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Hirn auf drei Arten: gehackt, ganz oder gebacken mit süßer Brühe

Ein Köstlich new Kochbuch Von allerhand Speisen/ an Gemüsen/ Obs/ Fleisch/ Geflügel/ Wildpret/ Fischen vnd Gebachens. Nicht allein vor Gesunde: sondern auch vnd fürnemlich vor Krancke ... auch Schwangere Weiber/ Kindbetterinnen/ vnd alte schwache Leut · Amberg (Oberpfalz) · 1598

VorspeiseVorspeiseMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
BuchEin köstlich new Kochbuch (~1598)

Das Hirn in halb Wein und halb Wasser sieden, aber nicht so lange wie sonst. Danach hacken und zubereiten, wie du es bei der gefüllten Leber hast, wenn man sie hackt.

Willst du es aber, so lass es ganz und bereite es zu, wie du es weiter unten bei den gefüllten Milchlein oder Brieslein findest.

Für das Dritte: Lass es trocken abkochen. Wenn es danach erkaltet ist, zieh es durch ein Ei, back es und mach eine gute süße Brühe darüber, zum Voressen, mit etwas geschnittenen Mandeln und Rosinen darin. Und gib es mal mit einer Zimtbrühe, mal mit einer Brühe, die aus anderen Sülzen bereitet ist, damit es von Nelken braun gefärbt ist. Danach die Sülzen von Äpfeln, Birnen und roten Kirschen dazu geben.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Hirn Hirn - - -
halb Wein vnnd Waſſer Wein und Wasser zu gleichen Teilen, zum Sieden - - -
Ey Ei - - -
geſchnitten Mandeln Geschnittene Mandeln - - -
Weinbeern Rosinen - - -
Naͤgelein Nelken, für die braune Brühe - - -
Suͤltzen von Aepffeln/ Birnen vnd rothen Kirſchen Sülzen von Äpfeln, Birnen und roten Kirschen (Beilage) - - -

Praxis. Das Hirn in Wein und Wasser zu gleichen Teilen schwach sieden, deutlich kürzer als die ein bis drei Stunden des ersten Hirnrezepts (wec-351); als Vorschlag 20 bis 30 Minuten. Für die gebackene Form im Sud fertig garen, bis keine Brühe mehr bleibt, auskühlen lassen, in verquirltem Ei wenden und ausbacken, etwa in Schmalz oder Butterschmalz (das Fett nennt der Text nicht). Für die süße Brühe nennt Wecker nur Mandeln und Rosinen, keine Mengen und keine Bindung. Die Obstsülze lässt sich nach wec-312 machen: Äpfel reiben, auspressen, den Saft wie Sirup einkochen.

Woraus besteht die Füllung?

Das sagt dieses Rezept nicht. Für die gehackte Form verweist es auf die gefüllte Leber, die erst weiter hinten steht (wec-374, gehackte Eierfülle mit Speck oder Mark; die gehackte Leber im Netz in wec-375). Für die ganze Form verweist es auf die gefüllten Milchlein (wec-379), die ihrerseits auf das Hirn zurückverweisen. Ausgeschrieben ist eine Hirnmasse im ersten Hirnrezept (wec-351): gehacktes Hirn mit hart gekochtem Eigelb oder etwas Semmel, Safran, süßer Würze, Muskat und Rosinen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein köstlich new Kochbuch“ (Amberg - Oberpfalz). Erstes gedrucktes deutschsprachiges Kochbuch einer Frau: Anna Wecker, Witwe eines Colmarer Stadtarztes, schrieb es 1596 vor allem als Kost für Kranke, Schwangere, Wöchnerinnen und alte Leute. 483 Rezepte in vier Teilen (Mandel/Gerste/Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch/Sülzen/Soßen), süß und mandelbetont, mit diätetischen Hinweisen zu einzelnen Krankheiten. Erstausgabe 1597, transkribiert ist die zweite Auflage Amberg 1598.

Ein gefuͤllt Hirn. LAß das Hirn inn halb Wein vnnd Waſſer ſieden, aber nicht ſo lang als ſonſten, darnach hacks vnnd bereit es, wie du von der gefuͤlten Lebern haſt, ſo mans hackt, wiltu dann, ſo laß gantz, vnd bereit es wie du hernach von den gefuͤlten Milchlein oder Brißlein findeſt. Fuͤr das dritte, ſo laß trucken abkochen, darnach ſo es erkalt, ſo zeuch es durch ein Ey, bache es vnd mache ein gute ſuͤſſe Bruͤh daruͤber, zum voreſſen, darinnen etwan geſchnitten Mandeln vnd Weinbeern, vnd gibs, etwan mit einer Zimetbruͤh, etwan von andern Suͤltzen bereit, damit es von Naͤgelein braunfarb ſey, alsdann die Suͤltzen von Aepffeln, Birnen vnd rothen Kirſchen geben.
Hirn

Welches Tier, sagt dieses Rezept nicht. In den vorangehenden Hirnrezepten nimmt Wecker Rinds- oder Kalbshirn.

