Destilliertes Wasser für wunde Augen
Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425 · England · 1610
Ein besonderes Wasser für wunde Augen: Hat jemand sein Augenlicht seit fünf Jahren verloren, so soll es ihm, wenn es überhaupt möglich ist, das Augenlicht innerhalb von 40 Tagen wiedergeben.
Nimm small dye-Raute, Fenchel, Eisenkraut, Odermennig, Betonie, Skabiose, Hundszunge, Augentrost, Gauchheil und Salbei und destilliere alles zusammen mit ein wenig Urin eines Knaben und etwa 0,3 g (fünf Gran) Weihrauch. Davon tropfe jeden Abend etwas in die wunden Augen.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| small dye Rue | small dye-Raute | - | - | - |
| fennell | Fenchel | - | - | - |
| veruen | Eisenkraut | - | - | - |
| Egrimony | Odermennig | - | - | - |
| Bitany | Betonie | - | - | - |
| Scabius | Skabiose | - | - | - |
| hounes stongue | Hundszunge | - | - | - |
| Eye bright | Augentrost | - | - | - |
| pimpernet | Gauchheil | - | - | - |
| sage | Salbei | - | - | - |
| a little urin of a man-child | ein wenig Urin eines Knaben | - | - | - |
| 5 graines of ffrankinsence | etwa 0,3 g (fünf Gran) Weihrauch | 0,3 g | - | - |
Was ist das? Ein destilliertes Kräuterwasser, das in die Augen getropft wird, kein Getränk. Zehn Kräuter werden mit ein wenig Knabenurin und fünf Gran Weihrauch zusammen destilliert. Mengen für die Kräuter, das Gerät und die Dauer nennt der Text nicht; die einzige Gebrauchsangabe ist das abendliche Eintropfen.
Die Kräuter. Eisenkraut steht in der Handschrift als „veruen“ (Ludwig 1706: „Vervine, eiſenkraut“), Odermennig als „Egrimony“, Betonie als „Bitany“. „fennell veruen“ und „pimpernet sage“ stehen ohne Komma und sind hier als je zwei Kräuter gelesen. Das Beiwort der Raute, „small dye“, ist deutlich geschrieben, aber nicht geklärt. „pimpernet“ ist in den englischen Kräuterbüchern der Zeit der Gauchheil; Ludwig 1706 setzt dafür „bibernell“, die Deutung bleibt offen.
Der Anspruch. Die Überschrift nennt zwei Zwecke: wunde Augen und ein seit fünf Jahren verlorenes Augenlicht, das binnen 40 Tagen wiederkehren soll - mit dem Vorbehalt „if it be possible“.
Einordnung. Der Eintrag dokumentiert, wie eine Hausapotheke des 17. Jahrhunderts Augenleiden mit einem Kräuterdestillat behandeln wollte, und ist keine Anleitung zur Behandlung. Raute wirkt in größerer Menge giftig, die Hundszunge enthält giftige Pyrrolizidinalkaloide, und auch der Gauchheil gilt als giftig. Destilliert wurde im geschlossenen Gerät über dem Feuer, und das Ergebnis samt Urinanteil kam unmittelbar ins Auge.
Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?
Nein. Es ist ein historisches Heilmittel und keine Speise; der Eintrag ist keine Anleitung zur Selbstmedikation.
Kann man dieses Augenwasser heute anwenden?
Nein. Der Eintrag ist ein historisches Dokument der Hausapotheke, keine Anleitung. Die Hundszunge ist giftig, und ein selbst destilliertes Wasser mit Urinanteil gehört nicht ins Auge.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Rezeptbuch der Sarah Longe (17. Jh., Nachträge bis 18. Jh., England). Das handschriftliche Haushaltsbuch, das Mrs Sarah Longe im 17. Jahrhundert anlegte, vollständig in seinen drei Schichten: Longes Hauptteil mit eigenem Register (Eingemachtes, Biskuits und Kuchen, Cremes und Possets, einige Fleisch- und Fischgerichte, ein Metheglin und ihre Heilmittel), Nachträge späterer Hände des 17. Jahrhunderts mit Salben, Kräuter-Ales, Obstweinen, China Ale und Usquebaugh, und Spätnachträge des 18. Jahrhunderts mit Weinen, Gelees, Cremes und Kuchen.
- hounes stongue
Hundszunge (Cynoglossum officinale), bei Ludwig 1706 „Hounds-tongue, hundszunge“. Die Pflanze enthält Pyrrolizidinalkaloide und ist giftig.
- graines
Gran (englisch grain), das kleinste Apothekergewicht, rund 65 mg. Fünf Gran sind etwa 0,3 g.
Normdaten der Zutaten
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| fennell | fennel Q27658833 |
| sage | common sage Q1111359 |
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
small dye Rue
Gewählte Lesart: Raute mit einem ungeklärten Beiwort. Die Handschrift schreibt deutlich „small dye“; da keine Bedeutung belegt ist, bleibt es im Text unübersetzt.
Andere mögliche Lesarten:
- „small dry Rue“, also kleine, getrocknete Raute - Eine Verschreibung von „dry“ ist denkbar, aber weder durch die Schrift noch durch ein Wörterbuch gestützt.
- „small“ als eigenes Kraut (Smallage, Eppich), „dye Rue“ als Raute - Dasselbe Buch schreibt den Eppich an anderer Stelle „Smallage“ aus (lon-053); die Trennung ist deshalb wenig wahrscheinlich.
pimpernet
Gewählte Lesart: Gauchheil (Anagallis arvensis). In den englischen Kräuterbüchern der Zeit heißt so der Gauchheil: Gerard/Johnson 1633, Kap. 194 „Of Pimpernell“; die Bibernelle heißt dort „Burnet Saxifrage“, der Wiesenknopf „Burnet“. Britten 1886: „the common name for Anagallis arvensis“. Gerard empfiehlt ihn für „those that be dim sighted“; das passt zu diesem Augenwasser.
Andere mögliche Lesarten:
- Bibernelle (Pimpinella) - Ludwig 1706 „Pimpernel, bibernell“, Phillips 1658 „called in Latin Pimpinella“: Gleichungen über den Namen, keine Pflanzenbestimmung. Als englischer Name der Bibernelle nennt Britten „Pimpernel“ nur nach dem Grete Herball 1526.
- Kleiner Wiesenknopf (Sanguisorba minor) - Britten führt nach Prior auch Poterium Sanguisorba unter Pimpernel.
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Stand dieser Fassung: 06.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
