Chinawurzel-Brühe mit jungem Hahn
Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425 · England · 1610
Nimm etwa 45 g (anderthalb Unzen) Chinawurzel und lege sie 24 Stunden in etwa 2 l (ein Pottle) fließendes Wasser ein. Dann rühre es um und gib einen jungen Hahn hinein, dazu eine Handvoll entsteinte Sonnenrosinen, eine Handvoll Korinthen, ein Blatt Muskatblüte, eine Rosmarinspitze, etwa 8 g (eine Viertelunze) rotes Sandelholz und etwa 8 g (eine Viertelunze) weißes Sandelholz, und binde es mit dem Boden eines Weißbrotlaibs.
Wenn es gekocht ist, nimm den Hahn heraus und seihe die Brühe durch, bevor die Person davon trinken soll. Lass ihn drei Stunden vor dem Mittagessen nüchtern davon trinken und um vier Uhr nachmittags einen Trunk mit ein wenig Zucker nehmen. Die Brühe hält sich nur drei Tage gut.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| one Ounce and halfe of Chiny | etwa 45 g (anderthalb Unzen) Chinawurzel | 45 g | - | - |
| a pottle of running water | etwa 2 l (ein Pottle) fließendes Wasser | 2 l | - | - |
| a Cock Chicken | ein junger Hahn | 1 Stück | - | - |
| handfull of reasons of the sun stoned | eine Handvoll entsteinte Sonnenrosinen | 1 Handvoll | - | - |
| a handfull of Currence | eine Handvoll Korinthen | 1 Handvoll | - | - |
| a blaid of mace | ein Blatt Muskatblüte | 1 Stück | - | - |
| a top of rose-mary | eine Rosmarinspitze | 1 Zweig | - | - |
| a quarter of an Ounce of red Sanders | etwa 8 g (eine Viertelunze) rotes Sandelholz | 8 g | - | - |
| a quarter of an Ounce of white Sanders | etwa 8 g (eine Viertelunze) weißes Sandelholz | 8 g | - | - |
| the bottome of a white-lofe | der Boden eines Weißbrotlaibs | 1 Stück | - | - |
| a little sugar | ein wenig Zucker | - | - | - |
Was ist das? Eine Hühnerbrühe, in der eine Arzneidroge ausgekocht wird. Die Chinawurzel zieht zuerst 24 Stunden in fließendem Wasser; dann kommen ein junger Hahn, Sonnenrosinen, Korinthen, ein Blatt Muskatblüte, eine Rosmarinspitze und zweierlei Sandelholz dazu, und der Boden eines Weißbrotlaibs bindet die Brühe. Nach dem Kochen wird der Hahn herausgenommen und die Brühe geseiht; getrunken wird nur sie. Wie lange und bei welcher Hitze gekocht wird, sagt der Text nicht.
Chinawurzel und Sandelholz. „Chiny“ ist die Chinawurzel (Smilax china), dieselbe Droge wie im China Ale des Buchs. „Red“ und „white Sanders“ sind rotes und weißes Sandelholz. Wurzel und Hölzer bleiben beim Seihen zurück.
Der Brotboden. Der Text nennt das Binden vor dem Satz „when it is boyled“; das Brot kocht also mit und dickt die Brühe an, wie es auch Robert Mays China Broth mit einer Brotkruste tut.
Einordnung. Die Brühe dokumentiert, wie ein Haushalt eine Arzneidroge in eine Fleischbrühe band und ihre Einnahme nach der Tageszeit regelte - nüchtern am Vormittag, ein zweiter Trunk am Nachmittag. Eine Krankheit nennt die Handschrift nicht, eine Wirkung verspricht sie nicht. Sie ist hier als historisches Zeugnis übersetzt, nicht als Anleitung zur Selbstbehandlung. Die Haltbarkeit von nur drei Tagen gibt der Text selbst an.
Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?
Nein. Die Brühe ist eine Arzneibrühe mit Chinawurzel, Sandelholz und einer festen Einnahmevorschrift; der Eintrag ist keine Anleitung zur Selbstmedikation.
Kann man die Brühe heute als Heilmittel trinken?
Nein, dafür geben wir keine Anleitung. Der Eintrag ist ein historisches Dokument der Hausapotheke, keine Anwendungs- oder Dosierungsempfehlung.
Was meint „dinner“ in der Einnahmevorschrift?
Die Mittagsmahlzeit: Ludwigs Wörterbuch von 1706 gibt „Dinner“ als „mittagsmahl, mittagseſſen“ wieder. Der erste Trunk fällt also auf den Vormittag, der zweite auf vier Uhr nachmittags.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Rezeptbuch der Sarah Longe (17. Jh., Nachträge bis 18. Jh., England). Das handschriftliche Haushaltsbuch, das Mrs Sarah Longe im 17. Jahrhundert anlegte, vollständig in seinen drei Schichten: Longes Hauptteil mit eigenem Register (Eingemachtes, Biskuits und Kuchen, Cremes und Possets, einige Fleisch- und Fischgerichte, ein Metheglin und ihre Heilmittel), Nachträge späterer Hände des 17. Jahrhunderts mit Salben, Kräuter-Ales, Obstweinen, China Ale und Usquebaugh, und Spätnachträge des 18. Jahrhunderts mit Weinen, Gelees, Cremes und Kuchen.
- Chiny
Chinawurzel, der Wurzelstock einer Stechwinden-Art (Smilax china). Cotgrave (1611) beschreibt die französische squine als „the knottie, and medicinable root of an Indian, or Chinean bullrush“; dieselbe Droge steht im China Ale dieses Buchs als „China, root sliced“.
- red Sanders / white Sanders
Sandelholz: Ludwigs englisch-deutsches Wörterbuch von 1706 gibt „Sanders“ als „sandelholtz“ wieder. Rotes Sandelholz stammt vom Baum Pterocarpus santalinus, weißes vom Sandelbaum (Santalum album).
Normdaten der Zutaten
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| a blaid of mace | mace Q1882876 |
| a little sugar | unrefined cane sugar Q57656231 |
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
thick it with the bottome of a white-lofe
Gewählte Lesart: Der Brotboden kommt mit den übrigen Zutaten in den Topf und kocht mit, denn der Text nennt das Binden vor „when it is boyled“; auch Robert May gibt in seiner China Broth (1660) die Brotkruste während des Kochens zu.
Andere mögliche Lesart:
- Das Brot wird erst nach dem Kochen in die fertige Brühe gegeben - Möglich, weil der Satz nur aufzählt; die Reihenfolge im Text spricht aber dafür, dass das Brot mitkocht.
Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.
Stand dieser Fassung: 06.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
