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Pestwasser aus Kräutern und Weißwein

Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425 · England · 1610

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 8/10
BuchRezeptbuch der Sarah Longe (~1610)

Pestwasser: Nimm Schlüsselblumenblüten, Klatschmohn, Römischen Wermut, Beifuß, Andorn, Gauchheil, Raute, Salbei, Schöllkraut, Herzgespann, Wermut, Wiesenknopf, Blutwurz, Sauerampfer, Alantwurzeln, Mutterkraut, Melisse, Drachenwurz, Engelwurz, Ringelblumen, Rosmarin etwa 225 g (ein halbes Pfund), Hundskamille, Skabiose, Odermennig, Betonie, Benediktenkraut, Endivie, Eberraute, The Birch lott, Macthaline und Fünffingerkraut, von jedem etwa 110 g (ein Viertelpfund).

Schneide sie sehr klein und lege sie 24 Stunden in etwa 3 l (drei Quart) Weißwein ein.

Dann destilliere sie in einem Destillierhelm oder einer Brennblase. Hebe den ersten Ablauf als den stärksten auf, und ebenso eine zweite und eine dritte Sorte.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Cowslip flowers Schlüsselblumenblüten 110 g - -
Redweed Klatschmohn 110 g - -
Romanwormewood Römischer Wermut 110 g - -
Mugwort Beifuß 110 g - -
Horshound Andorn 110 g - -
Pimpernell Gauchheil 110 g - -
Rice Raute (Lesung unsicher) 110 g - -
Sage Salbei 110 g - -
Saladine Schöllkraut 110 g - -
Motherwort Herzgespann 110 g - -
Wormwood Wermut 110 g - -
Burnot Wiesenknopf 110 g - -
Turmentall Blutwurz 110 g - -
Sorrell Sauerampfer 110 g - -
Ellicompaine-rootes Alantwurzeln 110 g - -
ffeatherfew Mutterkraut 110 g - -
Balme Melisse 110 g - -
Dragon Drachenwurz (Art unsicher) 110 g - -
Angelico Engelwurz 110 g - -
Marrigolds Ringelblumen 110 g - -
Rosemary halfe a pound Rosmarin 225 g - -
Brow may weeds Hundskamille 110 g - -
Scabius Skabiose 110 g - -
Egrimony Odermennig 110 g - -
Bittony Betonie 110 g - -
Cardis Benediktenkraut 110 g - -
Endiff Endivie 110 g - -
Sotherne-wood Eberraute 110 g - -
The Birch lott The Birch lott (unbestimmt) 110 g - -
Macthaline Macthaline (unbestimmt) 110 g - -
Sinkfall Fünffingerkraut 110 g - -
3 quarts of whitewine Weißwein 3 l - -

Was ist das? Ein Pestwasser, also ein destilliertes Kräuterwasser, das nach der Überschrift gegen die Pest gedacht war. Rund dreißig Garten- und Wiesenkräuter werden klein geschnitten, einen Tag und eine Nacht in Weißwein angesetzt und dann destilliert. Wie und wie viel davon genommen werden sollte, sagt der Eintrag nicht.

Die Kräuterliste. Die meisten Namen sind eindeutig. Vier bleiben unsicher: Rice steht so in der Hand und ist kein bekannter Pflanzenname; als Raute gelesen ist es nur, weil ein fast gleiches Pestwasser bei Digby (1669) an dieser Stelle Rue nennt. Dragon kann in den Kräuterbüchern der Zeit verschiedene Pflanzen meinen. The Birch lott und Macthaline lassen sich nicht sicher bestimmen und bleiben im Wortlaut stehen. Die Digby-Fassung klärt zwei andere Stellen: Sie nennt Brown-mayweed (Hundskamille) und verlangt von allen Kräutern gleich viel, vom Rosmarin das Doppelte. So ist hier das Viertelpfund auf alle Kräuter außer dem Rosmarin bezogen.

