Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz –, Handschriftenabteilung; Ms. germ. qu. 1187 · Bairischer Sprachraum, Entstehungsort unbekannt (Datierung 1438/39-Mitte 15. Jh. über Hartliebs "Namenmantik", nach Honold); später im Besitz der Grafen Starhemberg von Riedegg (Oberösterreich) · 1450
Dazu musst du alle Farben vorrätig haben. Von jeder Farbe sollst du eine Füllung zubereiten. Nimm dazu Oblaten, die dünn und weiß sein sollen. Für jede Füllung nimm vier Oblaten.
Die Füllung soll mit Gewürzen abgeschmeckt sein. Für die weiße Füllung musst du Zucker haben. Lege vier Oblaten hin und bestreiche sie mit einer Farbe, aber die Füllung soll nicht zu viel sein. Lege die vier Oblaten mit der Füllung genau aufeinander.
Dann nimm eine andere Farbe und bestreiche damit ebenfalls vier Oblaten. Lege sie zusammen und lege sie auf die anderen, die vorher genannt wurden. Nun nimm wieder eine andere Farbe und verfahre ebenso. Lege sie alle aufeinander, sodass die vier Schichten beieinander liegen.
Wenn du alle Oblaten gefüllt hast, mag es dir klein erscheinen. Wenn sie nun aufeinander liegen, beginne wieder mit der ersten Füllung und verfahre wie zuvor. Lege dann alles aufeinander.
Lege es dann auf einen Tisch oder ein Brett und lege zwei schwere Ziegel darauf. Lass es dann eine Nacht darunter liegen oder stehen, so wird es hart und kalt. Das soll von Zucker süß werden. Du kannst es süß servieren, wann du willst, oder aufbewahren, wie lange du willst.
Wenn du es nun servieren willst, nimm ein scharfes Messer und schneide es, wie du willst. Lege es auf eine Schüssel, so siehst du die Farben ganz. Das ist ein Gebackenes ohne Feuer. Die Farben sollst du alle sieben haben. Das sollst du das ganze Jahr über zubereiten.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| varb | Farben | - | - | - |
| Oblatt / scheyblat / plat / pletter | Oblaten | - | Supermarkt (Backregal) | - |
| full | Füllung | - | - | - |
| gewurcz | Gewürze | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| zukcher | Zucker | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Vorfahre der heutigen gefüllten Neapolitaner-Waffeln beziehungsweise Wafer-Schnitten: Dünne Oblaten werden mit farbiger, gewürzter Füllung bestrichen, gestapelt, über Nacht unter Gewicht gepresst und dann quer aufgeschnitten, damit die Farbschichten im Anschnitt sichtbar werden - genau das Prinzip, nach dem auch moderne Wafer-Schnitten hergestellt werden.
Die Füllungen. Für jede Farbe wird eine eigene Füllung aus Farbe, Gewürz und - bei der weißen Füllung - Zucker angerührt. Eine Bindeflüssigkeit nennt der Text nicht. In der Praxis lässt sich die Füllung mit wenig Wasser oder Rosenwasser zu einer streichfähigen Paste anrühren; belegt ist das im Rezept selbst nicht.
Der Aufbau. Je vier Oblaten werden mit einer Füllung bestrichen und exakt übereinandergelegt, dann folgt der nächste Farbblock darauf. Wirkt der Stapel nach einem Durchgang noch klein, wird der gesamte Zyklus ein zweites Mal wiederholt, bis alle Farben verarbeitet sind.
Das Pressen. Der fertige Stapel kommt auf ein Brett, zwei schwere Ziegel dienen als Gewicht. Über Nacht an einem kühlen Ort wird er fest und kalt - ganz ohne Ofen. Der Effekt hängt allein an der Kälte der Nacht und ist an einem warmen Sommertag nicht garantiert.
Praxis. Das Konfekt steht und fällt mit den Farbmassen aus den beiden vorangehenden Einträgen; wer sie nicht vorrätig hat, lässt das Rezept besser bleiben, als es mit Lebensmittelfarbe nachzustellen. Mit drei oder vier dieser Massen ist der Effekt schon deutlich. Zum Servieren mit einem scharfen Messer quer zu den Schichten aufschneiden, damit der Farbquerschnitt sichtbar wird.
