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Güldenes Wasser (destilliert)

Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ... · Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen · 1545

BochetGetränkAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit120 Min.Portionen1 Glas ~500 mlBuchDas Kochbuch des Balthasar Staindl (~1545)

Nimm eine Kanne Malvasier oder Muskatellerwein und zusätzlich ein Viertel des allerbesten Weins, den man haben kann. Nimm drei Lot Salbei, eine Handvoll Lavendelblüten, auch Nardenblüten, falls man diese haben kann, ein Lot Ingwer, ein Lot Nelken, ein Lot Galgant, ein Lot Paradieskörner, ein Lot Muskatblüte, eine gute Handvoll Anis, so viel Koriander, ein Lot Zibeben, ein Lot Langen Pfeffer, ein Lot Zitwer und ein Lot Muskatnuss.

Gib alle diese Gewürze in ein feines Leinensäckchen und lege es zusammen in den Wein, wie zuvor beschrieben. Lasse es darin zwei oder drei Wochen lang einweichen. Danach nimm die Gewürze heraus und zerstoße sie in einem Mörser fein, sodass sie wie ein Mus werden. Gib dieses Mus dann wieder in den Wein, in dem es zuvor gelegen hat.

Fülle die Mischung dann in einen Destillierapparat - am besten ist einer, in dem man Branntwein brennt. Den Vorschuss sollst du gesondert in einem Glas auffangen und darin aufbewahren. Den letzten Schuss fange ebenfalls gesondert auf. Solches Wasser ist dem Menschen nützlich einzunehmen bei vielen inneren Beschwerden; es stärkt auch das Herz.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain kandel Malmaſier / oder Muſcateler 1 Liter Malvasier oder Muskatellerwein 1 l - -
ain viertel 0.25 Liter Wein (bester Qualität) ¼ l - -
drey lot Saluey Salbei 45 g - -
ain handnol Lauendel bluͦ 1 Handvoll Lavendelblüten - gut sortierter Supermarkt, Apotheke, Online-Gewürzhandel -
Spicanarden bluͤ / ob man d; haben kan Nardenblüten (optional) - Online-Gewürzhandel (selten), Apotheke Lavendelblüten (ähnliches Aroma)
ain lot Ingber Ingwer 15 g - -
ain lot Naͤgelen Nelken 15 g - -
ein lot Galgat Galgant 15 g gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Ingwer (ähnlich, aber weniger scharf)
eyn lot Paradeis koͤꝛner Paradieskörner 15 g Online-Gewürzhandel Schwarzer Pfeffer (weniger komplex)
ein lot Muſcat bluͤ Muskatblüte 15 g gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Muskatnuss (weniger fein im Aroma)
ein guͦte had vol Enis 1 gute Handvoll Anis - - -
ſouil Coꝛiander Koriander (nach Geschmack) - - -
ein lot Zitweben Zibeben 15 g gut sortierter Supermarkt große Rosinen
ein lott Langen pfeffer Langer Pfeffer 15 g Online-Gewürzhandel Schwarzer Pfeffer (weniger süßlich-scharf)
ein lott Zitber Zitwer 15 g Online-Gewürzhandel, Apotheke Ingwer (ähnlich, aber weniger bitter)
ein lott Muſcatnuß Muskatnuss 15 g - -

Welches Gericht ist das? Ein hochgewürztes, mehrere Wochen in Wein eingelegtes und anschließend destilliertes Gewürzwasser - der Druck selbst nennt es schlicht „Güldin waſſer“ (Güldenes Wasser). Lebende Verwandte sind heutige Kräuterliköre und Magenbitter: hochprozentige, gewürzte Digestifs, die wie dieses Rezept auf Gewürzmazeration und Destillation setzen.

Die zwei- bis dreiwöchige Mazeration der Gewürze im Wein löst deren ätherische Öle; das anschließende Zerstoßen zu einem „Mus“ und die Rückgabe ins Mazerat vergrößert die Oberfläche, sodass beim Erhitzen im Brennkessel mehr Aroma an die Flüssigkeit abgegeben wird - ein im Text selbst beschriebener Schritt, keine Ergänzung.

Die Anweisung, Vorschuss und letzten Schuss (Vor- und Nachlauf) getrennt aufzufangen, folgt derselben Fraktionierungslogik, die auch heute beim Schnapsbrennen gilt - hier aus handwerklicher Erfahrung gewonnen, nicht aus Kenntnis moderner Chemie.

