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Weißen Wein rot färben

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581

RezeptKellerhandwerkLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
BuchEin new Kochbuch (~1581)

Nimm die Körner oder Beerlein vom Berbisholz, lateinisch Berberis, auf Deutsch Bersig, Saurach oder Erbselen genannt, wenn sie reif sind, und trockne sie gut.

Wenn du willst, häng sie in einem Leinentuch in das Gefäß, in dem der Wein ist. Nach kurzer Weile sieht man, dass der Wein rot geworden ist.

Oder häng getrocknete Kornblumenblätter auf dieselbe Weise hinein, oder Klapperrosen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Koͤrner oder Beerlein von Berbisholtz Berberitzenbeeren, getrocknet - iranischer oder orientalischer Supermarkt (als Zereshk), Online-Gewürzhandel -
Kornblumen Bletter Kornblumenblätter, gedörrt - - -
Klapperrosen Klatschmohnblüten - Teehandel (getrocknete Klatschmohnblüten) -
Weissen Wein Weißwein - - -

Welches Rezept ist das? Keine Speise, sondern eine Kellerbehandlung: Weißwein wird rot gefärbt, indem man getrocknete Pflanzenteile in einem Leinentuch in das Weingefäß hängt. Das Tuch dient als Hängebeutel, wie Rumpolt ihn im selben Anhang auch für Salbei, Hopfen und Galgant benutzt (rum-1966): Die Farbe geht in den Wein, die festen Teile bleiben im Tuch.

Die Berberitzen. Die Beeren werden reif geerntet und gut getrocknet, bevor sie ins Tuch kommen. Das Trocknen ist vorausgesetzt und dauert Tage, deshalb ist keine Arbeitszeit angegeben.

Kornblume und Klapperrose. Die Klapperrose ist der Klatschmohn. Welche Pflanze mit „Kornblume“ gemeint ist, lässt sich nicht sicher sagen: Die heutige blaue Kornblume ist möglich, ebenso der Feldmohn oder die rot blühende Kornrade. Als Ersatz für die Berberitze taugt sie deshalb nicht.

Menge und Zeit. Rumpolt nennt weder eine Menge noch eine Ziehzeit, nur „nach kurzer Weile“. Wie rot der Wein wird, sagt er ebenfalls nicht.

Praxis. Getrocknete Berberitzen in ein sauberes Leinentuch binden, in ein Gefäß mit Weißwein hängen und nach Sicht ziehen lassen, bis die Farbe passt; dann das Tuch herausnehmen. Wer die Blütenvariante probieren will, nimmt getrocknete Klatschmohnblüten, keine „Kornblumen“ unbestimmter Art.

Wo bekomme ich Berberitzenbeeren?

Getrocknete Berberitzen gibt es im iranischen oder orientalischen Supermarkt, meist unter dem persischen Namen Zereshk, und im Online-Gewürzhandel.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Es ist kein Gericht, sondern eine Weinbehandlung, die ein Weingefäß und Ziehzeit braucht.

Was bedeutet „Klapperrose“ im Rezept?

Den Klatschmohn. Das Grimmsche Wörterbuch zitiert eine Erklärung aus dem 16. Jahrhundert: Der Name kommt vom Knall, den die Blütenblätter machen. Getrocknete Klatschmohnblüten gibt es heute im Teehandel.

Färben Kornblumen nicht blau?

Die heutige Kornblume ist blau, und an anderen Stellen färbt Kornblumensaft Wein oder Essig blau (so1-005, rum-2007). Welche Pflanze Rumpolt hier mit „Kornblumen“ meint, ist nicht sicher: Mundartlich hießen auch der Feldmohn und die rot blühende Kornrade so.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 2.000 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.

Weissen Wein rot zu machen. Koͤrner oder Beerlein von Berbisholtz, zu Latein Berberis, in Teutsch Bersig, saurach oder erbselen genannt, wenn sie zeitig seind, wol duͤrr, vnnd wenn du wilt, so henck sie in einẽ leinen Tuch ins Geschirr, darinn der Wein ist, so sihet man vber ein klein weil, daß der Wein rot ist. Oder henck gedoͤrrt Kornblumen Bletter also darein, oder Klapperrosen.
Berbisholtz

Rumpolt setzt selbst lateinisch Berberis dazu: gemeint ist der Berberitzenstrauch (Sauerdorn, Berberis vulgaris), die „Körner oder Beerlein“ sind seine Früchte. Auch Fischers Schwäbisches Wörterbuch führt berbis als (Frucht von) Berberis vulgaris.

Bersig / saurach / erbselen

Drei deutsche Namen für die Berberitze. Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch erklärt erbsele als „Sauerdorn, Berberitze“, auch für die Frucht; das Grimmsche Wörterbuch nennt saurach einen oberdeutschen Namen der Berberisstaude. Mit der Erbse hat erbselen nichts zu tun. Und Vorsicht: In Rumpolts Fischkapiteln heißt Bersig der Barsch; hier ist durch die Gleichung mit Berberis eindeutig die Pflanze gemeint.

