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Wein ablassen nach Jahreszeit, Mond und Wind, mit Rohrprobe

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
BuchEin new Kochbuch (~1581)

Vom Ablassen: Die schwachen und kranken Weine soll man im Winter ablassen, die starken im Frühling und im Sommer. Gießt man schwache Weine auf stärkere Hefen, so werden sie davon kräftiger und stärker.

Weine, die bei vollem oder zunehmendem Mond abgelassen werden, oder wenn der Ostwind weht, das heißt im Herbst, brechen leicht. Man soll sie ablassen, wenn der Wind Boreas weht, das heißt im Winter, bei abnehmendem Mond und bei schönem Wetter. Das Ablassen soll unter der Erde geschehen, damit nicht Wetter oder Wind den Wein brüchig machen.

Im Frühling, wenn der Westwind weht und der Himmel klar und lauter ist, soll man den starken Wein ablassen. Die Frankenweine aber soll man im Winter abziehen, der Kälte wegen.

Die Prüfung nach dem Abziehen: Ist der Wein von der Mutter abgezogen und das Fass voll, so gib darauf acht, ob der Wein sich verstoßen oder verkehren will oder nicht. Nimm ein langes Rohr und verschließe es oben fest mit dem Daumen. Stoß es durch den Wein bis an den Grund und zieh die Hefe daraus. So schmeckst du, ob der Wein sich verkehren will oder nicht.

Oder nimm von diesem Wein aus der Mitte des Fasses und koche ihn. Wenn er kalt geworden ist, achte darauf, wie er schmeckt.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Wein Wein - - -
staͤrckere Hefen Hefe von stärkerem Wein - Winzer -
ein lang Rohr langes Rohr 1 Weinbedarf Glasrohr oder Stechheber, der sich oben mit dem Daumen verschließen lässt

Welche Arbeit ist das? Kein Gericht, sondern eine Kellerregel: wann man den Wein von seinem Bodensatz ablässt, und zwei Proben danach, ob der Wein umschlagen will. Zum Nachkochen gibt es nichts, die „Zutaten“ sind Wein, Hefe und ein Rohr.

Wann ablassen? Schwache und kranke Weine im Winter, starke im Frühling bei Westwind und klarem Himmel oder im Sommer, Frankenwein der Kälte wegen im Winter. Nicht bei vollem oder zunehmendem Mond und nicht bei Ostwind, den Rumpolt mit dem Herbst gleichsetzt; gut sind Boreas, also Winter, abnehmender Mond und schönes Wetter, und das Ablassen soll im Keller unter der Erde geschehen. Die Mondphasen grenzt der Text nicht ab; heute liest man zunehmend als Neumond bis Vollmond, abnehmend als Vollmond bis Neumond. Eine Begründung gibt Rumpolt nur beim Frankenwein.

Schwacher Wein auf starker Hefe. Wer schwachen Wein auf den Bodensatz eines stärkeren gießt, macht ihn nach Rumpolt „kräftiger vnd stärcker“. Wie das wirkt, sagt er nicht.

Die Rohrprobe. Ein langes Rohr wird oben mit dem Daumen verschlossen, bis an den Grund des vollen Fasses gestoßen und mit Hefe wieder herausgezogen; an der Hefe schmeckt man, ob der Wein umschlagen will. Wann der Daumen gelöst wird, steht nicht da. Unsere Annahme nach dem Prinzip des Stechhebers: das Rohr bis durch die Hefe führen, oben verschließen, herausziehen, die Probe hält im Rohr. Die verwandte Probe in rum-1943 nennt das Zuhalten mit dem Finger erst nach dem Hineinstoßen.

Die Kochprobe. Wein aus der Mitte des Fasses sieden, kalt werden lassen und kosten. Dauer und Menge nennt der Text nicht; eine kleine Probe kurz aufkochen genügt dem Wortlaut.

Praxis. Für die Küche ergibt das nichts. Wer selbst Wein im Fass ausbaut, kann die beiden Proben nachvollziehen; die Mond- und Windregeln sind überlieferte Kellerregeln, keine Messvorschrift.

Wie funktioniert die Rohrprobe mit dem Daumen?

Der Text sagt: das Rohr oben mit dem Daumen fest zustopfen, durch den Wein bis an den Grund stoßen, die Hefe herausziehen und schmecken. Wann der Daumen gelöst wird, sagt er nicht. Die verwandte Probe in rum-1943 nennt das Zuhalten mit dem Finger erst, nachdem das Rohr durch die Hefe gestoßen ist. Unsere Annahme: Das Rohr nimmt unten Hefe auf, oben verschlossen hält es die Probe beim Herausziehen. Nach demselben Prinzip arbeiten heute Stechheber und Weindieb.