Das fertige Getränk wird gelegentlich als „Geist“ bezeichnet - das trifft hier nicht genau: Ein Geist im engeren Sinn entsteht, wenn Kräuter in bereits neutralem Alkohol mazeriert und dieses Mazerat ein zweites Mal destilliert wird. Hier dagegen wird der gewürzte Wein selbst direkt gebrannt - das Ergebnis ist ein gewürzter Weinbrand.

Praxis. Wer nachbrennen möchte, braucht eine Destillierapparatur und die entsprechende Erlaubnis - die Destillation von Alkohol ist in den meisten Ländern genehmigungspflichtig. Da der Text keine Trinkmenge nennt, sollte man das fertige Wasser wie ein konzentriertes Kräuterdestillat behandeln: ein kleines Glas statt literweisem Trinken, und wegen unbekannter Brennstärke vorsichtshalber als potenziell hochprozentig.

Was ist „Güldenes Wasser“?

„Güldenes Wasser“ ist ein hochgewürzter, destillierter Kordial - ein gewürzter Weinbrand -, der im Mittelalter und der frühen Neuzeit sowohl als Genussmittel als auch als Heilmittel geschätzt wurde. Der Name deutet auf seine Kostbarkeit und manchmal auch auf eine goldene Farbe hin, die durch bestimmte Gewürze oder die Destillation selbst entstehen konnte.

Was ist ein „Ausbrennzeig“ und brauche ich einen?

Ein „Ausbrennzeig“ ist ein Destillierapparat oder eine Brennblase. Ja, um dieses Rezept authentisch nachzukochen, benötigst du einen solchen Apparat. Die Destillation von Alkohol ist in vielen Ländern genehmigungspflichtig oder verboten. Informiere dich über die lokalen Gesetze, bevor du eine Destille betreibst.

Was bedeuten „Vorschuss“ und „letzter Schuss“ bei der Destillation?

Der „Vorschuss“ (Vorlauf) ist der erste Teil des Destillats, der bei der Destillation anfällt. Er enthält oft flüchtige, unerwünschte Substanzen wie Methanol. Der „letzte Schuss“ (Nachlauf) ist der letzte Teil des Destillats, der schwerflüchtige, ebenfalls oft unerwünschte Substanzen enthält. Beide werden traditionell getrennt gesammelt, um die Qualität des Hauptdestillats zu gewährleisten und potenziell schädliche Stoffe zu entfernen.

Sind die medizinischen Behauptungen des Rezepts gültig?

Die im Rezept genannten Wirkungen - Linderung innerer Beschwerden und Stärkung des Herzens - sind historische Zuschreibungen, die auf dem humoralpathologischen Denken der frühen Neuzeit beruhten: Gewürzten Destillaten wurde eine kräftigende Wirkung auf Herz und Verdauung zugesprochen. Aus moderner medizinischer Sicht sind diese Behauptungen nicht wissenschaftlich geprüft.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Die Zubereitung erfordert einen Destillierapparat und eine präzise Temperaturkontrolle, was im Lager nicht umsetzbar ist. Zudem ist eine Einweichzeit von zwei bis drei Wochen vorgesehen, die eine spontane Zubereitung vor Ort ausschließt.

Was bedeuten die Maßeinheiten „Lot“, „Kandel“ und „Viertel“ im Rezept?

Ein „Lot“ war ein altes deutsches Gewicht, das etwa 15 Gramm entspricht. Eine „Kandel“ war ein Hohlmaß, das regional variierte, hier aber eine kleinere Kanne oder ein Krug von etwa 1 bis 2 Litern meint. Ein „Viertel“ ist ebenfalls ein Hohlmaß, das hier eine kleinere Menge von etwa 0,25 Litern bezeichnet.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch des Balthasar Staindl“ (Augsburg - Druckort). Das erste gedruckte Kochbuch dieser Sammlung, das sich ausdrücklich an Leute ohne Küchenmeister im Haus richtet: 1545 in Augsburg bei Hainrich Stainer erschienen, verfasst von Balthasar Staindl aus Dillingen. Acht Bücher mit 294 Rezepten - von Mandelspeisen über Fisch, Fleisch und Gebäck bis zu Suppen, dazu ein Anhang über Wein und Essig. Es lief so gut, dass bis 1596 neun Auflagen folgten, alle in Augsburg. Damit steht es neben dem Kochbuch der Sabina Welserin (1553) und dem der Maria Stenglerin (1554): dieselbe Stadt, dasselbe Jahrzehnt, aber ein bürgerlicher Haushalt statt eines Patrizierhauses.

