Veilchensirup
Rezeptbuch der Sarah Longe, Folger Shakespeare Library MS V.a.425 · England · 1610
Nimm eine angemessene Menge Veilchen, verlies sie und wiege sie dann. Nimm auf ein Viertel Veilchen etwa 225 g (ein halbes Pfund) Zucker und etwa 250 ml (ein halbes Pint) Wasser.
Dann schneide die Veilchen sehr klein und stoße den Zucker sehr fein. Dann nimm etwa 250 ml (ein halbes Pint) Wasser, bring es in einem sauberen Kochtopf zum Kochen, gib den Zucker hinein und schäume es sehr sauber ab.
Dann gib die Veilchen in einen Salbentopf, gieß die Flüssigkeit siedend heiß darauf und rühre es um. Deck es dicht zu und lass es so bis zum nächsten Morgen stehen. Dann seihe es ab, koche es zu einem Sirup ein und bewahre ihn so auf.
Anmerkung: Etwa 125 ml (ein Viertel Pint) Veilchen ergeben etwa 0,5 l (ein Pint) Sirup.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| a reasonable quantity of Violetts | eine angemessene Menge Veilchen, verlesen und gewogen | - | Eigener Garten, nur ungespritzte Blüten (Frühjahr) | - |
| halfe a pound of sugar | etwa 225 g (ein halbes Pfund) Zucker auf ein Viertel Veilchen, sehr fein gestoßen | 225 g | - | - |
| halfe a pint of water | etwa 250 ml (ein halbes Pint) Wasser | 250 ml | - | - |
Was ist das? Ein Veilchensirup aus einem heißen Aufguss: Zuckerwasser wird gekocht, abgeschäumt und siedend über die klein geschnittenen Veilchen gegossen. Der Ansatz steht zugedeckt bis zum nächsten Morgen, wird abgeseiht und zum Sirup eingekocht. Die Blüten selbst kochen nicht mit.
Die Veilchen. Das englische violet ist nach Britten und Holland (1886) der Sammelname der Veilchen, besonders des Duftveilchens (Viola odorata), das Lyte „Sweet Violet“ nennt. Welche Art gemeint ist, sagt die Handschrift nicht. Verlesen und gewogen werden die Blüten vor dem Schneiden.
Das Viertel. Wie viel Veilchen auf das halbe Pfund Zucker kommen, hängt am Wort quarterne: ein Viertel Pint, ein Viertelpfund oder ein Viertelhundert. Die Schlussnotiz rechnet mit einem Viertel Pint Veilchen für ein Pint Sirup.
Das Einkochen. Wie weit eingekocht wird, sagt der Text nur mit „boyle it up to a Sirrope“; eine Probe nennt er nicht. Die Stenglerin prüft ihren Veilchensaft (1554, mst-110) mit einer Ahle, von der er langsam abrinnen soll; für dieses Rezept ist das nicht belegt.
Einordnung. Das Register des Buchs führt den Sirup unter den Arzneien („Phisike & Chirurgery“), der Eintrag selbst nennt aber weder eine Krankheit noch eine Gabe. Er steht hier als Zubereitung, nicht als Hausmittel. Siedendes Zuckerwasser verbrüht beim Aufgießen und Einkochen leicht.
Was bedeutet „quarterne“?
Ein Viertel, aber wovon, sagt die Handschrift nicht. Ludwig (1706) kennt quartern als Viertel Pint, Cotgrave (1611) als Viertelpfund oder Viertelhundert. Weil die Veilchen erst gewogen werden, liegt ein Gewicht nahe; die Schlussnotiz rechnet dagegen mit einem Viertel Pint Veilchen für ein Pint Sirup.
Wozu diente der Sirup?
Der Eintrag sagt es nicht. Das Register des Buchs führt ihn unter „Phisike & Chirurgery“, also bei den Arzneien. Butler (1623) schreibt seinem Veilchensirup zu, er mäßige und führe heiße und scharfe Säfte ab (but-013); das ist seine Behauptung, nicht die dieser Handschrift.
Wie lange hält sich der Sirup?
Die Handschrift nennt keine Dauer, sie sagt nur „soe keepe it“, bewahre ihn so auf. Butler (1623) sagt von seinem Veilchensirup, gut eingekocht halte er sich ein Jahr; für dieses Rezept ist das nicht belegt.
Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?
Ja. Es braucht nur Veilchen, Zucker und Wasser, einen Kochtopf und einen Topf, der sich über Nacht dicht zudecken lässt. Der Engpass ist die kurze Veilchenblüte im Frühjahr.
Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?
Dieses Rezept stammt aus dem Rezeptbuch der Sarah Longe (17. Jh., Nachträge bis 18. Jh., England). Das handschriftliche Haushaltsbuch, das Mrs Sarah Longe im 17. Jahrhundert anlegte, vollständig in seinen drei Schichten: Longes Hauptteil mit eigenem Register (Eingemachtes, Biskuits und Kuchen, Cremes und Possets, einige Fleisch- und Fischgerichte, ein Metheglin und ihre Heilmittel), Nachträge späterer Hände des 17. Jahrhunderts mit Salben, Kräuter-Ales, Obstweinen, China Ale und Usquebaugh, und Spätnachträge des 18. Jahrhunderts mit Weinen, Gelees, Cremes und Kuchen.
- gally pott
Gallipot, nach Ludwig (1706) „ein weiß irdenes geschirre oder töpffgen, darein man salben, latwergen ꝛc. thut“: ein weißer Irdenwarentopf für Salben und Latwergen, hier für den Aufguss über Nacht.
Normdaten der Zutaten
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| a reasonable quantity of Violetts | violet Q146095 |
| halfe a pound of sugar | unrefined cane sugar Q57656231 |
| halfe a pint of water | water Q283 |
Lesarten
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
a quarterne of Violetts
Gewählte Lesart: Als „ein Viertel Veilchen“ wiedergegeben, ohne die Einheit festzulegen. Ludwig (1706) gibt quartern als „der vierdte theil eines nöſels … un quart de pinte“, also ein Viertel Pint; dazu passt die Schlussnotiz „A quarter of a pint of Violetts will make a pint of sirrope“.
Andere mögliche Lesarten:
- Ein Viertelpfund Veilchen, nach Gewicht. - Der Text sagt vorher „weigh them“. Cotgrave (1611) setzt quarteron mit „a quarter of a pound“ gleich, und Robert May (1660) misst „a quartern of sugar“.
- Ein Viertelhundert, also 25 Blüten. - Cotgrave (1611) nennt auch „a quarterne (or the fourth part) of an hundreth“. Wer zählt, muss aber nicht wiegen.
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Stand dieser Fassung: 06.11.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.