Warum soll man Wein nach dem Mond ablassen?

Rumpolt begründet es nicht, er gibt die Regel weiter. Das ältere Weinbuch von Donaueschingen sagt dazu, wer bei vollem Mond ablasse, dessen Wein werde leicht zu Essig, und der Mond sei der unterste und uns nächste Planet (wbd-020). Das ist überlieferte Kellerregel, keine Messung.

Was bedeutet „Glentzen“ im Text?

Der Frühling (Lenz). Im Satz steht es als dritte Jahreszeit neben Winter und Sommer; mhd. glenze heißt „Frühling“ (BMZ, Lexer), und das Weinbuch von Donaueschingen schreibt in derselben Regel „lentzen“.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Es ist Kellerarbeit am Fass, keine Küche; nachkochen lässt sich daraus nichts.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 2.000 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.

Vom Ablassen. Die schwachen vnd krancken Wein sol man im Winter ablassen, Die starcken in dem Glentzen vnd Sommer. So man auch schwache Wein auff staͤrckere Hefen geußt, so werden sie darvon kraͤfftiger vnd staͤrcker. Wein, so bey vollem oder zunem̃enden Mon, oder so der Ostwindt wehet, das ist, in dem Herbst, abgelassen werden, die brechen leichtlich. Man sol sie ablassen, wenn der Windt Boreas wehet, das ist, im Winter, vnd so der Mon abnimpt, vnnd zu schoͤner zeit. Es sol vnter der Erden geschehen, daß nicht das Wetter oder Windt den Wein bruͤchig moͤcht machen. Jn dem Glentzen, wenn der Westwindt wehet, vnd wenn der Himmel klar vnd lauter ist, so sol man den starcken Wein ablassen, aber die Franckenwein sol man in dem Winter abziehen vmb der Kaͤlte willen. Wenn der Wein abgezogen ist von der Mutter, vnd das Faß voll ist, so mercke, ob sich der Wein verstossen oder verkeren woͤll oder nicht, vnd nim̃ ein lang Rohr, vnd stopff das fest zu mit einem Daumen, vnd stoß es durch den Wein biß an den Grundt, vnd zeuch die Hefen darauß, so schmaͤckstu, ob sich der Wein verkeren wil oder nicht. Oder nim̃ dieses Weins mitten auß dem Faß, vnd seudt jn, wenn er kalt wirdt, so merck dann wie er schmaͤcket.
Ablassen

Den Wein vom Bodensatz im Fass abziehen. Die Quelle gebraucht auch „abziehen“ in gleichem Sinn.

Glentzen

Frühling (Lenz). Mhd. glenze „Frühling“, aus ge-lenze (BMZ, Lexer); Fischers Schwäbisches Wörterbuch und Henisch führen glentz ebenso. Das Weinbuch von Donaueschingen schreibt in derselben Regel „lentzen“ (wbd-020). Rumpolt gebraucht das Wort auch in rum-1986.

Boreas

Der Nordwind der antiken Windnamen. Rumpolt setzt ihn selbst mit dem Winter gleich, den Ostwind mit dem Herbst.

Mutter

Der dicke Bodensatz im Fass, die Hefe, von der der Wein abgezogen wird. Adelung führt die Bedeutung mit der Wendung „Den Wein auf der Mutter liegen lassen“, also auf den Hefen.

Hefen

Der Bodensatz im Fass (Hefe und Trub), keine Back- oder Zuchthefe. Schwachen Wein auf stärkere Hefen gießen heißt: ihn auf den Bodensatz eines kräftigeren Weins füllen.

brüchig / brechen

Der Wein „bricht“, das heißt, er schlägt um und verdirbt (FWB: brüchig „schad-, mangelhaft“). Wie sich der Fehler zeigt, sagt Rumpolt nicht; als Ursache nennt er Wetter und Wind beim Ablassen.

verstossen oder verkeren

Verkeren heißt umschlagen, sich ins Schlechte verändern; dasselbe Verb steht in der Hefeprobe des Weinbuchs von Donaueschingen (wbd-012). Verstoßen liest der Weinanhang durchweg als Umschlagen (rum-1957). Im Donaueschinger Weinbuch heißt „sich verstoßen“ allerdings, dass der Wein trüb wird, solange er noch auf dem Trub liegt (wbd-021); das Paar kann also zwei Zustände meinen.