Güldin waſſer. ccxlvih. eItem nim ain kandel Malmaſier / oder Mu ſcateler / vnd des aller beſten weins / ſo man habenn mag, auch ain viertel / mer / nimb drey lot Saluey / ain handnol Lauendel bluͦ / auch Spicanarden bluͤ / ob man d; haben kan / ain lot Ingber / ain lot Naͤgelen / ein lot Galgat / eyn lot Paradeis koͤꝛner / ein lot Muſcat bluͤ / ein guͦte had vol Enis / ſouil Coꝛiander / ein lot Zitweben / ein lott Langen pfeffer / ein lott Zitber / ein lott Muſcatnuß / Thuͦ das ge⸗ wirtz alles inn ain feins leynes ſaͤcklin / alles zuͦſamé gelegt in den wein / wie voꝛſtehet / laß darinn waichen / zwuͦ oder drey wochen / darnach nimb das gewirtz / ſtoß in aim moͤt⸗ ſer klein / das wirt wie ein muͦß / thuͤs denn hinnwider inn den wein / da es voꝛ in iſt glegen / thuͤͦ es deñ in ein außbꝛeñ zeüg /iſt am beſten darinn man brannt weinbꝛennt / man ſoll den voꝛſchuß beſonder fahen / inn ein glaß / darinn ſoll mans behalten / den letzten ſchuß auch beſonder / ſolch waſ ſer iſt dem menſchen nutzlich einzunemen / für vil innwen dig bꝛechens / es ſterckt auch das hertz.
Kandel

Ein altes Hohlmaß, dessen Größe regional variierte. Hier ist eine kleinere Kanne oder ein Krug von etwa 1 bis 2 Litern gemeint.

Viertel

Ein Hohlmaß, das je nach Kontext ein Viertel einer größeren Einheit (z.B. eines Fuders) oder auch ein Viertelliter bedeuten kann. Hier ist eine kleinere Menge, etwa 0,25 Liter, gemeint.

Lot

Ein altes deutsches Apotheker- und Handelsgewicht, das etwa 15 Gramm entspricht.

Spicanardenblüten

Der Begriff ‚Narde‘ war im Mittelalter ein Sammelbegriff für verschiedene Pflanzen. Hier sind die Blüten einer Nardenart gemeint, die auch Lavendelblüten sein könnten. Die echte Narde (Nardostachys jatamansi) ist heute geschützt und schwer erhältlich.

Paradieskörner

Ein pfefferähnliches Gewürz aus Westafrika, auch als Guineapfeffer bekannt. Es hat ein komplexes, scharf-würziges Aroma mit Noten von Kardamom und Ingwer.

Muskatblüte

Die Muskatblüte (Macis) ist der getrocknete Samenmantel der Muskatnuss. Sie hat ein feineres, blumigeres Aroma als die Muskatnuss selbst.

Zibeben

Große, süße, getrocknete Weintrauben, oft aus dem Mittelmeerraum importiert. Sie sind eine spezielle Sorte von Rosinen.

Langer Pfeffer

Eine alte Pfeffersorte mit einem länglichen Aussehen und einem süßlich-scharfen, leicht erdigen Geschmack, der komplexer ist als der von schwarzem Pfeffer.

Zitwer

Eine Ingwerart (Curcuma zedoaria) mit einem bitter-würzigen, leicht kampferartigen Geschmack. Sie wurde oft als Gewürz und Heilmittel verwendet.

Ausbrennzeig

Ein Destillierapparat oder eine Brennblase, die zur Herstellung von Branntwein oder anderen destillierten Flüssigkeiten verwendet wird.

