Wein im Fass in seinem Alter.

Wenn der Südwind weht, verändert sich der Wein leicht. Dann kann man gut prüfen, ob der Wein etwas Böses in sich hat. Auch soll der Weinkäufer den Wein oft prüfen oder in den Mund nehmen und lange darin halten. Danach ist er über den Geschmack des Weins umso besser unterrichtet.

Im Mai, im Juni und im August: Welcher Wein dann weiß ist, der ist gut.

Wenn der Wind aus dem Osten weht, ist der Wein am allerschwächsten und kränksten, und es zeigt sich gern, welche Schwäche in ihm ist.

Weht der Wind aber frisch, so ist der Wein zu dieser Zeit frisch und stark. Dann soll man ihn zum Probieren geben und verkaufen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Wein mitten auß einem Faß Wein - - -

Welcher Text ist das? Kein Gericht, sondern ein Prüfverfahren für Wein mit Kaufregeln. Das Stück verbindet drei Dinge: eine Aufwallprobe (Wein aus der Fassmitte erhitzen, abgekühlt kosten), die Mundprobe des Weinkäufers und Wind- und Monatsregeln für den richtigen Zeitpunkt zum Prüfen und Verkaufen. Es steht als zweites Stück unter der Überschrift „Wein prüfen und erkennen, wenn man sie kaufen oder verkaufen soll“.

Die Aufwallprobe. Belegt sind drei Schritte: Wein „mitten auß einem Faß“ nehmen, „vber ein Feuwer erwallen“ lassen und den Geschmack beurteilen, „wenn er kalt wirt“. Dieser Kaltgeschmack soll laut Text dem Geschmack entsprechen, den der Wein im Fass „in seinem alter“ bekommt. Die Probe wird also als Vorhersage gelesen, wohin sich der Wein im Fass entwickelt. Die Entnahme aus der Fassmitte ist Teil der Probe: weder Hefegrund noch Oberfläche. Warum gerade die Mitte, sagt der Text nicht; naheliegend ist, dass man Trub und Kahm meiden wollte.

Wie lange und womit? Der Text nennt weder Dauer noch Gefäß. „Erwallen“ heißt kurz zum Sieden kommen, kein langes Einkochen. Wer die Probe heute nachstellt, bringt eine kleine Menge kurz in einem Topf zum Aufwallen und lässt sie auf Raumtemperatur abkühlen. Das ist eine moderne Nachstellung, keine Angabe der Quelle.

Die Mundprobe. Der Weinkäufer soll den Wein oft prüfen, in den Mund nehmen und lange darin halten. Gesucht wird „etwas boͤß“ und „schwachheit“, also Fehler und Verderbnisneigung. Heute würde man dabei an Fehlnoten wie Essigstich oder Böckser denken; der Text nennt keine einzelnen Fehler.

Wind und Monat. Bei Südwind und Ostwind zeigt der Wein seine Schwächen, deshalb prüft man dann. Bei frischem Wind ist er frisch und stark, dann gibt man ihn zum Probieren und verkauft ihn. Eine Windrichtung für den frischen Wind nennt der Text nicht. Im Mai, Juni und August gilt der Wein, der „weiß“ ist, als gut; ob damit Weißwein oder ein heller, klarer Wein gemeint ist, bleibt offen.

Praxis. Als Verständnishinweis: Erhitzen treibt Alkohol und flüchtige Aromen aus und verändert den Wein anders als die Zeit im Fass. Eine heutige Hitzeprobe im Keller prüft Eiweißstabilität und Trübung, nicht den künftigen Geschmack. Die Behauptung der Quelle ist damit nicht bestätigt. Eine Zeitangabe für die Probe gibt der Text nicht.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Es ist kein Gericht, sondern eine Weinprobe mit Wind- und Monatsregeln. Zubereitet wird nichts.

Was bedeuten Meyen, Brachmonat und Augst im Rezept?

Meyen ist der Mai, Brachmonat der Juni und Augst der August. Der Text nennt diese drei Monate als Zeiten, in denen der Wein, der „weiß“ ist, als gut gilt. Warum gerade diese Monate, begründet er nicht.

Wie geht die Aufwallprobe?

Nach dem Text nimmt man Wein aus der Mitte des Fasses, lässt ihn über einem Feuer aufwallen und kostet ihn, wenn er kalt geworden ist. Dieser Geschmack soll zeigen, wie der Wein im Fass schmecken wird, wenn er alt ist. Das ist eine historische Behauptung und kein geprüftes Verfahren. Wer die Probe heute nachstellt, kann eine kleine Menge kurz im Topf aufwallen lassen; Dauer und Gefäß nennt die Quelle nicht, und eine Flasche ersetzt die Entnahme aus der Fassmitte nur unvollkommen.

Warum soll man bei Südwind prüfen und bei frischem Wind verkaufen?

Nach dem Text verändert sich der Wein bei Südwind leicht und zeigt bei Ostwind seine Schwächen. Wer kauft, prüft deshalb dann, wenn Fehler sichtbar werden. Bei frischem Wind ist der Wein frisch und stark, dann gibt man ihn zum Probieren und verkauft ihn. Dieselbe Regel zum Südwind steht schon im Weinbuch aus Donaueschingen. Ob Windrichtungen den Wein tatsächlich so beeinflussen, ist nicht belegt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 2.000 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.

