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Holunderblütenmus mit Nudeln

Das kochbúch der sabina welserin · Augsburg · 1553

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit40 Min.Portionen2-3 PersonenBuchDas Kochbuch der Sabina Welserin (~1553)

Die Holunderblüten in Milch aufkochen lassen und durchtreiben.

Aus Eiern und Mehl einen festen Teig machen und ihn dünn auswellen. Den Teig in kleine, wurmartige Streifen schneiden und diese Nudelstreifen in die Holundermilch geben. Salzen, Schmalz dazugeben und alles zusammen aufkochen lassen.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
holderblie Holunderblüten - Wochenmarkt, Wald Getrocknete Holunderblüten aus dem Kräuterhandel
milch Milch - - -
air Eier - - -
mell Mehl - - -
saltz Salz - - -
schmaltz Schmalz - - Butter

Welches Gericht ist das? Ein Milch-Mus aus Holunderblüten mit handgeschnittenen Ei-Mehl-Nudeln - eine frühe Form der Milchnudelsuppe, wie sie bis heute als schlichte Süßspeise bekannt ist. Der engste Verwandte im Korpus ist kkm-034 (Koch und Kellermeisterei, 1574): praktisch dasselbe Verfahren, bis hin zur fast wortgleichen Formel „würmlins weis“ für den Schneide-Schritt. Weiter entfernt verwandt ist eine ganze Familie von Holunderblütenmus-Rezepten (mon-011, meb-007, m384-062, w1-064), die zwar dieselbe Grundidee - Milch mit Holunderblüten aromatisieren - teilen, aber andere Bindetechniken verwenden (Ei direkt eingeschlagen, geriebenes Brot oder Mandeln statt Nudelteig).

Durch was getrieben? Das Transkript sagt nur „treibs dúrch“ - ohne Werkzeug und ohne Zweckangabe. Dasselbe Kochbuch nennt an anderer Stelle (saw-062) ausdrücklich ein „peúteltúch“ (Beuteltuch) für denselben Vorgang, was die Lesart als Tuch-Passage stützt, auch wenn saw-038 selbst offenlässt, womit durchgetrieben wird. Der Zweck ist die Klärung: die festen Blütenreste (Staub, Stiele, Kelchreste) werden abgeseiht, sodass nur die aromatisierte Milch übrigbleibt.

Praxis. Holunderblüten in der Milch aufkochen, dann durch ein Tuch oder feines Sieb passieren, um die Blütenreste zu entfernen. Aus Eiern und Mehl einen festen Teig kneten, dünn auswellen und in schmale, gedrehte Streifen schneiden - im Grunde einfache handgeschnittene Eiernudeln. Die Streifen in der aromatisierten Milch mit Salz und Schmalz aufkochen, bis sie gar sind; die austretende Stärke bindet die Milch dabei leicht an.

Wo bekomme ich Holunderblüten für dieses Rezept?

Frische Holunderblüten wachsen in Deutschland weit verbreitet und blühen etwa von Mai bis Juni am Wegesrand oder im Wald. Wer nicht selbst sammeln möchte, findet getrocknete Holunderblüten im Kräuterhandel oder Bio-Laden, die man vor dem Kochen kurz in der Milch aufziehen lässt.

Was bedeutet 'in Würmchen-Weise geschnitten'?

Der ausgerollte Ei-Mehl-Teig wird in dünne, gedrehte Streifen geschnitten, die an kleine Würmer erinnern - im Grunde eine frühe Form von handgeschnittenen Nudeln, ähnlich heutigen Spätzle-Streifen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja. Ein Topf, ein Nudelholz und ein Messer reichen, aber die Zubereitung hat vier eigenständige Schritte - Blüten sieden und durchtreiben, Teig herstellen, dünn auswellen und schneiden, dann alles gemeinsam fertiggaren. Das braucht etwas mehr Zeit und Aufmerksamkeit als ein Schnellgericht, bleibt aber in gut 40 Minuten machbar. Einziger Punkt: frische Holunderblüten gibt es nur im Frühsommer, sonst greift man zur getrockneten Variante.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Sabina Welserin“. Von der Verfasserin selbst 1553 datiertes Kochbuch aus dem Augsburger Patriziat - eines der wenigen frühneuzeitlichen deutschen Kochbücher, das eine Frau als Autorin nennt. Gloning zählt 205 Rezeptnummern, dazu sechs als Sub-Buchstaben gezählte Zweitschriften (1a, 2a, 3a, 7a, 136a, 137a), die im Codex an anderer Stelle stehen als ihre Originale. Handschrift: Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (XXI + 55 Bl., Register auf Bl. I-XXI, Rezepte ab Bl. 1r).