Vorschuss

Der erste Teil des Destillats, der bei der Destillation anfällt. Er enthält oft flüchtige, unerwünschte Substanzen und wird daher oft separat gesammelt.

letzten Schuss

Der letzte Teil des Destillats (Nachlauf), der bei der Destillation anfällt. Er enthält oft schwerflüchtige, unerwünschte Substanzen und wird ebenfalls separat gesammelt.

inwendig Brechens

Historische Bezeichnung für innere Beschwerden, insbesondere Erbrechen oder Magen-Darm-Probleme.

Huſcat bluͤ / Huſcatnuß

An diesen beiden Stellen war die Vorlage schwer lesbar und wurde zunächst als „Huſcat“ gelesen - richtig ist „Muſcat bluͤ“ (Muskatblüte) und „Muſcatnuß“ (Muskatnuss), wie es im übrigen Buch durchgehend geschrieben steht.

Mnſcateler

Auch hier war die Vorlage an dieser Stelle schwer lesbar; richtig ist „Muſcateler“ (Muskatellerwein), eine zweite Weinsorte neben dem zuvor genannten Malvasier.

btannt

In der Vorlage schwer lesbar; gemeint ist „brannt“ (Branntwein) - der Satz nennt kurz zuvor den Destillierapparat.

lerſten

In der Vorlage schwer lesbar; gemeint ist „letzten“ (letzter Schuss = Nachlauf), im Gegensatz zum zuvor genannten Vorschuss (Vorlauf).

walſer

In der Vorlage schwer lesbar; gemeint ist „waſſer“ (Wasser) - der Rezepttitel „Güldin waſſer“ und der Rückbezug im Schlusssatz sichern die Lesung.

Druck
Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...
Teil
Das siebte Buch: Vorratshaltung
Folio
Fol. 044v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg (Druckort); Autor aus Dillingen, 1545

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain viertelwine Q282
drey lot Salueycommon sage Q1111359
ain lot Ingberginger Q15046077
ain lot Naͤgelenclove Q15622897
ein lot Galgatlesser galangal Q27653540
eyn lot Paradeis koͤꝛnergrain of paradise Q1503476
ein lot Muſcat bluͤmace Q1882876
ein guͦte had vol Enisanise Q33873455
ſouil Coꝛiandercoriander Q20856764
ein lott Langen pfefferlong pepper Q685336
ein lott Muſcatnußnutmeg Q83165

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartDosierung des fertigen Wassers

Gewählte Lesart: Der Text nennt keine Trinkmenge; für die Praxis empfiehlt sich, das fertige Wasser wie ein konzentriertes Kräuterdestillat zu behandeln - ein kleines Glas, nicht literweise als gewöhnliches Getränk.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Mengenangabe „serves: 1 Glas ~500 ml“ im Datensatz beschreibt vermutlich die Ausbeute der Destillation, nicht eine empfohlene Einzeldosis. - Der Text selbst nennt für das fertige Wasser keine Menge, nur das Vorgehen bei der Herstellung - Ausbeute und Trinkmenge sind zwei verschiedene Größen, die im Rezept nicht auseinandergehalten werden.

LesartAlkoholstärke des fertigen Destillats

Gewählte Lesart: Der Text nennt weder Brenndurchgänge noch Schnitttechnik; für die Praxis empfiehlt es sich, das Ergebnis vorsichtshalber als potenziell hochprozentig zu behandeln.

Andere mögliche Lesart:

  • Ausbeute und Stärke hingen historisch von Kessel, Feuerführung und Erfahrung des Brenners ab. - Der Text benennt Stärke oder Alkoholgehalt an keiner Stelle - das war Erfahrungswissen des Brenners, kein im Rezept mitgeteilter Wert.

Originalwerk (~1545) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 044v (gedruckte Blattzählung XLIV verso), Regensburg, Staatliche Bibliothek, 999/Philos.1921/1922; bereitgestellt durch die Bayerische Staatsbibliothek München (bsb11110687) - NoC-NC 1.0 Quelle öffnen
Transkription
Eigenes Kraken-OCR (german_print.mlmodel, 112 Scans) - das BSB-Bibliotheks-OCR war zu fehlerhaft. Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Destillation erfordert spezielle Ausrüstung (einen Destillierapparat) und präzise Temperaturkontrolle, was im Lager nicht praktikabel ist. Die lange Einweichzeit von zwei bis drei Wochen macht es ebenfalls ungeeignet für die Zubereitung vor Ort.
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Stand dieser Fassung: 11.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.