Milchlein oder Brißlein

Beides meint das Bries (Thymusdrüse) junger Tiere, heute auch Kalbsmilch. Das Rezept für die gefüllten Milchlein steht in wec-379.

zeuch es durch ein Ey

In Ei wenden und dann ausbacken. Das Fett nennt der Text nicht.

Suͤltzen

Bei Wecker ist Sülze hier kein Fleischaspik, sondern eine eingekochte Obstzubereitung: Für die Apfelsülze presst sie geriebene Äpfel aus und kocht den Saft wie Sirup ein (wec-312). Ein anderes Rezept nennt „Soß oder Suͤltzen“ in einem Atemzug (wec-462).

wie du von der gefuͤlten Lebern haſt/ ſo mans hackt

Gemeint ist wohl die gefüllte Leber in wec-374, mit einer gehackten Eierfülle mit Speck oder Mark; die ganz gehackte Leber im Netz folgt gleich danach (wec-375). Beide stehen erst weiter hinten im Buch, obwohl Wecker „wie du … haſt“ schreibt.

Druck
Ein Köstlich new Kochbuch Von allerhand Speisen/ an Gemüsen/ Obs/ Fleisch/ Geflügel/ Wildpret/ Fischen vnd Gebachens. Nicht allein vor Gesunde: sondern auch vnd fürnemlich vor Krancke ... auch Schwangere Weiber/ Kindbetterinnen/ vnd alte schwache Leut
Teil
Dritter Teil: Von allerlei Fleisch, Wild und Zahmem
Sprache
Frühneuhochdeutsch (oberdeutsche Druckersprache, Amberg/Oberpfalz 1597/98; Schreibung ohne ai-/kh-Formen, Küchenwortschatz oberdeutsch: Hafen, Zwetschken, Semmel, Diminutiv -lein; Verfasserin lebte in Colmar und Altdorf bei Nürnberg)
Entstehung
Amberg (Oberpfalz), 1598

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Hirnbrain Q719458
Eychicken egg Q15260613
Weinbeernraisin Q13186
Naͤgeleinclove Q15622897

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartlaß trucken abkochen

Gewählte Lesart: Gar kochen, bis keine Brühe mehr übrig ist. Abkochen heißt frühneuhochdeutsch „gar kochen“ (FWB abkochen), und „trocken“ steht bei Wecker gegen „naß“, also ohne Brühe (wec-379 „legs trocken oder naß in eine Schuͤſſel“). Die Nachbarvariante wec-356 verlangt dagegen ausdrücklich, dass eine Schüssel Brühe bleibt.

Andere mögliche Lesart:

  • Nach dem Sieden aus dem Sud nehmen und abtropfen lassen. - Darauf haftet das Ei besser. Abkochen heißt aber nicht abtropfen, das Wort trägt diese Lesart nur schwach.

LesartSuͤltzen / andern Suͤltzen

Gewählte Lesart: Eingekochte, dickliche Obstzubereitungen, wie Wecker die Apfelsülze in wec-312 beschreibt. Für die Schlussgabe ist Obst durch den Satz selbst gesichert („von Aepffeln/ Birnen vnd rothen Kirſchen“).

Andere mögliche Lesarten:

  • Gestocktes Obstgelee. - Wecker kennt auch die feste Form, etwa die Quittensülze in wec-276.
  • Bei den „andern Suͤltzen“, aus denen die Brühe bereitet wird, auch Fleisch- oder Geflügelsülze. - Wecker führt Sülzen aus Huhn und Ferkel (wec-348, wec-349). Für diese Brühenbasis sagt der Satz das Obst nicht ausdrücklich.

Originalwerk (~1598) gemeinfrei.

Bildquelle
S. 173, Bayerische Staatsbibliothek München, Res/Oecon. 2174 b Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Kernkorpus, Double-Keying Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/wec-355
LagerkücheLagerküche
Nein: Hauptzutat Hirn, im Lager weder verfügbar noch haltbar.
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Stand dieser Fassung: 24.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.