Kornblumen Bletter

Wörtlich „Kornblumenblätter“, wohl die gedörrten Blütenblätter. Welche Pflanze gemeint ist, bleibt offen: Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch nennt „in der Regel“ die blaue Kornblume (Centaurea cyanus), mundartlich heißt aber auch die purpurrot blühende Kornrade (Agrostemma githago) so, im Rheinischen auch der Feldmohn. Im Nachbarrezept zum Essig (rum-2007) macht Rumpolt mit Kornblumen den Essig blau; hier soll der Wein rot werden.

Klapperrosen

Der Klatschmohn (Papaver rhoeas). Das Grimmsche Wörterbuch belegt klapperrose als „der feldmohn, die kornrose“, ebenso das Rheinische und das Pfälzische Wörterbuch. Den Namen erklärt schon das 16. Jahrhundert mit dem Knall, den die Blütenblätter machen. Mundartlich kann Klapperrose im Rheinischen auch die Pfingstrose meinen; als Feldblume neben der Kornblume ist hier der Mohn gemeint.

zeitig

Bedeutet hier „reif“: Die Beeren sollen erst nach der Reife geerntet und dann gut getrocknet werden.

Druck
Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle
Teil
Anhang: Wie man Wein macht, pflegt und bessert
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Frankfurter Druckersprache mit oberdeutscher Schreibung, südwestdeutsch/rhein-mainischer Küchenwortschatz, 1581)
Entstehung
Frankfurt am Main, 1581

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Weissen Weinwhite wine Q10210

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartwol dürr, vnd wenn du wilt, so henck sie

Gewählte Lesart: Die Beeren werden reif gepflückt und gut getrocknet; auf Wunsch hängt man sie dann im Leinentuch in den Wein. Die Verben „nimm“ und „trockne“ stehen nicht im Original und sind aus dem Zusammenhang ergänzt.

Andere mögliche Lesart:

  • „wol dürr“ meint die schon fertig getrockneten Beeren, „wenn du wilt“ bezieht sich auf die Färbung selbst (nach Bedarf). - Die Satzfügung ist elliptisch, beide Zuordnungen von „wenn du willst“ sind grammatisch möglich. Am Handgriff ändert das nichts.

LesartKlapperrosen

Gewählte Lesart: Klatschmohn (Papaver rhoeas): Grimm (klapperrose 1, „der feldmohn, die kornrose“), Rheinisches und Pfälzisches Wörterbuch. Rumpolt stellt die Klapperrosen neben die Kornblumen, also zu den Feldblumen, und lässt im Essig-Anhang (rum-2007) Essig über Klapperrosen rot werden. Die deutsche Weinschrift Hirnkofens (Esslingen 1478) nennt für dasselbe Ziel Pulver aus roten Klatschmohnblättern.

Andere mögliche Lesart:

  • Pfingstrose (Paeonia) - Mundartlich belegt (Rheinisches Wörterbuch, Klapperrose 2: Päonie; auch bei Stieler). Neben der Kornblume als Feldkraut aber unwahrscheinlich.

LesartKornblumen Bletter

Gewählte Lesart: Gedörrte Blütenblätter einer „Kornblume“; welche Pflanze, ist nicht bestimmbar. Das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch nennt „in der Regel“ Centaurea cyanus, die blaue Kornblume. Rumpolt erwartet hier aber rote Farbe, während Kornblumen im Korpus Wein und Essig blau färben (so1-005, k1-029, rum-2007).

Andere mögliche Lesarten:

  • Feldmohn - Das Rheinische Wörterbuch kennt „Kornblume“ auch für den Feldmohn, also in Rumpolts Raum. Dann wäre „oder Klapperrosen“ eine Doppelnennung derselben Pflanze.
  • Kornrade (Agrostemma githago) - Mundartlich ebenfalls „Kornblume“ genannt, mit purpurroten Blüten; würde zum Färbeziel passen, ist aber nicht belegt.

LesartMenge der Beeren oder Blüten

Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Menge, weder für die Beeren noch für die Blüten, noch für den Wein. Auch Hirnkofens Weinschrift (1478) gibt für Berberitzensamen oder -holzspäne im Leinensäckchen keine Menge an.

Andere mögliche Lesart:

  • Nach Augenschein dosieren, keine feste Menge ansetzen. - Moderne Praxis; das Original lässt die Menge offen, eine Zahl wäre erfunden.

Lesartvber ein klein weil

Gewählte Lesart: „Nach kurzer Weile“ sieht man, „daß der Wein rot ist“ - eine Ziehzeit und einen Farbton nennt Rumpolt nicht. Im Nachbarrezept rum-1966 hängen Salbei, Hopfen und Galgant drei oder vier Tage im Fass; das ist ein anderer Zweck und kein Maß für dieses Rezept.

Andere mögliche Lesart:

  • Hängen lassen, bis die gewünschte Farbe erreicht ist, dann das Tuch herausnehmen. - Moderne Praxis nach Sicht; keine Zeitangabe ergänzt.

Originalwerk (~1581) gemeinfrei.

Bildquelle
Bl. CXCIIa, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PPN824825497 Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Transkription Justus-Liebig-Universität Gießen 2013 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rum-1965
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept, sondern eine Weinbehandlung.
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Stand dieser Fassung: 20.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.