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Sieben Farben für Gebäck: Blau

Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 · Wien, vermutlich Augustiner-Chorherrenstift St. Dorothea (Besitzvermerke 15. Jh. auf Bl. 1r, 15r, 28v, 54v, 91v) · 1450

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeitca. 60 Min. KüchenzeitPortionenFür eine kleine Menge Farbe/MusBuchWien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 (~1450)

Von mancherlei Gebackenem. Zu dem Gebackenen musst du sieben Farben haben, die du nacheinander finden wirst.

Und du musst sie das ganze Jahr über suchen. Die erste findest du im Sommer: blaue Blumen. Davon musst du viele haben. Die sollst du in einem Ofen dörren, und achte darauf, dass es nicht zu heiß ist. Wenn sie nun getrocknet sind, so zerstoße sie rein. Behalte die Farbe und mache ein Mus von Schlehen.

Gib die Farbe daran, dann wird es blau davon. Gib Honig daran, dann wird es süß mit gutem Gewürz. Mach es gut fertig und gib es hin.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
plab pluemen Blaue Blumen - Wochenmarkt, Kräuterladen -
slehen Schlehen - Wochenmarkt, Wald -
honig Honig - - -
guetem gwurcz Gutes Gewürz - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Eine Mischung aus Zimt, Ingwer und Nelken

Welches Gericht ist das? Das ist kein Gericht im eigentlichen Sinn, sondern die Herstellung einer pflanzlichen Speisefarbe für Gebäck - die erste einer siebenteiligen Farbenserie in dieser Handschrift. Das lebende Pendant ist die pflanzliche Lebensmittelfarbe, wie sie heute etwa aus Schmetterlingserbsen-Extrakt oder Blaukraut-Sud für naturbelassene blaue Konditoreifarben gewonnen wird.

Zur Färbung. Ob getrocknete blaue Blütenpigmente in einem sauren Schlehenmus zuverlässig blau bleiben, ist küchenchemisch nicht selbstverständlich - solche Pflanzenfarbstoffe neigen im sauren Milieu eher ins Rötlich-Violette. Der Text behauptet das Blauwerden als gegeben; ob es gelingt, hängt von der verwendeten Blüte und dem Säuregrad des Muses ab.

Praxis. Getrocknete blaue Blüten im Mörser zu feinem Pulver zerstoßen, dieses in ein fertiges Schlehenmus einrühren, mit Honig und Gewürz abschmecken. Das Dörren selbst braucht einen Ofen mit sanfter, gleichmäßiger Hitze, damit die Blütenfarbe nicht verblasst oder verbrennt - am offenen Feuer im Lager kaum kontrollierbar. Fertig getrocknete und zerstoßene Farbe lässt sich dagegen leicht vorbereitet mitbringen und am Feuer nur noch ins Mus einrühren: als Vorführung der historischen Färbetechnik mit vorbereiteten Zutaten gut geeignet, als komplette Feuerküche nicht.

Welche 'blauen Blumen' kann ich verwenden und woher bekomme ich sie?

In Frage kommen könnten zum Beispiel Kornblumen, Malven oder Veilchen - achte darauf, dass die Blumen essbar und unbehandelt sind. Du kannst sie im Sommer sammeln oder in spezialisierten Kräuterläden kaufen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Schaugericht: Die Herstellung der blauen Farbe aus getrockneten Blumen ist aufwendig und erfordert einen Ofen mit Temperaturkontrolle, was im Lager schwierig ist. Ideal für eine Vorführung der historischen Färbetechnik, wobei die Blumen zu Hause vorbereitet werden.

Was bedeutet die Anweisung 'mach ez wol ab'?

Diese Redewendung stammt aus der mittelalterlichen Kochsprache und bedeutet, die Zubereitung fertigzustellen und abzuschließen - nicht, das Gericht abzuschmecken, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 (Mitte 15. Jh. - Teil I). CoReMA-Handschrift W1 (Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897): dreiteilige Sammelhandschrift, Teil I (Kochrezepte, Bl. 1r-53v) aus der Mitte des 15. Jh., Teil III älter (Mitte 14. Jh.). Textlicher Zwilling von B4 (Berlin, Ms. germ. qu. 1187) - beide überliefern u.a. dasselbe "grün Met"-Rezeptpaar fast wortgleich.

Von manigerlay gepachen ZV dem gepachen must du sibem varb habem dy vindest du nach ein ander vnd du must durich das Iar nach trachten dy erst vindest in dem sumer plab pluemen der muest du habem vil dy solt du derren in einem ofen vnd das in nicht zu hays sey wann sy nu getrukchen sein so stosz sy rain behalt dy varb vnd mach ein gemues von slehen vnd tu der varb daran do wirt es plab von vnd tu honig doran so wirt es suesz mit guetem gwurcz mach ez wol ab vnd gibs hin
derren

Trocknen oder dörren, um Zutaten haltbar zu machen.

stoszen

Zerstoßen im Mörser, um eine feine Pulverform zu erhalten.

gemues

Ein Mus oder Püree, hier aus Schlehen.

mach ez wol ab

Mittelalterliche Kochsprache für ‚die Zubereitung fertigstellen, abschließen‘ - nicht für ‚abschmecken‘, wie man beim Lesen zunächst vermuten könnte.

varb

Lebensmittelfarbe, hier aus natürlichen Blüten gewonnen.

Handschrift
Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897
Folio
Fol. 023v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch)
Entstehung
Wien, vermutlich Augustiner-Chorherrenstift St. Dorothea (Besitzvermerke 15. Jh. auf Bl. 1r, 15r, 28v, 54v, 91v), 1450
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

slehensloe Q12059685
honighoney Q10987
guetem gwurczspice Q42527

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartZV

Gewählte Lesart: Die Buchstabenfolge ‚ZV‘ ist ein Platzhalter für eine fehlende Initiale im Originalmanuskript. Im Kontext der Phrase ‚ZV dem gepachen‘ wurde sie als ‚Zu‘ gelesen.

Lesarttrachten

Gewählte Lesart: Suchen. Die Phrase ‚durich das Iar nach trachten‘ (das ganze Jahr über danach trachten) impliziert ein aktives Suchen oder Aufspüren der Zutaten.

Andere mögliche Lesart:

  • Streben nach - Die moderne Bedeutung von ‚trachten‘ als ‚streben nach‘ ist zwar etymologisch verwandt, würde hier aber den aktiven Beschaffungsprozess der Zutaten weniger präzise wiedergeben als ‚suchen‘.

Lesartmach ez wol ab

Gewählte Lesart: Richte es/vollende es gut - bereite die Zubereitung fertig. Belegt im FWB (Art. ‚abmachen‘, Sinn 1: eine Speise abschließend zubereiten/fertigstellen) und im DWB zur alten Kochsprache.

Andere mögliche Lesart:

  • Schmecke es gut ab - Naheliegende moderne Lesart, aber schwächer belegt als die Kochsprach-Bedeutung ‚fertigstellen‘; der B4-Zwilling (b4-206) übersetzt dieselbe Stelle ebenfalls mit ‚abschmecken‘, was den Fehler unabhängig wiederholt statt zu stützen.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 023v, Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), W1 (Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/w1-209
LagerkücheLagerküche
Schaugericht: Die Herstellung der blauen Farbe aus getrockneten Blumen ist aufwendig und erfordert einen Ofen mit Temperaturkontrolle, was im Lager schwierig ist. Ideal für eine Vorführung der historischen Färbetechnik, wobei die Blumen zu Hause vorbereitet werden.
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Stand dieser Fassung: 25.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.