Holdermúsß von blie zú machen Nim holderblie, lasß jn ainer milch ersieden vnnd treibs dúrch/ mach ain herten taig von air vnnd mell vnnd welgle jn jn dinnen pletter, schneid jn/ jn wirmlens weiß vnnd thúe die jn die milch, saltz vnnd schmaltz vnnd lasß sieden.
holderblie

Holunderblüten, geschrieben mit der schwäbischen Lautverschiebung ü zu ie. Der Rezepttitel 'von blie' bestätigt die Lesart als 'von Blüten'.

welgle

Ausrollen/Auswellen des Teigs zu dünnen Blättern, dialektale Form von 'wellen'.

wirmlens weiß

Wörtlich 'in Würmchen-Weise', d.h. in dünne, wurmartige Streifen geschnitten. Beschreibt die Nudelform.

ersieden

Aufkochen lassen, bis es siedet. Im Kochbuch der Sabina Welserin bislang einziger Beleg dieses Worts, im Korpus insgesamt aber auch in ka1-047 belegt.

Handschrift
Das kochbúch der sabina welserin
Folio
Fol. 12 verso
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1553

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

holderblieelder flower Q67778134
airchicken egg Q15260613
saltztable salt Q11254
schmaltzanimal fat Q1423543

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartblie

Gewählte Lesart: Blüte, in dialektaler Schreibung mit Entrundung von ü zu ie. Der Rezepttitel 'von blie' entspricht damit 'von Blüten' (Holunderblüten).

Andere mögliche Lesart:

  • Blei (Metall) - Wörterbucheinträge (Benecke, Lexer, MHDBDB) führen 'blie' vorrangig als Lautform von mhd. 'blî' = Blei auf. Diese Lesart ist im Kontext eines Milchmus jedoch kulinarisch unsinnig und wird verworfen.

Lesartwelgle

Gewählte Lesart: Auswellen/Ausrollen des Teigs zu dünnen Blättern, dialektale Form von 'wellen' oder 'walgern'.

Andere mögliche Lesart:

  • Unklares Verb ohne gesicherte Bedeutung - Das Wort ist im Korpus nicht anderweitig belegt, die Rollen-Lesart ergibt sich rein aus dem Kontext ('dünne Blätter' als Ergebnis).

Lesarttreibs dúrch

Gewählte Lesart: Durchtreiben/Passieren der siedenden Blütenmilch, wohl durch ein Tuch (vgl. saw-062: 'durch ain peúteltúch'), um die festen Blütenreste von der Flüssigkeit zu trennen.

Andere mögliche Lesart:

  • Durch ein Sieb passieren - Das Transkript von saw-038 selbst nennt weder Tuch noch Sieb - 'treibs dúrch' bleibt objektlos. Andere Rezepte desselben Buchs verwenden für denselben Vorgang wahlweise 'Sieb' (saw-046) oder 'Beuteltuch' (saw-062); welches Werkzeug hier gemeint ist, lässt der Text offen.

Lesartersieden

Gewählte Lesart: Aufkochen lassen / zum vollen Sieden bringen.

Andere mögliche Lesart:

  • Nur kurz erhitzen, nicht bis zum vollen Sieden - Im SAW-Buch nur an dieser Stelle belegt (im Korpus insgesamt jedoch auch in ka1-047), lässt sich die genaue Intensität nicht restlos sichern - die Grundbedeutung 'sieden' bleibt aber eindeutig.

Originalwerk (~1553) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 12 verso, Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek, 4° Cod 137 (urn:nbn:de:bvb:37-dtl-0000005911)
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Internet-Ausgabe nach Stopp 1980) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
In gut 40 Minuten mit Topf, Nudelholz und Messer fertig, keine Kühlung nötig. Frische Holunderblüten gibt es nur im Frühsommer, außerhalb der Saison tut es getrocknete Blüte vom Kräuterhandel.
Alle Rezepte aus Das Kochbuch der Sabina Welserin Alle Kochbücher

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Stand dieser Fassung: 17.08.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.