Die Abläufe. Die Hand hebt den ersten Ablauf als den stärksten auf und danach eine zweite und dritte Sorte, also nach Stärke getrennte Abläufe desselben Ansatzes.

Einordnung. Ein Hausarzneibuch-Rezept, das zeigt, wie ein Haushalt ein Mittel gegen die Pest aus Garten- und Wiesenkräutern selbst destillierte; es steht hier als historisches Dokument, nicht als Mittel. Mehrere der Pflanzen sind giftig oder in Menge bedenklich: Schöllkraut ist giftig, Wermut enthält Thujon, Raute wirkt in Menge giftig und abortiv, der Gauchheil gilt als giftig, und sollte Dragon den Aronstab meinen, ist auch er giftig. Klatschmohn ist kein Schlafmohn. Ein alkoholischer Ansatz, der über offenem Feuer destilliert wird, gibt brennbare Dämpfe ab.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Nein. Es ist ein Heilmittel und ein Destillat, keine Speise; wir geben es als historisches Dokument wieder, nicht als Anleitung.

Kann man das heute nehmen?

Nein. Das Pestwasser ist ein historisches Dokument einer Hausapotheke, kein Mittel für heute; mehrere der Kräuter, etwa Schöllkraut und Wermut, sind giftig oder in Menge bedenklich.

Was heißt „die erste, zweite und dritte Sorte“?

Die Hand hebt die Abläufe der Destillation getrennt auf: den ersten als den stärksten, danach eine zweite und eine dritte Sorte.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Rezeptbuch der Sarah Longe (17. Jh., Nachträge bis 18. Jh., England). Das handschriftliche Haushaltsbuch, das Mrs Sarah Longe im 17. Jahrhundert anlegte, vollständig in seinen drei Schichten: Longes Hauptteil mit eigenem Register (Eingemachtes, Biskuits und Kuchen, Cremes und Possets, einige Fleisch- und Fischgerichte, ein Metheglin und ihre Heilmittel), Nachträge späterer Hände des 17. Jahrhunderts mit Salben, Kräuter-Ales, Obstweinen, China Ale und Usquebaugh, und Spätnachträge des 18. Jahrhunderts mit Weinen, Gelees, Cremes und Kuchen.

To make Plague water Take Cowslip flowers, Redweed, Romanwormewood, Mugwort, Horshound, Pimpernell, Rice, Sage, Saladine, Motherwort, Wormwood, Burnot, Turmentall, Sorrell, Ellicompaine-rootes, ffeatherfew, Balme, Dragon, Angelico, Marrigolds, Rosemary halfe a pound, Brow may weeds, Scabius, Egrimony, Bittony, Cardis, Endiff, Sotherne-wood, The Birch lott, Macthaline, Sinkfall, of each a quarter of a pound, shred them very small, and lay them a steepe 24 hours in 3 quarts of whitewine, Then still them in a Limbeck, or still, then save the first as strongest, and soe a 2. and 3. sort.
Plague water

Pestwasser: ein destilliertes Kräuterwasser, das gegen die Pest helfen sollte. Englische Haus- und Kochbücher des 17. Jahrhunderts führen es in vielen Fassungen, bei Digby (1669) gleich zwei.

Limbeck, or still

Der Limbeck (Alembik) ist der Destillierhelm, der auf das Gefäß gesetzt wird und den Dampf ableitet; still ist die Brennblase. Die Hand lässt die Wahl zwischen beiden Geräten.

of each a quarter of a pound

Die Mengenangabe steht erst am Ende der Liste. Sie gilt hier für alle Kräuter außer dem Rosmarin, der ein halbes Pfund bekommt; Digbys fast gleiches Pestwasser verlangt ebenso von allen gleich viel und vom Rosmarin das Doppelte.

Brow may weeds

Hundskamille (englisch mayweed, Anthemis cotula). Digby schreibt in derselben Kräuterreihe Brown-mayweed.