Ein ander stuͤck. Wenn man Wein mitten auß einem Faß nimpt, vñ den vber ein Feuwer erwallen leßt, vnnd was Geschmacks der Wein gewinnet, wenn er kalt wirt, dergleichen Geschmack gewinnet der Wein in dem Faß in seinem alter. Weñ der Sudwindt wehet, so verwandelt sich der Wein gern, so pruͤfet man wol, ob der Wein etwas boͤß in jhm hab. Auch sol der Weinkaͤuffer den Wein offt pruͤfen, oder in den Mundt nemmen, vñ lang darinn halten, darnach wirt er deß Weins Geschmacks desto baß bericht. Jtem in dem Meyen, in dem Brachmonat, vñ in dem Augst, welcher Wein denn weiß ist, der ist gut. Jtem, wenn der Windt wehet von Orient, so ist der Wein am aller schwaͤchsten vnnd kraͤnckesten, vnnd erzeiget sich gern, was schwachheit in jhm ist. Jst aber der Windt frischwehend, so ist der Wein zu derselbigen zeit frisch, vnd starck, denn sol man jn zu versuchen geben, vnd verkauffen.
erwallen

Aufwallen, kurz zum Sieden kommen lassen. Gemeint ist ein kurzes Erhitzen der Weinprobe, kein langes Einkochen.

in seinem alter

„In seinem Alter“, also wenn der Wein im Fass alt geworden ist.

Sudwindt

Südwind. Im Weinanhang heißt derselbe Wind auch mit lateinischem Namen Auster; auch dort verwandelt er den Wein und lässt seine Mängel erkennen.

Weinkaͤuffer

Der Weinkäufer, also der Händler oder Einkäufer, der Wein prüft, bevor er ihn abnimmt.

bericht

Hier „unterrichtet, im Bilde“: Wer den Wein lange im Mund hält, ist über seinen Geschmack „desto baß“, also umso besser, unterrichtet.

Brachmonat

Alter deutscher Monatsname für den Juni. Der Mai heißt hier Meyen, der August Augst.

Orient

Hier die Himmelsrichtung Osten (Ostwind), nicht der Vordere Orient. Auch an anderer Stelle im Weinanhang gilt der Ostwind als schädlich für den Wein.

kraͤnckesten

„Am kränksten“, im alten Sinn von krank: schwach, kraftlos. Gemeint ist ein Wein, der zum Verderben neigt.

frischwehend

Der Wind weht frisch, also kräftig, im Gegensatz zu Süd- und Ostwind davor, bei denen der Wein schwächelt.

Druck
Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle
Teil
Anhang: Wie man Wein macht, pflegt und bessert
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Frankfurter Druckersprache mit oberdeutscher Schreibung, südwestdeutsch/rhein-mainischer Küchenwortschatz, 1581)
Entstehung
Frankfurt am Main, 1581

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartweiß (welcher Wein denn weiß ist)

Gewählte Lesart: Wörtlich „weiß“ stehen gelassen. Am nächsten liegt Weißwein, ein Beleg dafür fehlt aber, und der Satz nennt sonst keine Farbe oder Sorte.

Andere mögliche Lesart:

  • Weiß im Sinn von hell und klar, also ein klarer, nicht trüber Wein. - Möglich, weil der Satz keine Farbe oder Sorte sonst nennt. Belegt ist diese Bedeutung für die Stelle aber ebenso wenig.

Lesarterwallen (Dauer und Abkühlen)

Gewählte Lesart: Der Text sagt nur „erwallen“ und „wenn er kalt wirt“, ohne Dauer und ohne Temperatur. Nichts ergänzt.

Andere mögliche Lesart:

  • Kurz zum Aufwallen bringen (wenige Minuten) und auf Raumtemperatur abkühlen lassen. - Moderne Nachstellung für die Praxis, nicht aus der Quelle.

Lesartvber ein Feuwer (Gefäß und Feuer)

Gewählte Lesart: Über einem Feuer, ohne Gefäßangabe. Zu denken ist an ein kleines Gefäß über offenem Feuer; der Text nennt keines.

Andere mögliche Lesart:

  • Kleiner Topf auf dem Herd. - Heutige Entsprechung für eine Nachstellung, nicht aus der Quelle.

Lesartfrischwehend (Windrichtung)

Gewählte Lesart: Ein frischer, kräftiger Wind ohne Richtungsangabe. Nicht auf eine Himmelsrichtung festgelegt.

Andere mögliche Lesart:

  • Nordwind. - An anderer Stelle des Weinanhangs sind die Weine bei Nordwind am süßesten und mächtigsten, und die Kellertüren sollen nach Mitternacht gehen, weil die Winde dort frischer sind. Hier steht aber keine Richtung.

Lesartetwas boͤß / schwachheit

Gewählte Lesart: Fehler und Neigung zum Verderben, ohne dass der Text einzelne Fehler nennt.

Andere mögliche Lesart:

  • Bestimmte Fehlnoten wie Essigstich, Böckser oder Oxidation. - Moderne Benennung zum Verständnis; die Quelle sagt nur „böß“ und „Schwachheit“.

Originalwerk (~1581) gemeinfrei.

Bildquelle
Bl. CLXXXVIIIb, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PPN824825497 Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Transkription Justus-Liebig-Universität Gießen 2013 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rum-1942
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern eine Weinprobe mit Wind- und Monatsregeln aus dem Anhang über den Wein. Zubereitet wird nichts.
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Stand dieser Fassung: 20.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.