Zum RezeptSkip to recipe
Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Kräuterwein: ein, zwei Tropfen Destillat in die Kanne

Weinbuch. Das iſt: Vom baw vnd pflege des Weins ... Daneben auch wie man allerley Kreuter und Brantwein/ Eſſig/ Meth/ vnd Bier / machen, erhalten ... Durch Johann Raſch/ Burger zu Wien / an tag geben · Wien / München · 1580

BochetGetränkLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 7/10
BuchRasch: Weinbuch (~1580)

Andere bereiten durch Schärfe und kunstvolle Destillierung, welche Kräuter sie wollen, so dass diese ihren Geruch, ihre Kraft und Wirkung dermaßen behalten: Geben sie davon nicht mehr als ein oder zwei Tropfen in eine Kanne Wein, so nimmt der Wein den Geruch und die Art dieses Krauts an. Damit ersparen sie viele Unkosten, Mühe und Arbeit.

Weil aber solche Künste wenigen bekannt sind, …

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
wz kreuter ſie woͤllen was für Kräuter sie wollen - - -
ein oder zwen tropffen ein oder zwei Tropfen - - -
ein kanten wein eine Kanne Wein 1 - -

Was ist das? Ein Hinweis, keine Anleitung: Statt Kräuter mit dem Most im Fass anzusetzen, stellen „andere“ ein Destillat der gewünschten Kräuter her und geben davon ein oder zwei Tropfen in eine Kanne fertigen Wein. Rasch nennt nur das Ergebnis und den Vorteil, Kosten, Mühe und Arbeit zu sparen; wie destilliert wird, sagt er nicht.

Schärfe. Ob „durch Schärfe“ den Scharfsinn des Destillierers oder ein scharfes Mittel meint, bleibt offen. Der Nachsatz, solche Künste seien wenigen bekannt, spricht eher für eine Fertigkeit, beweist sie aber nicht.

Welches Destillat? Ein gebranntes Kräuterwasser oder ein weingeistiger Auszug, beides ist möglich. Später im Buch kehrt dieselbe Abkürzung wieder: das Kraut brennen und ausdestillieren, ein halbes Maß auf ein Fuder oder einen Eimer Wein. Dort ist von Tropfen keine Rede.

Praxis. Nachmachen lässt sich der Eintrag nur mit einem Destillat, dessen Art der Text offenlässt. Rasch selbst gibt im Anschluss den Weg ohne Destillierkunst: getrocknete, zerstoßene Kräuter in Branntwein ausziehen und von dem Auszug viel oder wenig in die Kanne gießen. Heute vergleichbar ist das Aromatisieren von Wein mit wenigen Tropfen eines Kräuterdestillats.

Wie geht der letzte Satz weiter?

Im nächsten Eintrag: Weil die Kunst des Destillierens wenigen bekannt ist, rät Rasch, getrocknete, zerstoßene Kräuter in guten Branntwein zu legen, einige Tage ziehen zu lassen, auszupressen und den Auszug nach Belieben in die Kanne zu gießen; ersatzweise alten, starken Wein.

Was für ein Destillat ist gemeint?

Das sagt der Text nicht. Er nennt nur das Ergebnis: Das Destillat bewahrt Geruch, Kraft und Wirkung des Krauts so stark, dass ein oder zwei Tropfen eine Kanne Wein danach schmecken lassen. Wie viel eine Kanne fasst, steht nicht da.

Ist das etwas für die Lagerküche?

Nein. Es ist eine Weinbehandlung, und Wein- und Kellerrezepte zählen in diesem Buch grundsätzlich nicht zur Lagerküche.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Rasch: Weinbuch (Wien / München). Weinbuch des Wiener Bürgers Johann Rasch, gedruckt bei Adam Berg in München um 1580: Weingartenbau in Versen, dann ein Kellerbuch - Most und Fässer, Weinfehler beheben, Kräuterweine, Essig, Met und Bier, viele kurze Mittel nach dem Muster „Item ...“.

Andere beraiten durch ſchaͤrpffe vnd kuͤnſtliche diſtillierung wz kreuter ſie woͤllen, alſo daß ſie jren geruch, krafft vnd tugend dermaſſen behalten, wo ſie von ſolchen nit mehꝛ dann ein oder zwen tropffen in ein kanten wein laſſen, das den geruch vnd art ſolchs krauts empfahet, erſparen damit vil vnkoſten, muͤhe vnnd arbeit. Weil aber ſolche kuͤnſten wenigen bekandt ſeind,
kanten

Kanne, ein Weingefäß; Grimm führt „kante, kande“ als Nebenform von „kanne“, Maaler 1561 nennt „kant, kanten, kantel“ ein Weingeschirr. Wie viel die Kanne fasst, sagt der Text nicht.

Druck
Weinbuch. Das iſt: Vom baw vnd pflege des Weins ... Daneben auch wie man allerley Kreuter und Brantwein/ Eſſig/ Meth/ vnd Bier / machen, erhalten ... Durch Johann Raſch/ Burger zu Wien / an tag geben
Teil
Kräuter- und Obstweine
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch, Wiener Verfasser, Münchner Druck um 1580; ai für ei, nit = nicht)
Entstehung
Wien / München, 1580

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartdurch ſchaͤrpffe vnd kuͤnſtliche diſtillierung

Gewählte Lesart: Wörtlich als „durch Schärfe und kunstvolle Destillierung“ übersetzt, weil der Text nicht sagt, welche Schärfe gemeint ist. Grimm belegt „scherpffe“ (Maaler) für die Eigenschaft des Scharfseins, auch übertragen als „desz gemüts scherpffe“, acies mentis.

Andere mögliche Lesarten:

  • Scharfsinn, Kunstfertigkeit des Destillierers - Passt zu „solche Künste sind wenigen bekannt“ und zu Maalers acies mentis; im Text aber nicht ausgeführt.
  • ein scharfes Mittel, etwa ein starker Brand als Lösungsmittel - Grimm kennt Schärfe auch als Eigenschaft von Stoffen (Essig, Senf); ein bestimmtes Mittel nennt Rasch nicht.

Originalwerk (~1580) gemeinfrei.

Bildquelle
Scan 086, München, Bayerische Staatsbibliothek (bsb00027343), Public Domain Mark 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigene Transkription (Kraken-OCR nach den Scans der Bayerischen Staatsbibliothek, je Rezept am Scan korrigiert) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/ras-066
LagerkücheLagerküche
Weinbehandlung mit einem Kräuterdestillat; nach der Buchkonvention für Wein und Kellerarbeit nicht für die Lagerküche.
Alle Rezepte aus Rasch: Weinbuch Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.

Stand dieser Fassung: 03.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.