Franckenwein

Wein aus Franken. Rumpolt rät, ihn schon im Winter abzuziehen, wegen der Kälte.

Druck
Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle
Teil
Anhang: Wie man Wein macht, pflegt und bessert
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Frankfurter Druckersprache mit oberdeutscher Schreibung, südwestdeutsch/rhein-mainischer Küchenwortschatz, 1581)
Entstehung
Frankfurt am Main, 1581

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Weinwine Q282

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartverstossen oder verkeren

Gewählte Lesart: Der Wein verdirbt oder schlägt um. Beide Verben werden als Paar für die eine Gefahr gelesen, die die Probe aufdecken soll; der Satz schließt mit „ob sich der Wein verkeren wil“, nennt also am Ende nur noch das eine Verb. So auch rum-1957 („Wenn sich der Wein verstossen wolt“).

Andere mögliche Lesart:

  • Zwei Zustände: verstoßen = trüb werden, verkeren = umschlagen - Das Donaueschinger Weinbuch nennt „sich verstoßen“ ausdrücklich für Wein, der trüb wird und noch auf dem Trub liegt (wbd-021), und „verkeren“ für den Wein, dessen Trub stinkt (wbd-012). Möglich, dass Rumpolts Paar beides abdeckt; sein eigener Text unterscheidet es nicht.

Lesartbrüchig / brechen

Gewählte Lesart: Allgemeiner Weinfehler: der Wein schlägt um und verdirbt (FWB brüchig „schad-, mangelhaft“; Weinbuch Donaueschingen „der wint … brichet die wine“). Rumpolt nennt Ursache und Folge, aber kein Erscheinungsbild.

Andere mögliche Lesart:

  • Der heutige Fachbegriff „Bruch“ (Trübung durch Eisen, Kupfer oder Eiweiß) - Liegt für heutige Leser nahe, ist aber ein jüngerer Fachbegriff; der Text beschreibt keine Trübung, daher nicht übernommen.

Lesartstopff das fest zu mit einem Daumen / zeuch die Hefen darauß

Gewählte Lesart: Wörtlich: Rohr oben mit dem Daumen fest zustopfen, durch den Wein bis an den Grund stoßen, die Hefe herausziehen. Wann der Daumen gelöst wird, sagt der Text nicht; die Handhabung war Handwerkswissen.

Andere mögliche Lesart:

  • Rohr offen bzw. mit gelöstem Daumen bis durch die Hefe stoßen, dann oben verschließen und herausziehen (Prinzip Stechheber) - Annahme der Redaktion aus der Funktion des Geräts; gestützt durch rum-1943, wo das Rohr erst durch die Hefen gestoßen und dann „oben zu mit einem Finger“ gehalten und herausgezogen wird.

Lesartbey vollem oder zunem̃enden Mon / so der Mon abnimpt

Gewählte Lesart: Der Text nennt nur die Phasen: voller oder zunehmender Mond schadet, abnehmender Mond ist die rechte Zeit. Tageszahlen oder eine Kalenderregel gibt er nicht.

Andere mögliche Lesart:

  • Heutige Zuordnung: zunehmend = Neumond bis Vollmond, abnehmend = Vollmond bis Neumond - Praxislesart für heutige Leser; Rumpolt grenzt die Phasen nicht ab, und ob die Tage um den Vollmond schon als abnehmend gelten, bleibt offen.

Lesartseudt jn, wenn er kalt wirdt

Gewählte Lesart: Wein aus der Fassmitte sieden, kalt werden lassen, kosten. Wie lange er sieden soll, wie viel man nimmt und in welchem Gefäß, sagt der Text nicht; die Parallele im Weinbuch von Donaueschingen („sude den vnd las in kalt werden“, wbd-013) ebenso wenig.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine kleine Probe kurz aufkochen und abkühlen lassen - Praxisannahme; „sieden“ verlangt mindestens das Aufkochen, Dauer und Menge sind nicht überliefert.

Originalwerk (~1581) gemeinfrei.

Bildquelle
Bl. CLXXXVIIa, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PPN824825497 Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Transkription Justus-Liebig-Universität Gießen 2013 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rum-1934
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern Kellerarbeit am Fass: Wann man den Wein ablässt, hängt an Jahreszeit, Mond und Wind, danach folgen Rohr- und Kochprobe. Ohne eigenes Fass Wein lässt sich daraus nichts ansetzen.
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Stand dieser Fassung: 20.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.