Nein. Das Konfekt kommt zwar ohne Feuer aus, setzt aber die sieben Farbmassen voraus, die übers Jahr nach der Jahreszeit vorbereitet werden (siehe die beiden vorangehenden Einträge dieser Handschrift). Ohne diesen Vorrat lässt es sich nicht sinnvoll machen, und im Lager ist er nicht zu leisten.
„Gebackenes ohne Feuer“ beschreibt eine Süßspeise, die nicht im Ofen gebacken wird. Stattdessen wird sie durch Kühlen und Pressen unter Gewichten fest. Für dieses Konfekt ist das im Text so belegt; ob das Verfahren darüber hinaus verbreitet war, lässt sich aus dem Rezept selbst nicht ableiten.
Die Farben kommen aus demselben Buch: Die beiden vorangehenden Einträge beschreiben sie. Blau stammt aus getrockneten Blumen in Schlehenmus, Rot aus einer eingekochten Beerenkonserve, Grün aus Petersilie, Braun aus Weichseln, Schwarz aus Honig und Lebkuchen, Gelb aus Safran, Grau aus Weiß und Schwarz. Jede Farbe ist also eine eigene, süß-würzige Masse, die zugleich als Füllung dient.
Oblaten sind dünne, ungesäuerte Waffeln oder Hostien, die als Basis für dieses Konfekt dienen. Sie sind geschmacksneutral und nehmen die Farben und Aromen der Füllungen gut auf.
Dieses Rezept stammt aus dem Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz –, Handschriftenabteilung; Ms. germ. qu. 1187 (Mitte 15. Jh.). CoReMA-Handschrift B4 (Berlin, Staatsbibliothek, Ms. germ. qu. 1187): bairisches Kochbuch der Mitte des 15. Jahrhunderts, 112 Blatt Papier. Enthält u.a. ein Paar-Rezept für "grünen Met" und ein Grundrezept "Wie du mett solt machen" (Honig-Wasser-Ansatz mit Hopfen und Hefe-Nachgärung) - textlich eng verwandt mit W1 (Wien, Cod. 2897), das dieselben zwei Met-Rezepte fast wortgleich überliefert.
„Fremdes Gebackenes“ oder „ungewöhnliche Backware“. Bezieht sich auf ein besonderes, oft importiertes oder nachgeahmtes Gericht.
„Gebackenes ohne Feuer“. Eine Süßspeise, die nicht im Ofen gebacken, sondern kalt gesetzt oder gepresst wird.
Oblaten, dünne, ungesäuerte Waffeln oder Hostien.
Gemeint sind die sieben Farben, die die beiden vorangehenden Einträge dieser Handschrift beschreiben: Blau aus getrockneten Blumen in Schlehenmus, Rot als eingekochte Beerenkonserve, Grün aus Petersilie, Braun aus Weichseln, Grau aus Weiß und Schwarz gemischt, Schwarz aus Honig und Lebkuchen, Gelb aus Safran. Es sind also gefärbte Mus- und Konservenmassen, keine Farbpulver und keine Lebensmittelfarbe im heutigen Sinn.
Füllung. Hier eine farbige, gewürzte Masse.
Gewürze. Eine allgemeine Bezeichnung für eine Mischung aus teuren Importgewürzen wie Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken, Muskat.
Zucker. Im Mittelalter ein teures Importgut und Statussymbol.
Ziegelsteine. Werden hier als Gewichte zum Pressen des Konfekts verwendet.
Sieben. Bezieht sich auf die Anzahl der Farben, die vorrätig sein sollen.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| varb | food coloring Q753009 |
| gewurcz | spice Q42527 |
| zukcher | unrefined cane sugar Q57656231 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
scheyblat
Gewählte Lesart: Oblaten (Scheiben).
Andere mögliche Lesart:
pestreich
Gewählte Lesart: bestreichen.
Andere mögliche Lesart:
Suben
Gewählte Lesart: sieben.
Andere mögliche Lesart:
Bindeflüssigkeit der Füllung (im Text nicht genannt)
Gewählte Lesart: nicht angegeben - für die Praxis mit wenig Wasser oder Rosenwasser zu einer streichfähigen Paste anrühren.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 21.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.