Handschrift
Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425
Teil
Hauptteil: Sarah Longes Rezeptbuch mit Register (S. 1–49)
Sprache
Frühneuenglisch, englische Haushaltshandschrift des 17. Jahrhunderts mit Nachträgen bis ins 18. Jahrhundert; Mrs Sarah Longe und spätere Hände
Entstehung
England, 1610

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Sagecommon sage Q1111359
Wormwoodwormwood Q25686
Sorrellcommon sorrel Q26297
Rosemary halfe a poundrosemary Q122679
Sotherne-woodsouthernwood Q79106872
3 quarts of whitewinewine Q282

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartRice

Gewählte Lesart: Raute. Die Hand schreibt deutlich Rice; kein Wörterbuch kennt das Wort als Raute. Gestützt ist die Lesung nur durch Digbys fast gleiches Pestwasser, das an dieser Stelle der Reihe Rue nennt.

Andere mögliche Lesarten:

  • Mehlbeere (Sorbus aria) - Britten führt White Rice als Mundartnamen der Mehlbeere; in einer Kräuterliste ohne Zusatz White wenig wahrscheinlich.
  • Reisig, Zweige - Ludwig 1706 gibt rice als Reis, Halliwell als Gestrüpp; als Zutat eines Kräuterwassers unbestimmt.

LesartPimpernell

Gewählte Lesart: Gauchheil (Anagallis arvensis). In den englischen Kräuterbüchern der Zeit heißt so der Gauchheil: Gerard/Johnson 1633, Kap. 194 „Of Pimpernell“; die Bibernelle heißt dort „Burnet Saxifrage“, der Wiesenknopf „Burnet“. Britten 1886: „the common name for Anagallis arvensis“. Die Liste nennt daneben „Burnot“ (Wiesenknopf) eigens.

Andere mögliche Lesart:

  • Bibernelle (Pimpinella) - Ludwig 1706 „Pimpernel, bibernell“, Phillips 1658 „called in Latin Pimpinella“: Gleichungen über den Namen, keine Pflanzenbestimmung. Als englischer Name der Bibernelle nennt Britten „Pimpernel“ nur nach dem Grete Herball 1526.

LesartDragon

Gewählte Lesart: Drachenwurz, die Dragons der Kräuterbücher; welche Art gemeint ist, sagt der Text nicht. Digbys Pestwässer nennen an derselben Stelle Dragons und Wild-dragons.

Andere mögliche Lesarten:

  • Natterwurz (Bistorta officinalis) - Ludwig 1706: „Dragon-wort, natterwurtz“; Britten führt Dragons auch für Bistorta.
  • Aronstab (Arum maculatum) - Britten: „Dragon, Great, or Small. Arum maculatum“.
  • Estragon - Im Englischen auch dragon; in einer Pestwasser-Liste neben Bitterkräutern weniger wahrscheinlich.

LesartThe Birch lott

Gewählte Lesart: Nicht bestimmt; die Hand schreibt The Birch lott, das Wort bleibt im Wortlaut stehen.

Andere mögliche Lesart:

  • Birke (Betula) - Birch wäre die Birke; lott erklärt kein Wörterbuch.

LesartMacthaline

Gewählte Lesart: Nicht bestimmt; das Wort bleibt im Wortlaut stehen.

Andere mögliche Lesarten:

  • Maudlin - Ludwig 1706: „Maudlin, sweet maudlin, wasserdost“; Britten: Balsamita vulgaris (Frauenminze). Lautlich nahe, aber nicht belegt.
  • Matfellon (Flockenblume, Centaurea nigra) - Britten führt Matfellon als Kräuternamen; ebenso nur lautliche Nähe.

Originalwerk (~1610) gemeinfrei.

Bildquelle
Scan 127521, Folger Shakespeare Library, MS V.a.425 Quelle öffnen
Transkription
Folger Shakespeare Library, Lesetext (EMROC) der Handschrift V.a.425 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/lon-046
LagerkücheLagerküche
Heilmittel und Destillat: Arznei, keine Anleitung zur Selbstmedikation.
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Stand dieser Fassung: 06.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.